Stichtag

9. Juli 1762 - Katharina II. wird Kaiserin von Russland

Preußens totale Niederlage im Siebenjährigen Krieg ist besiegelt. Friedrich der Große hat va banque gespielt und alles verloren. Doch das Schicksal bewahrt ihn und Preußen vor dem Untergang. Kinderlos stirbt im Januar 1762 plötzlich seine Erzfeindin Elisabeth, die Kaiserin von Russland. Zum Nachfolge hat sie ihren Neffen Peter III. bestimmt. Der in Kiel geborene Sohn des Herzogs von Schleswig-Holstein-Gottorf ist von Kindheit an ein glühender Bewunderer Friedrichs und seiner Armee. Kaum auf dem Thron, schließt Peter III. Frieden mit dem geschlagenen Preußen.

Verheiratet ist der neue Zar seit 1745 mit Großfürstin Katharina, geboren als Sophia von Anhalt-Zerbst am 2. Mai 1729 in Stettin. Friedrich der Große persönlich hatte sich für die Ehe zwischen der 15-jährigen Prinzessin aus dem unbedeutenden deutschen Fürstentum und Russlands Thronfolger eingesetzt. Doch Preußens König wird seine Ehevermittlung bereuen. Peter III. regiert noch keine sechs Monate, als Katharina ihn zur Abdankung zwingt und sich zur Kaiserin ausruft. Widerstandslos nimmt Peter den Staatsstreich hin. Acht Tage später wird er in Gefangenschaft ermordet, wohl mit Billigung seiner Frau.

Die Orlow-Verschwörung

Katharina sprüht vor Lebenslust, ist schön, intelligent, belesen und bildet im intensiven Briefwechsel mit Aufklärern wie Voltaire und Diderot ihr Politikverständnis. Ihre Ehe verlief wenig befriedigend. Hatte sie Peter III. anfangs "wirklich hübsch, liebenswürdig und wohlerzogen" genannt, bezeichnet sie ihn später als trunksüchtig und jähzornig. Die attraktive Großfürstin geht (zeitlebens) Liebschaften ein und bekommt 1752  – wohl von ihrem Kammerherrn – ihr erstes Kind. Peter III erkennt es der Staatsräson wegen an. Als Paul I. wird der Junge Katharinas Nachfolge antreten.

Grigori Orlow, Offizier der russischen Armee, ist zwölf Jahre lang Katharinas Geliebter. Wie andere hohe Staatsbeamte und Gardeoffiziere will er Peters schwache Regierung und Preußenliebe nicht hinnehmen. Mit Hilfe seiner Brüder, allesamt Offiziere, sammelt Orlow um Katarina eine Verschwörergruppe, die am 9. Juli 1762 zum Staatsstreich ausholt. Während die Garderegimenter in einer Kirche Katharina II. als neue Kaiserin Russlands proklamieren, legt Grigori Orlow dem Herrscher des größten Reichs Europas die Abdankungsurkunde vor. Peter III. unterschreibt. "Der Zar ließ sich entthronen wie ein Kind, das man zu Bett schickt", höhnt Friedrich der Große in Potsdam.

Durch Despotie zur Nation

Inspiriert von den Ideen der Aufklärung beginnt die nun 33-jährige Katharina , das zersplitterte, verknöcherte Russland zu einen und in die Gegenwart zu führen. Sie setzt zahllose Reformen durch, spannt ein Wirtschafts- und Verwaltungsnetz über das Riesenreich und baut Schulen in jedem Winkel. Sie wirbt Siedler jeglicher Religion an, um die endlosen Weiten zu bevölkern. Feldmarschall Grigori Potjomkin, bis zu seinem Tod Katharinas unverzichtbarer Liebhaber, Freund und Berater, erobert nicht nur Neurussland, die heutige Ukraine, sondern auch das gesamte Schwarzmeer-Gebiet. Er gründet Städte wie Odessa und organisiert überall ein funktionierendes Agrarwesen.  

Katharina hasst Despotismus, verteidigt aber unnachsichtig die absolute Macht, um ihren Ideen in allen Winkeln Russlands Geltung verschaffen zu können. Aufstände von Volksgruppen wie den Kosaken werden niedergeschlagen. Selbst eine Revolte der leibeigenen Bauern lässt sie blutig unterdrücken. Die Rückständigkeit ihres Reiches und dessen ungeheure Ausdehnung setzen ihrem Gestaltungswillen Grenzen. Trotzdem errichtet Katharina bis zu ihrem Tod am 17. November 1796 die Grundmauern der russischen Nation. Schon zu Lebzeiten verleiht Russland der Kaiserin aus Deutschland den Titel "die Große".

Stand: 09.07.2012

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