Wissenschaftler beklagt mangelnde Integration Das stille Leiden der Italiener

Von Nina Giaramita

Die Mafia-Morde von Duisburg beschäftigen seit dieser Woche eine deutsch-italienische "Task Force". Die Integrationsprobleme der italienischen Gemeinschaft bleiben aber laut dem Münsteraner Migrationsforscher Hunger weiterhin unbeachtet.


Kerzen vor dem Tatort in Duisburg
Bild 1 vergrößern +

Ratlosigkeit nach den Mafia-Morden in Duisburg

Nach dem sechsfachen Mafia-Mord in Duisburg im August diesen Jahres engagieren sich nun deutsche und italienische Sonderermittler mit vereinten Kräften. Während für den Kampf gegen die Mafia viel Einsatz gezeigt wird, blieben die wahren Probleme italienischer Einwanderer bestehen, sagt Uwe Hunger.

WDR.de: Es gibt in Deutschland generell die Annahme, dass die italienische Community hier gut integriert ist. Ihnen liegen aber Zahlen vor, die anderes belegen.

Uwe Hunger: Gerade, wenn man sich die für die Integration wichtigen Schlüsselbereiche anschaut wie den Bildungsbereich, dann sieht man, dass die Italiener zu den Einwanderergruppen gehören, die am schlechtesten abschneiden. Beispielsweise liegt der Anteil von italienischen Schülern, die auf die Sonderschule gehen, in einigen Bundesländern bei 16 Prozent. Das ist ein Riesenwert. Das Gleiche gilt für den Arbeitsmarkt. Die Arbeitslosenquote unter den Italienern ist eine der höchsten. Knapp 20 Prozent der Italiener sind arbeitslos, bei den Spaniern beispielsweise sind es nur rund 14 Prozent. Auch, was die Facharbeiter- und Angestelltenquote angeht, fallen die Italiener doch deutlich hinter andere Einwanderergruppen zurück.

WDR.de: Woran liegt das?

Hunger: Das liegt zu einem nicht unerheblichen Teil an der mangelnden Emanzipation der italienischen Einwandererorganisationen. In Deutschland gab es gerade zu Beginn der Einwanderung ein System der Betreuung von Migranten durch Wohlfahrtsverbände. Die Caritas war zuständig für Italiener und Spanier, der Paritätische Wohlfahrtsverband dagegen war für die türkischen Zuwanderer verantwortlich. Zwischen den Italienern und der Caritas hat sich in der Zeit eine sehr enge Bindung ergeben, die bis heute anhält. Das hat dazu geführt, dass die italienische Community im Gegensatz beispielsweise zu den Spaniern ihr Schicksal kaum selbst in die Hand genommen hat.

Die Spanier dagegen, die ja vor allem zu Zeiten des Franco-Regimes eingewandert waren, waren von vornherein sehr politisiert. Spanische Migranten haben schon in den siebziger Jahren Elternvereine gegründet. Die haben beispielsweise dafür gekämpft, dass das System der so genannten Nationalklassen aufgebrochen wurde. Bei diesem System wurden die verschiedenen Nationalitäten in eigenen Klassen unterrichtet. Diese wurden zu einem großen Teil an den Hauptschulen angesiedelt - was letztendlich dazu geführt hat, dass Ausländer generell schlechtere Abschlüsse erreichten. Die spanischen Elternvereine sind dann insbesondere in Nordrhein-Westfalen zu den Behörden gegangen und haben gesagt, unsere Kinder sollen gemeinsam mit deutschen Schülern unterrichtet werden. Bei den italienischen Migranten fehlte so eine Initiative ganz. Da ist man eher davon ausgegangen, dass weniger die Eltern für die Schullaufbahn verantwortlich sind als die Lehrer oder auch das italienische Konsulat.

WDR.de: Die Italiener gelten aber dennoch als eine Einwanderergruppe, die in Deutschland angekommen ist und sich erfolgreich integriert hat. Wie lässt sich dieses Phänomen erklären?

Hunger: Viele sagen, das läge an der kulturellen Nähe zu den Deutschen. Und es ist tatsächlich so, dass es einen hohen Anteil deutsch-italienischer Ehen gibt, es bestehen auch viele Freundschaftsnetzwerke zwischen Deutschen und Italienern. Kulturelle Abschottung besteht also nicht in so hohem Grad wie beispielsweise bei der türkischen Community. Trotzdem ist es falsch, immer davon auszugehen, dass jemand mit Kopftuch größere Integrationsprobleme hat als jemand, der aus Europa kommt und derselben Religion angehört. Die objektiven Daten zeigen, dass man diesen Schluss nicht unbedingt ziehen kann.

WDR.de: Bilden also auch die italienischen Migranten Parallelwelten, abseits von der deutschen Gesellschaft?

Hunger: Vor allem im Arbeitsmarktbereich sind die Italiener doch oftmals weitestgehend unter sich. Nicht wenige sind ja im Gastgewerbe tätig, und da kann man schon von engen Verbindungen untereinander sprechen. Die ethnische Ökonomie bietet auch eine Nische, wo man Unterschlupf finden kann. Viele haben ganz ohne einen Schulabschluss oder nur mit einem Hauptschulabschluss auch gar keine andere Möglichkeit.

WDR.de: Die Mafia-Morde in Duisburg haben viele aufgeschreckt. Zum ersten Mal wurde vielen bewusst, dass sich in der italienischen Community teils problematische Strukturen gebildet haben. Glauben Sie, dass die Maßnahmen, die jetzt ergriffen werden, auch das Problem der mangelnden Integration im Auge behalten?

Hunger: Ich bin noch nicht sicher, ob jetzt tatsächlich mal was in Angriff genommen wird. Es gab vor zwei Monaten eine große Konferenz in Berlin, wo es um die Bildungssituation von Schülern mit Migrationshintergrund ging. Aber selbst dort, wo viele internationale Wissenschaftler und alle großen Stiftungen vertreten waren, wurde die Gruppe der Italiener in Deutschland mit keinem Wort erwähnt. Das stille Leiden der Italiener ist meinem Eindruck nach noch immer kein Thema. Es gibt da auch 50 Jahre nach Beginn der Einwanderung keinen Aufbruch - weder von Seiten der Politik noch von den Einwanderern selbst.

Das Gespräch führte Nina Giaramita.


Stand: 14.12.2007, 06.00 Uhr