WDR-Fernsehfilmchef über den Film "Wut" "Es ist unsere Aufgabe, mutig zu sein"

Der Film "Wut" erhitzt schon vor der Ausstrahlung am Freitag (29.09.2006) die Gemüter. Ist er jugendgefährdend oder gar fremdenfeindlich? WDR.de sprach mit WDR-Fernsehspielchef Gebhard Henke über das polarisierende Werk.


Szene aus dem Spielfilm "Wut"
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Szene aus dem Spielfilm "Wut"

Als Teenager mit bildungsbürgerlichem Hintergrund ist der Schüler Felix (Robert Höller) in "Wut" für den jungen Berliner Türken Can (Oktay Özdemir) ein willkommenes Opfer. Hilflos erträgt der 14-Jährige die Schikanen des Türken, bis sein Vater Simon (August Zirner) eingreift. Die Situation spitzt sich zu: Can beginnt, die Professorenfamilie systematisch zu terrorisieren. Schließlich wendet Simon selbst Gewalt an. "Wut" ist eine WDR-Produktion unter der Regie von Züli Aladag, ein Film über Jugendgewalt und Integration in Deutschland, eine Geschichte ohne "Happy End".

WDR.de: Die WDR-Produktion "Wut" hat bereits vor der Ausstrahlung für großes mediales Echo gesorgt. Der Film mache den Zuschauer "zum Komplizen des Hasses auf einen Fremden" befand der Spiegel. Ist diese Kritik berechtigt?


 Prof. Gebhard Henke
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Prof. Gebhard Henke

Prof. Gebhard Henke: Nein. Die Spiegel-Kritik fasst den Film, der in der Tat brisant und auch provozierend ist, sehr einseitig zusammen. Richtig ist, dass der Film sich traut, einen Ausländer als Bösen darzustellen. Dieses Thema ist weitgehend tabuisiert. Es aufzugreifen, heißt aber nicht, rassistisch oder ausländerfeindlich zu sein. Im Gegenteil. Die Figur des Hauptdarstellers Can wird sehr differenziert dargestellt. Man entwickelt durchaus Verständnis für ihn. Auch die deutsche Familie und ihre zweifelhaften Werte kommen nicht gut weg. Can erkennt genau, wo die deutsche Professorenfamilie verlogen und unaufrichtig ist.

Can könnte genauso gut ein Deutscher sein. Das Aufregende an dem Film ist: Beide Positionen haben Recht und Unrecht zugleich. Das schaukelt sich so hoch, dass es keine eindeutigen Antworten mehr geben kann.

Und man muss sehen: Die Debatte über Integration ist in Deutschland gerade erst richtig entbrannt. Ein Film soll ein Beitrag zu dieser Diskussion sein, auch wenn er kein "gutes" Ende hat und keine Lösung aufzeigt. Wir stellen mit dem Mitteln der Fiction eine schwierige Realität dar, die insbesondere von Erwachsenen nicht gern gesehen wird. Kinder und Jugendliche, die den Film kennen, reagieren ganz anders. Sie finden gut, dass wir zeigen, welche Form von Gewalt auf Schulhöfen und auf der Straße vorkommt und welche Sprache dort gesprochen wird. Sie knüpfen daran an und wollen wissen "Was macht man jetzt damit?".

WDR.de: Welche Erwartungen hatten Sie während der Produktionsphase des Films - und wurden Ihre Erwartungen erfüllt?

Henke: Die nun öffentliche Diskussion haben wir bei der Stoffentwicklung zwei Jahre lang geführt. Wir haben die Geschichte sehr intensiv und von Anfang an sensibel betreut. Meine Erwartungshaltung war, dass wir uns abseits von "Political Correctness" bewegen.

Das ist zwar riskant. Aber auf der anderen Seite hat der WDR immer schon Filme realisiert, die polarisieren und die wichtige Debatten anstoßen oder dazu beigetragen haben. Bekannte Beispiele dafür sind "Das Millionenspiel", "Smog", "Die Konsequenz" und "Schande". Wir müssen uns trauen, auch Filme zu zeigen, von denen wir von vornherein wissen, dass nicht alle damit glücklich sein werden. Es ist unsere Aufgabe als gebührenfinanziertes Fernsehen, mutig zu sein. Es war jedoch auch immer beabsichtigt, diesen Film auch im Hauptabendprogramm zu zeigen.

WDR.de: Der Film sollte eine "engagierte, kontroverse, weiterführende Diskussion auslösen", wie es WDR-Intendant Fritz Pleitgen ausgedrückt hat. Ist das auf dem späten Sendeplatz am Freitagabend noch möglich?

Henke: Ich hoffe sehr, dass der Film trotz des späteren Sendetermins ein größtmögliches Publikum findet. Im WDR haben wir lange darüber beraten, um welche Uhrzeit der Film gezeigt werden soll. Dazu gehörte eine Gesprächsrunde, zu der Intendant Fritz Pleitgen eingeladen hatte mit allen wichtigen Beteiligten und auch dem jungen Hauptdarsteller Oktay Özdemir sowie dem Regisseur Züli Aladag. Letzterer habe gesagt, dies ist ein Film für junge Menschen. Gerade die müssen ihn sehen können! Natürlich gibt es Gewaltszenen, weil auch diese auf der Straße und anderswo vorkommen. Eingebettet in eine Diskussionssendung wäre dem Jugendschutz, den wir sehr ernst nehmen, ebenso wie der gesellschaftlichen Realität Rechnung getragen worden. Es ist anders gekommen. Wie der Film läuft die von Sandra Maischberger und Asli Sevindim moderierte Diskussion nun im Nachtprogramm. Damit ist eine Chance vertan worden.

WDR.de: Der Hauptdarsteller des Films, Oktay Özdemir, hat in einem Interview erklärt, jeder Kritiker des Films solle sich besser im richtigen Leben dafür einsetzen, dass Leute wie die Film-Figur Can nicht auf die schiefe Bahn geraten. Was sollten Ihrer Meinung nach die Zuschauer aus dem Film ins reale Leben mitnehmen?

Henke: Es ist nur ein Film, nicht die Realität selbst, auch wenn er realistisch wirkt. Aber ein Film ist immer eine Modellversion über menschliches Verhalten, sehr zugespitzt auf 90 Minuten. Ich glaube nicht, dass "Wut" so etwas wie eine Handlungsanleitung bietet. Nur weil der Film nicht gut endet, werden die Zuschauerinnen und Zuschauer die Integration in Deutschland nicht für gescheitert erklären. Eher glaube ich, dass der Film und die aktuelle Debatte das Gegenteil bewirken. Der Zuschauer wird hoffentlich sensibilisiert und denkt darüber nach, wie Integration verwirklicht werden kann. Ich hoffe, dass der Film hilft, diese verlogene und verklemmte Debatte zu beenden.

Das Interview führte Rainer Striewski.


Stand: 28.09.2006, 13.31 Uhr