Stichtag

30. Oktober 1964 - Naturpark Rothaargebirge wird eröffnet

Wer die Natur liebt, muss Norbert Hoffmann um seinen Arbeitsplatz beneiden. Das ganze Jahr über streift der gebürtige Essener durch die vielleicht schönste Landschaft, die Nordrhein-Westfalen zu bieten hat. Seit 2003 arbeitet Hoffmann als Ranger im Naturpark Rothaargebirge, Deutschlands zweitgrößtem Landschaftsschutzgebiet.

Es ist eine Region der Gegensätze, geprägt von Hügelketten, Tälern und Flüssen, Wäldern und Weideland. Verstreut hier und da einige Dörfer und Städtchen. Den Kern bildet das Hochsauerland mit dem Kahlen Asten und seinen Wintersportgebieten. Deutlich wärmer ist es gleich nebenan in der Medebacher Bucht, der "Toskana des Sauerlands". Seit 50 Jahren dehnt sich von dort der Naturpark Rothaargebirge über das Wittgensteiner Land und den Kreis Olpe bis ins Siegerland aus.  

Eröffnung mit Bundespräsident

Seine Entstehung verdankt das heute über 1.300 Quadratkilometer große Schutzgebiet Adalbert Müllmann, Oberkreisdirektor von Brilon und später erster Verbandsvorsteher des Naturparks. Waldbesitzer, Bauern und Unternehmer im Sauerland lehnen seine Idee anfangs strikt ab. "Wir werden wahrscheinlich nur als Parkwächter gebraucht. Das wollen wir nicht, wir wollen eine Wirtschaftsregion sein", fasst Müllmann die Bedenken seiner Gegner zusammen. Fast 700 Einsprüche muss das Kultusministerium in Düsseldorf bewältigen, bis der Naturpark Rothaargebirge am 30. Oktober 1964 offiziell eröffnet werden kann.

Obwohl gerade müde von einer Afrika-Reise heimgekehrt, wohnt auch Bundespräsident Heinrich Lübke dem großen Festakt in Bad Laasphe bei. Schließlich wurde er ganz in der Nähe, in Enkhausen, geboren. So lässt es sich der heimatverbundene Sauerländer nicht nehmen, bei trübem Wetter eine halbe Stunde durch den bunten Herbstwald zu wandern. Im Kreise von Politikern und Honoratioren labt sich das Staatsoberhaupt in einer Jagdhütte an Spießbraten und begießt mit einigen Bieren die Eröffnung des Naturparks.

Frische Luft für Kohlenpott-Menschen

Vom ersten Tag an strömen Ruhe suchende Wanderer und Kurzurlauber in den Naturpark – vor allem die Menschen aus dem verrußten Kohlenpott. "Unsere frühere Ärztin hat alle Leute, die Bronchitis hatten, statt Antibiotika zu verschreiben, immer auf die Hochheide bei Willingen geschickt", erzählt eine Touristin dem Ranger Hoffmann. Die Luft über der Ruhr verbessert sich im Laufe von fünf Jahrzehnten erheblich, doch das Rothaargebirge büßt nichts von seiner Anziehungskraft als Naturoase vor der Haustür ein. Hoffmann und seine Kollegen wachen mit Argusaugen darüber, dass dies so bleibt, denn laute Musik, wildes Campen, Lagerfeuer und Parken sind in der geschützten Landschaft streng verboten.

Oft müssen die Ranger die Herkunft des Namens Rothaargebirge erklären. Der hat nichts mit Farbe und Haaren zu tun, sondern mit Roden und der Hardt, bedeutet also soviel wie gerodetes Waldgebiet. An den Bäumen machen sich seit einem Jahr auch zwölf bullige Neubewohner des Rothaargebirges zu schaffen. Die einzigen wild lebenden Wisente in Europa locken zwar scharenweise Ausflügler an, sie knabbern aber mit Vorliebe die Rinde von Buchen ab. Dagegen hat ein privater Waldbesitzer geklagt und Anfang 2014 Recht bekommen. Ob die beinahe handzahmen Wisente nun eingezäunt werden müssen oder weiter frei durchs Rothaargebirge ziehen dürfen, entscheidet demnächst eine Berufungskammer.

Stand: 30.10.2014

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