16. März 1997 - Dokumentationszentrum deutscher Sinti und Roma eröffnet

Blick auf das Gebäude des Dokumentationszentrums Deutscher Sinti und Roma, aufgenommen 2012 in Heidelberg

16. März 1997 - Dokumentationszentrum deutscher Sinti und Roma eröffnet

Auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau beginnt am 4. April 1980 ein Hungerstreik. Sinti und Roma wollen damit auf die gesellschaftliche Diskriminierung ihrer Minderheit aufmerksam machen. Mit dabei ist Romani Rose, er ist heute Vorsitzender des Zentralrates der deutschen Sinti und Roma. Ziel der Aktion sei es gewesen, "unsere Gesellschaft darauf hinzuweisen, dass es neben dem Holocaust an den Juden auch den Völkermord an 500.000 Sinti und Roma gegeben hat", sagt Rose.

Die Minderheit hat eine lange Leidensgeschichte. Vor rund 1.600 Jahren wandern Romavölker von Indien über Persien und Armenien ins Byzantinische Reich. 1.000 Jahre später fliehen die mehrheitlich christlichen Roma vor den osmanischen Heeren über Ungarn und Böhmen Richtung Westen. Seit über 600 Jahren leben sie nun in Europa. Schätzungen zufolge sind es heute rund elf Millionen Roma in allen Staaten des Kontinents.

Stigmatisierende Zuschreibungen

Die deutschsprachigen Roma nennen sich Sinti. Roma ist der Oberbegriff. Die Bezeichnung Zigeuner lehnen die meisten strikt ab, sie verbinden damit eine jahrhundertealte Stigmatisierung. Bereits im Mittelalter wird ihnen die Ansiedlung oft verweigert, ebenso die Ausübung vieler Berufe. So bleiben die Roma notgedrungen lange Zeit fahrende Händler, Handwerker oder Schausteller.

Schon damals tauchen Zuschreibungen auf wie "ziehender Gauner", "Wahrsager", "Gesindel und Spitzbuben", "Kindesräuber und Diebe". "Wenn wir heute diese üblichen Zigeunerbilder in der Literatur, in der Fotografie, in Filmen, in der Oper sehen, dann sagt das sehr viel mehr über die Gesellschaft aus – die sich über solche Fremdbilder auch selber definiert -, als über die Minderheit selbst", sagt Karola Frings, Historikerin am NS-Dokumentationszentrum in Köln.

Vorurteile in Behörden und Gerichten

Während des Hungerstreiks 1980 in Dachau entsteht der Gedanke, ein eigenes Dokumentationszentrum deutscher Sinti und Roma zu gründen. Doch es ist noch ein langer Weg. 1982 erkennt der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) den Völkermord an Sinti und Roma während des Nationalsozialismus offiziell mit Bedauern an. Im selben Jahr wird der Zentralrat deutscher Sinti und Roma gegründet.

Am 16. März 1997 ist es schließlich soweit: Das Dokumentationszentrum wird in Heidelberg eröffnet. In seinem Grußwort spricht Bundespräsident Roman Herzog unter anderem auch über Vorurteile nach dem Zweiten Weltkrieg: "Das alte, vorurteilsbeladene Denken war auch in Behörden und Gerichten weiterhin verbreitet." So schreibt der Bundesgerichtshof 1956 in einem Grundsatzurteil: "Sie neigen, wie die Erfahrung zeigt, zur Kriminalität. Es fehlen ihnen die sittlichen Antriebe, weil ihnen wie primitiven Urmenschen ein ungehemmter Okkupationstrieb eigen ist." Erst 2016 wird das Urteil mit einer Entschuldigung aufgehoben.

Programmtipps:

Auf WDR 2 können Sie den Stichtag immer gegen 9.40 Uhr hören. Wiederholung: von Montag bis Samstag um 18.40 Uhr. Der Stichtag ist nach der Ausstrahlung als Podcast abrufbar.

"ZeitZeichen" auf WDR 5 (9.45 Uhr) und WDR 3 (17.45 Uhr) erinnert am 16. März 2017 ebenfalls an die Eröffnung des Dokumentationszentrums deutscher Sinti und Roma in Heidelberg. Auch das "ZeitZeichen" gibt es als Podcast.

Stichtag am 17.03.2017: Vor 50 Jahren: Allgemeine Einführung der Fachhochschulreife in der BRD

Stand: 16.03.2017, 00:00