Kongress zur Transkulturellen Psychiatrie Sprache der Gefühle verstehen

Von Elif Senel

Eine "zerstückelte Leber", ein "erkälteter Kopf" - die Seele liegt am Boden. Einwanderer beschreiben psychische Leiden oft anders als Deutsche. Seit Donnerstag (06.09.2007) beschäftigt sich ein Kongress mit dem Thema.


Ein Schild an einem Therapieraum mit der Aufschrift "Therapie bitte nicht stören"
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In der Migrantenambulanz finden ausländische Patienten Hilfe

Manchmal reicht es nicht, eine Sprache zu beherrschen, um sich verständlich zu machen: Klagt ein Iraner vor einem Arzt, seine "Leber sei zerstückelt", spricht er nicht von einem körperlichen Leiden, sondern spricht von innerer Zerrissenheit. Der "erkältete Kopf" aus dem Mund eines türkischen Patienten soll ausdrücken, dass er glaubt, den Verstand zu verlieren. Das Gefühl der Sprachlosigkeit ist eine Erfahrung, die viele Einwanderer in Deutschland machen, vor allem, wenn es um psychische Probleme geht. Auch Selim Öztürk (Name von der Redaktion geändert) musste das erleben. Die Krankenakte des Türkischstämmigen ist ein Zeugnis seiner Odyssee von einem Spezialisten zum anderen. Niemand konnte die Beschwerden des 40-jährigen Familienvaters einordnen. Monatelang klagte er, sein Herz und sein ganzer Köper sei von Schmerzen geplagt und jucke, er sei nicht in seiner Haut. Immer wieder wurde geröntgt und wurden EKGs vorgenommen - alles ohne Befund.

Fehldiagnosen sind keine Seltenheit

"Seine Sprache war sehr beschränkt", erklärt Solmaz Golsabahi, Ärztin in der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in Hamm. "Aber ich habe versucht, mich auf seine Sprache einzulassen. Wir fanden mit der Zeit heraus, dass er einige Probleme mit seinen Kindern hatte und dass er sich sehr eingeengt fühlte." Die junge Ärztin diagnostizierte eine depressive Erkrankung. Der Fall dieses Mannes sei keine Ausnahme, sagt Solmaz Golsabahi. Oft würden Erkrankungen viel zu spät erkannt.

Übersetzen reicht nicht aus

Viele Patienten vor allem aus dem Mittelmeerraum, dem Nahen und Fernen Osten wie Selim Öztürk, berichten Ärzten oft von körperlichen Beschwerden, auch wenn die Ursache in der Psyche liegt. "Von China bis zum Bosporus versteht man Körper und Geist als Einheit. Wenn die Seele krank ist, kann auch der Körper nicht gesund sein", sagt Solmaz Golsabahi. Sie beruft sich auf eine Studie der WHO zu den Symptomen für Depressionen im Nahen Osten.

Danach würden proportional doppelt so häufig wie in Ländern des klassischen Abendlandes körperliche Beschwerden angegeben. "Daher ist es wichtig, die kulturellen Hintergründe einzuordnen", betont Solmaz Golsabahi. Es reiche nicht die Beschwerden einfach ins Deutsche zu übersetzen, erklärt die Ärztin: "Wenn ein iranischer Patient sagt: 'Mein Herz ist gebrochen, ich liege am Boden. Sie können über mich gehen', dann hat er kein organisches Problem oder gar Selbstmordgedanken. Es heißt zunächst einmal, dass es ihm einfach nur schlecht geht." Durch solche Missverständnissen käme es sogar vor, dass Patienten jahrelang mit falschen Psychopharmaka behandelt würden.

Einzug in die Praxis

Um für die Transkulturelle Psychiatrie den Blick zu schärfen organisiert Solmaz Golsabahi den ersten gemeinsamen Kongress im deutschsprachigen Raum. 200 Teilnehmer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz kommen an die Universität Witten/Herdecke. Auch Murat Ozankan ist dabei. Er ist zuständiger Oberarzt in der psychiatrischen Migrantenambulanz der Rheinischen Kliniken in Langenfeld. "Es gibt inzwischen gute Fortschritte auf dem Gebiet", sagt er und resümiert: Anfang 2005 wurde die Migrantenambulanz für Türken in Langenfeld eröffnet. Bald darauf wurde das Personal sogar aufgestockt und das Behandlungsangebot erweitert.

Mehr als 4.000 Patienten haben seit der Eröffnung Hilfe in der Ambulanz gefunden. "Mittlerweile kommen die Patienten auch aus anderen Bundesländern. Unter ihnen sind auch viele Marokkaner und Iraner." Langenfeld hat inzwischen einige Nachahmer gefunden, "schließlich ist es ja ein Thema von großer gesellschaftlicher Relevanz", bestätigt Solmaz Golsabahi. Allein die Schweiz hat einen Ausländeranteil von 20,7 Prozent, Deutschland und Östereich liegen bei 8,8 und 8,9 Prozent. Während die Referenten zum Großteil selbst so genannten Migrationshintergrund haben, stellt sie fest, dass zwei Drittel der Kongressteilnehmer keinen haben. "Man muss nicht selbst Migrant sein oder gar alle Kulturen der Welt kennen, um helfen zu können. Nur die Kunst beherrschen, sich auf eine andere Sprache und ihre Hintergründe einzulassen. Das betrifft gleichermaßen Deutsche und Nicht-Deutsche."


Stand: 06.09.2007, 06.45 Uhr