Interview zu Opel-Dokumentarfilm Arbeit. Heimat. Opel.

Die Autoproduktion bei Opel in Bochum endet 2016. Trotz der düsteren Aussichten schleifen und bohren sich sechs Azubis zum Industriemechaniker. Die Filmemacher Michael Loeken und Ulrike Franke haben die Lehrlinge zwei Jahre lang begleitet. WDR.de sprach mit ihnen über Träume, Hoffnungen und Ängste der Jugendlichen.


Die Filmemacher Michael Loeken und Ulrike Franke beschäftigen sich seit vielen Jahren mit dem Ruhrgebiet, der Landschaft und den Menschen. In "Losers and Winners" zeigten sie, wie 400 chinesische Arbeiter im Ruhrgebiet die Kokerei Kaiserstuhl in Einzelteile zerlegten und in ihre Heimat verschifften. Für den Dokumentarfilm erhielten sie 2009 den Grimme Preis. In "Arbeit Heimat Opel" porträtieren die Kölner Filmemacher die Lehrlinge Jerome, André, Sinan, Tim, Marius und Marcel, die 2009 ihre Ausbildung zum Industriemechaniker bei Opel in Bochum begonnen haben. Alle sechs Jugendlichen gehören zur Ausbildungsgruppe des Industriemechanikers Achim Kranz, der seine Schützlinge liebevoll "meine Blagen" nennt. Der Film begleitet die jungen Auszubildenden vom Start ins Berufsleben bis zur Zwischenprüfung. Entstanden ist die WDR-Produktion im Rahmen des Kulturhauptstadtprojekts "Next Generation".

WDR.de: Wie sehr hat Sie beschäftigt, was mit Opel passiert?


Michael Loeken: Opel ist im Ruhrgebiet so eine große Sache, dass man automatisch ein Ohr dran hat, was da passiert und die Nachrichten darüber verfolgt. Außerdem hat uns die Idee vom Schauspiel Essen sehr interessiert, etwas mit Jugendlichen zu machen, die in der Industrie ausgebildet werden - und das auf dem Hintergrund eines Industriezweigs, der in gewisser Weise schwankt, wenn man es vorsichtig ausdrückt.

WDR.de: Wie haben Sie die Jugendlichen wahrgenommen?

Ulrike Franke: Ich war zunächst erstaunt, wie jung die Auszubildenden eigentlich sind. Mit 16 Jahren habe ich noch andere Sachen gemacht, da musste ich nicht um vier Uhr morgens aufstehen und durchs halbe Ruhrgebiet fahren, um dann um sieben Uhr so eine relativ harte Arbeit zu beginnen. Alle - und das hat mich sehr beeindruckt - waren total heimatverbunden und sehr stark im Ruhrgebiet verwurzelt. Auch ihre Wünsche und Träume sind einem sehr nahegegangen. Dass ein Lebenstraum darin besteht, nicht arbeitslos werden zu wollen, das lässt schon wahnsinnig tief blicken.

WDR.de: Welche Entwicklungen konnten Sie in diesen zwei Jahren beobachten?

Loeken: Man sieht, wie diese jungen Gesichter plötzlich zu Erwachsenen werden. Sie haben mit großem Elan angefangen und haben den großen Optimismus auch beibehalten. Aber: Sie haben trotzdem immer mehr den Ernst der Lage erkannt. Ein Stück weit sind ihre Träume zurechtgerückt geworden. Es wird ihnen auch klar, dass alles was sie erreichen möchten, nicht einfach automatisch läuft.

WDR.de: Wie wirkte die Krise auf die Auszubildenden?

Loeken: Sie beschäftigen sich nicht so damit. Sie blenden das ein Stück weit aus, wahrscheinlich auch aus Selbstschutz. Aber in ihrer Gesamtentwicklung denke ich schon, dass ihnen der Ernst der ganzen Situation – nämlich eine Ausbildung zu machen und später Arbeit zu finden – immer bewusster wird.

WDR.de: Bohren, schleifen, drehen - was haben Sie in den zwei Jahren gelernt?

Franke: Ich habe mich einfach in meine Zeit als Jugendlicher zurückversetzt gefühlt. Als man noch nicht wusste, worauf läuft es hinaus, wo werde ich landen. Diese Zeit der extremen Unsicherheit. Der Wunsch von zu Hause auszuziehen oder auch so eine Figur wie den Meister Kranz, das sind Dinge, die hat jeder Mensch in seinem Leben erlebt. Die berühren die Menschen, ganz egal, ob das im Opel Werk ist, in einer Ausbildungsstätte oder in einer Grundschule.

WDR.de: Wird man nach diesem Film selbst zum Opelaner?

