Stichtag

24. Oktober 2004 - Schönstes deutsches Wort gekürt

"Liebe ist nur ein Wort." Das behauptet Bestsellerautor Johannes Mario Simmel 1963 im Titel eines Romans über eine verhängnisvolle Affäre, die im Selbstmord mündet. Dass es sich bei "Liebe" um ein besonders schönes deutsches Wort handelt, verschweigt der Autor geflissentlich.

Anders Gloria Bosch aus Mallorca. Ihr ist die Attraktivität des Wortes durchaus bewusst. Darum reicht sie es in seiner Variante "Lieben" 2014 bei der Kür zum schönsten deutschen Wort ein. Die Jury ist zunächst skeptisch. "Es ist ein kompliziertes Wort, weil es so vernutzt ist", sagt etwa der Schriftsteller Uwe Timm. Aber Boschs Begründung überzeugt auch ihn."'Lieben' ist für mich das schönste deutsche Wort, weil es nur ein 'i' von „leben“ entfernt ist.“ Konsequenz: Bei der Bekanntgabe der Preisträger am 24. Oktober 2004 in der WDR-Sendung "WestArt" erreicht "Liebe" immerhin Platz drei. 

Die "Erfüllungsmelancholie" des Wolfgang Thierse

Initiiert wird die Wahl zum schönsten deutschen Wort vom eher unbekannten Deutschen Sprachrat: eine im Vorjahr gegründete Gesellschaft, die sich die Aufklärung, Sprachkritik und Diskussion über die deutsche Sprache auf die Fahnen geschrieben hat; Schirmherrin ist die Präsidentin des Goethe-Instituts und Sprachrats-Vorsitzende Jutta Limbach. Letztendlich beteiligen sich 22.000 Menschen an dem Wettbewerb, vornehmlich Frauen. Jeder vierte Einsender kommt aus dem Ausland. "Himbeerranke", "Wirrwarr" und "Funkeln" gehören ebenso zu den Vorschlägen wie "hinterfotzig", "Sternschnuppe", "Rhabarbermarmelade", "Miesepeter" oder  "Eierschalensollbruchstellenverursacher". 

Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) erklärt "Erfüllungsmelancholie" zu seinem Lieblingswort: "denn am Ende hat man beides: Erfüllung, Glücksgefühle – und eine Melancholie, weil plötzlich etwas abgeschlossen ist." 

Den Sieger falsch begründet 

Am Ende siegen laut Jury-Mehrheitsbeschluss die "Habseligkeiten", gefolgt von "Geborgenheit" und, eben, "lieben". Letztendlich ist es auch hier weniger der Begriff, als vielmehr die Begründung von Preisträgerin Doris Kalka, die überzeugt: "Das Wort verbindet zwei Bereiche unseres Lebens, die gegenseitiger nicht sein könnten: das höchste weltliche Haben, den irdischen Begriff – und das höchste, im irdischen Leben eigentlich unerreichbare Ziel: die Seligkeit." Das Wort beschreibe "so eine Sehnsucht, dass man ein paar Dinge in ein Tuch wirft, an einen Wanderstab bindet und geht", begründet Jury-Mitglied und Schriftsteller Jakob Hein die Entscheidung. 

Schön und poetisch ist Kalkas Begründung auf jeden Fall. Aber sie ist auch falsch. Denn der Wortstamm der "seligkeit" in den "Habseligkeiten" kommt von "sal", das auch in "Labsal" oder "Trübsal" vorkommt. Mit "selig" im Sinne von "glücklich" hat dies aus sprachwissenschaftlicher Perspektive offensichtlich herzlich wenig zu tun.

Stand: 24.10.2014

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