14. Januar 1892 - Der evangelische Theologe Martin Niemöller wird geboren

Stand: 16.01.2017, 20:00 Uhr

Der Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer ist im Herbst 1977 von Terroristen der Rote Armee Fraktion entführt worden. Drei Beamte des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg und der Fahrer sind tot und Schleyer verschwunden.

Die Entführer drängen auf die Freilassung von elf Häftlingen der Baader-Meinhof-Bande. Und der evangelische Pastor Martin Niemöller soll sie auf ihrem Flug in die Freiheit begleiten. "In der Funktion öffentlicher Kontrolle und Garantie für das Leben ... sollen die Gefangenen - wie wir vorschlagen würden - von Payot, dem Generalsekretär der Internationalen Föderation für Menschenrechte bei der UN, und Pfarrer Niemöller begleitet werden. Wir bitten sie, sich in dieser Funktion dafür einzusetzen, dass die Gefangenen dort, wo sie hinwollen, lebend ankommen", schreiben die Entführer in einem Brief an die Bundesregierung.

Wer ist Martin Niemöller, ein Rentner, fast 86 Jahre alt, den die Terroristen für moralisch integer halten?

Der Arierparagraph rüttelt Niemöller wach

"Ich bin von Hause aus christlich erzogen und in einer christlichen Atmosphäre und Umwelt aufgewachsen", sagt Pfarrerskind Niemöller über sich selbst.

Am 14. Januar 1892 kommt er in Lippstadt zur Welt. Nach dem Abitur geht er zur Kaiserlichen Marine und kämpft im Ersten Weltkrieg. Danach studiert er in Münster Theologie – und wählt doch ab 1924 die NSDAP.

Erst der Arierparagraph rüttelt Martin Niemöller wach. Der fordert, dass Pfarrer jüdischer Abstammung aus dem Dienst entlassen werden. Niemöller wird Mitbegründer der Bekennenden Kirche und sagt offen, was er denkt. Die Gestapo schreibt seine Predigten mit, zum Beispiel Sätze wie diese: "Das ist unsere Last, dass wir unausgesetzt Strolche, Volksfeinde und Landesverräter genannt werden".

"Mensch Martin Niemöller, wo bist du damals gewesen?"

Am 1. Juli 1937 wird Martin Niemöller verhaftet, wegen Volksverhetzung angeklagt und ins KZ Sachsenhausen gebracht. "Am ersten Tag kam der Lagerkommandant in meine Zelle und sagte: Sie sind als persönlicher Gefangener des Führers hergebracht worden und ich habe noch keine Anweisung, wie Sie zu behandeln sind. Denn die Kategorie gibt es bei uns noch nicht", erinnert sich Niemöller.

Er wird im Lager ausreichend versorgt, Hitler will keinen Märtyrer. Aber der Theologe bleibt bis zum Ende des Dritten Reiches im KZ, acht Jahre lang. Seine Frau zieht sieben Kinder allein groß.

Buße tun, das fordert Niemöller nach dem Zweiten Weltkrieg. Und schließt sich selbst mit ein: "Mitte 1937 bis zum Ende des Krieges hast du dein Alibi. Wehe, du wirst gefragt: Wo warst du von 1933 bis zum 1. Juli 1937? Mensch Martin Niemöller, wo bist du damals gewesen?"

Radikaler Pazifist mitten im Kalten Krieg

Was würde Jesus zu unserem Tun sagen? Das bleibt die große Leitfrage, der Martin Niemöller konsequent folgt. Und so wird er - auch unter dem Eindruck von Atom- und Wasserstoffbomben - zum radikalen Pazifisten mitten im Kalten Krieg.

"Ich habe mich von einem sehr konservativen Menschen zu einem fortschrittlichen Menschen und am Schluss zu einem revolutionären Menschen entwickelt", sagt Niemöller über sein Leben.

In den Institutionen kommt seine Radikalität nicht immer gut an.

Von 1947 bis 1964 ist Niemöller Kirchenpräsident der evangelischen Kirche in Hessen-Nassau. Er wirkt auch als einer der sechs Präsidenten des Weltkirchenrates. Aus dem Rat der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) zieht er sich jedoch schon 1955, nach politischen Auseinandersetzungen zurück. Martin Niemöller stirbt 1984 mit 92 Jahren.

(In einer früheren Version dieses Beitrags war zu lesen, Martin Niemöller habe nie ein hohes Amt in der Evangelischen Kirche inne gehabt. Diese Aussage ist nicht korrekt. Auf den Hinweis eines aufmerksamen Users hin haben wir unseren Fehler korrigiert.)

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