Franke: Ich bin kein Opelaner (lacht). Nicht die Marke spielt für mich eine wichtige Rolle, sondern das Zugehörigkeitsgefühl. Opel gehört absolut zum Ruhrgebiet. Dieses Schreckenszenario, wenn Opel in Bochum wegbrechen würde, was passieren würde. Es ist einfach ein wahnsinniges Stück Identität. So habe ich das auch bei den Jungs gesehen. Die fühlen sich nicht als Opelaner, weil sie einen Manta fahren, sondern, weil es ein Stück Identität für sie ist.

Loeken: Das Interessante ist, wie sehr der Traum und der Wunsch, was die Zukunft angeht, mit der Arbeit zusammenhängen und wie man daraus seine Identität zieht. Die Landschaft, die Menschen und was da vor sich geht, sind das Spannende. Es passieren ja entscheidende Sachen in der Region, die letztlich auch für das gesamte Land gültig sind.

WDR.de: Wie wird die Zukunft der Sechs aussehen?

Franke: Ich denke, die müssen sich auf viele Wechsel und viele Unsicherheiten einstellen. So wie der Meister es den Jungs auch gesagt hat: Sie müssen sich bewegen, sie müssen dahingehen, wo es Chancen gibt. Das steht natürlich im Widerspruch zu ihrer Heimatverbundenheit. Sie müssen sehr kreativ sein, um einen Weg zu finden, dass sie nicht in der Leiharbeit landen.

Das Gespräch führte Simone Maurer


Stand: 13.12.2012, 00.00 Uhr


Kommentare zum Thema (3)

letzter Kommentar: 16.12.2012, 01.31 Uhr

Henning schrieb am 16.12.2012, 01.31 Uhr:
Das war eine der besten Dokumentationen die ich in diesem Jahr gesehen habe. Beeindruckend fand ich die Parallelen zu meiner Aus- bildung, obwohl diese bereits 30 Jahre zurückliegt. Ganz so düster wie der Ausbildungsmeister die Zukunft der Azubis prognostiziert, würde ich diese jedoch nicht einstufen. Alle Azubis machten einen sehr auf- geweckten und kompetenten Eindruck, und alle haben ihr Ausbildungsziel erreicht. Der Beruf des Industriemechanikers ist nach wie vor gefragt, auch außerhalb von Opel. Hinzu kommt der demografische Wandel, wo Fach- arbeiter Mangelware werden. Einige der Azubis werden sich weiterqualifizieren zum Meister,Techniker, Ingenieur oder Betriebswirt. Ich bin mir sicher, dass keiner der 6 Jugendlichen das Ruhrgebiet ungewollt verlassen muß, oder eine große Gefahr besteht auf Dauer erwerbslos zu sein oder keine Zukunftsperspektiven zu haben.
Penelope schrieb am 13.12.2012, 14.13 Uhr:
.......je mehr der Ruhr-Nebel der letzten Industriejahrzente sich lichtet, desto deutlicher wird, dass "hier im Revier" seitens der Politik und der Wirtschaft fast alle relevanten Entwicklungen verschlafen worden sind. Wir hätten im Ruhrgebiet schon längst ein zweites "Silicon Valley" o.ä. haben können, wenn tatkräftig gehandelt worden wäre. Der viel zitierte Strukturwandel erscheint im Lichte der aktuellen Entwicklungen (Opel, ThyssenKrupp) jedoch als Trugbild. Mutwillig ist fast alles verschlafen worden. Die "Leidensfähigkeit" der Menschen im Revier ist überstrapaziert! Ihr Gockel auf den kommunalen Misthaufen - macht euch bitte schnell von denselben.
o(pel)tempora o(pel) mores schrieb am 13.12.2012, 08.16 Uhr:
"Ulrike Franke: Ich war zunächst erstaunt, wie jung die Auszubildenden eigentlich sind. Mit 16 Jahren habe ich noch andere Sachen gemacht, da musste ich nicht um vier Uhr morgens aufstehen und durchs halbe Ruhrgebiet fahren, um dann um sieben Uhr so eine relativ harte Arbeit zu beginnen" Eben das ist das Luxus-Problem unserer Gesellschaft. Diese in Luxus und Wirtschaftsboom aufgewachsene Generation, der die gebratenen Vögel in den Mund fielen, sollen nun am Ende ihrer Luxuslebenszeit die Ärmel hochkrempeln um den nächsten Generationen das Land in gutem Zustand zu überlassen? Überbordende Pensionen künden vom Gegenteil, die letzten guten Renten des Bergbaus gehen momentan den Weg aller Dinge und der begüterte Stahlrentner wird auch schon eine Rarität, der gutsituierte Rentner mit dicker Betriebsrente aus dem Maschinen- und Autobauberreich wirds so nicht mehr geben, aber der Pensionär mit Monatsüberweisung von 4300 Euro NETTO vermehrt sich!