Stichtag

27. September 2005 - Vor 100 Jahren: Albert Einstein veröffentlicht Relativitätstheorie

Ein Mann sitzt in einem Zug und leuchtet mit einer Taschenlampe an die Decke des Wagens. Die spiegelt den Lichtstrahl zurück, ebenso der Boden. Der Fahrgast sieht eine senkrechte Lichtsäule. Eine Beobachterin, die den Zug vorbeifahren sieht, sieht dagegen eine Zickzack-Linie. Für sie durchläuft der Lichtstrahl ja nicht nur die Entfernung von Boden zur Decke (und umgekehrt), sondern auch die, welche der Zug während dessen zurücklegt. Albert Einstein nimmt den Unterschied ernst und schließt: Für die Beobachterin draußen vergeht die Zeit schneller, denn das Licht durchläuft für sie - obwohl gleich schnell - eine größere Distanz als für den Fahrenden.

Weil das die meisten Menschen nicht begreifen, gilt Albert Einstein als ein Genie. Als er die Erkenntnis formuliert, dass in Bewegung die Zeit langsamer vergeht als in der Ruhe, ist er ein unbekannter Angestellter des Schweizer Patentamts in Bern. In seiner Freizeit betreibt er Physik. 1905 - gerade 26 Jahre alt, verheiratet, ein Kind - veröffentlicht der Physiker drei Aufsätze in Fachblättern: Einer befasst sich mit Zitterbewegungen kleiner in Flüssigkeit eingelegter Teilchen. Einer zweiter trägt die These vor, das Licht müsse man sich unter bestimmten Bedingungen als aus Teilchen ("Lichtquanten") zusammengesetzt vorstellen. Für diesen Aufsatz wird Einstein 1921 den Nobelpreis erhalten, obwohl seine These durch die spätere Quantentheorie überholt wird. Der dritte Aufsatz hat den sperrigen Titel "Elektrodynamik bewegter Körper". Er befasst sich mit der Sache im Zug. Am 27. September 1905 veröffentlichen ihn die "Annalen der Physik". In die Annalen der Wissenschaft geht seine These als "Spezielle Relativitätstheorie" ein. Ihre berühmte Formel: e = m x c2. Das bedeutet: Die Energie von etwas entspricht dessen Masse multipliziert mit dem Quadrat der Lichtgeschwindigkeit.

Die Formel katapultiert Einstein aus dem Patentamt: 1909 wird er Professor in Zürich, 1911 in Prag, 1913 in Berlin. Hier entwickelt er seine "Allgemeine Relativitätstheorie". Spätestens als er den Nobelpreis erhält, gilt Einstein als das moderne Genie, wird zur Ikone der Wissenschaft. Dennoch muss er 1933 aus Deutschland fliehen, denn das Genie ist Jude. In Amerika, aus Angst vor Hitlers Bombe, macht er sich zum Fürsprecher für die praktische Umsetzung seiner Formel von 1905: für die Freisetzung der Energie im Atom, als Bombe. Er ist Pazifist, aber er fürchtet seine Kollegen im Nazireich, die das Geheimnis der Atomspaltung kennen.

Am 18. April 1955 stirbt Einstein in Princeton. Einen praktischen Beweis seiner Theorie von 1905 erlebt er nicht mehr. Als 1969 Astronauten zum Mond fliegen, tragen sie genau gehende Quartz-Armbanduhren. Bei ihrer Rückkehr gehen die eine Sekunde nach - genau die Zeit, welche die Männer im All durch ihre schnelle Bewegung gewonnen haben. Die Zeit, die der Mann im Zug seinem Leben hinzufügt, lässt sich mit einer Armbanduhr nicht messen, sie ist zu gering. Dennoch hat Einstein bewiesen, dass Reisen das Leben verlängert - je schneller, desto besser.

Stand: 27.09.05