"Stadtteilmütter" im Einsatz

Joanna Majewska

Zuwanderer beraten auf Augenhöhe

"Stadtteilmütter" im Einsatz

Von Lisa von Prondzinski

Die Frauen stammen aus Osteuropa, Asien, dem Nahen Osten oder Afrika. Sie haben sich in Deutschland zurechtgefunden und sollen nun Landsleuten aus der Isolation helfen. Das Pilotprojekt "Stadtteilmütter in NRW" startete im August. Ein Besuch nach 100 Tagen in Essen.

Zehn Frauen trinken Kaffee, quatschen und basteln. Drei haben ihre kleinen Kinder dabei. Das Sprachgewirr ist auffallend exotisch: neben Deutsch sind Chinesisch, Englisch, Türkisch und Polnisch zu hören. Das Frauenfrühstück im Mehrgenerationenhaus St. Anna in Essen-Altendorf ist, kurz gesagt, multi-kulti. Die Teilnehmerinnen kommen aus Afrika, Asien und Osteuropa. Manche würden gerne miteinander reden, können es aber nicht, weil ihr Deutsch dazu nicht ausreicht. "Hier können sie es aber hören, sich dran gewöhnen und sich auch trauen zu sprechen. Das ist ein geschützter Raum, hier muss sich niemand schämen", sagt Joanna Majewska, die in dem Mehrgenerationenhaus als "Stadtteilmutter" arbeitet und das regelmäßige Frühstück mit gestaltet. "So kommen die Frauen aus den eigenen vier Wänden raus, treffen andere, tauschen Informationen aus", so Majewska weiter.

"Verloren und wertlos" ohne Deutschkenntnisse

Die gebürtige Polin weiß, wie es ist, sich ohne Deutschkenntnisse zurechtzufinden: "Man fühlt sich verloren, einsam und wertlos." So jedenfalls erging es ihr. Vor 16 Jahren kam Joanna Majewska mit ihrem Mann nach Deutschland. Er erledigte die Behördengänge, "weil er gut Deutsch konnte". Die Ehefrau "war zu bequem", um Deutsch zu lernen. Die Quittung bekam sie vor sechs Jahren: Nach der Scheidung stand sie ohne Job da, allein mit mit drei Kindern und schlechten Deutschkenntnissen. "Wenn ich zu einer Behörde musste, habe ich mir auf einen Zettel geschrieben, was ich sagen muss", erinnert sie sich und muss dabei lächeln. Dann büffelte sie in Sprachkursen Deutsch und lernte, auf eigenen Füßen zu stehen. Nun kann Joanna Majewska ihre Erfahrungen als "Stadtteilmutter" an andere Zuwanderer weitergeben und ihnen helfen, sich in der neuen Welt zurechtzufinden. Gerade die Behördenstrukturen seien ihnen fremd.

Vorbereitung dauerte ein halbes Jahr

Im Rahmen des Pilotprojekts "Stadtteilmütter in NRW" wurden in Essen, Bochum und Dortmund 55 Frauen als soziale Ansprechpartnerinnen für Migrantenfamilien ausgebildet. Sie stammen aus dem Libanon, Palästina, der Türkei, dem Nahen Osten, Afrika und anderen Erdteilen. Das Projekt, angelegt auf zwei Jahre, haben die NRW-Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit in Düsseldorf und das Landesarbeitsministerium angestoßen. Vorbild war ein ähnliches Projekt in Berlin.

Um für den Job als "Stadtteilmutter" in Frage zu kommen, mussten die Frauen arbeitslos gemeldet sein, einen Migrationhintergrund haben, Lebenserfahrung mitbringen und auch Mütter sein, damit sie wissen, wie Probleme mit Kindern zu lösen sind. Ein halbes Jahr wurden die Frauen geschult, um Landsleuten unter anderem in Erziehungs-, Gesundheits-, Schul- und Schuldenfragen weiterzuhelfen. Im August haben sie mit ihrer praktischen Arbeit begonnen. Um die Isolation vieler Zuwanderer in problematischen Stadtvierteln aufzubrechen, machen die Stadtteilmütter auch Hausbesuche, begleiten die Familien zur Bank oder zu Behörden und sind dann auch als Übersetzerinnen gefragt.

Beratung auf Augenhöhe

Die Idee dahinter: Migranten beraten Migranten, sie sprechen die gleiche Sprache, was Vertrauen fördert. Diese Beratung auf Augenhöhe unterscheidet das Pilotprojekt von herkömmlichen Beratungsangeboten. Peter Gerold, Sprecher der Gesellschaft Neue Arbeit der Diakonie Essen, die die Frauen geschult hat und das Projekt fachlich begleitet, erläutert: "Die Frauen kennen viele Probleme aus eigener Erfahrung und können teilweise Lösungen anbieten oder Adressen aushändigen, wo professionelle Hilfe angeboten wird. Sie sind Berater und Wegweiser".

Professionelle Hilfe ist nötig

Joanna Majewska muss ihren Landsleuten manchmal verständlich machen, "dass es keine Schande ist, sich zum Beispiel Hilfe beim Jugendamt zu holen". Der Grund: "In Polen gibt es ein extremes Mutterbild: Sie muss alles im Griff haben. Nur dann ist sie eine gute Mutter. Aber oft geht eben nicht alles gut – gerade in einem fremden Land nicht."

Das erlebt auch Agnieszka Fiszer zur Zeit. Die 35-jährige Polin sitzt beim St. Anna-Frauenfrühstück und kann nur einzelne Worte Deutsch. Sie kam mit ihren vier Kindern erst vor zwei Monaten nach Deutschland. Ihr Mann arbeitet hier seit fünf Jahren. Sie ist zwar froh, dass "wir endlich eine richtige Familie sind und nicht mehr auseinandergerissen", aber ein großes Problem bedrückt sie: Die zwei ältesten Kinder haben eine Empfehlung für die Hauptschule bekommen. In Polen waren sie auf einer höheren Schule wie dem Gymnasium. Joanna Majewska will sich genauso wie die Eltern nicht "mit dieser schlechtesten Lösung" abfinden. Sie sucht nach Plätzen in einer Gesamtschule. Die "Stadtteilmutter" hat schon mehreren Familien geholfen, in Deutschland Fuß zu fassen, hat Schulen abgeklappert und Kindergartenplätze organisiert. Das möchte sie auch für die Familie Fiszer schaffen.

Der Traum vom festen Job im sozialen Bereich

Für sich selbst hat Joanna Majewska aber noch gefunden, was sie sucht: eine feste Arbeit. Sie hat Abitur, aber kein abgeschlossenes Studium. In den vergangenen Jahren hat sie sich mit verschiedenen Jobs durchgeschlagen. Nächstes Jahr im Juli endet ihr Einsatz als Stadtteilmutter. Dass sie weiter im sozialen Bereich arbeiten will, steht für die 49-Jährige jedoch fest. Vielleicht hilft ihr diese Qualifizierung tatsächlich, woanders eine feste Anstellung zu finden. Unterstützung bekommt sie dabei von einem Job-Coach der Neuen Arbeit der Diakonie Essen und dem Job-Center. Auch Suchthelferin zu sein, könnte sich die energische Frau gut vorstellen, denn "alle Menschen am Rande der Gesellschaft brauchen Hilfe".

Stand: 09.11.2011, 13:00