Erste Zeugen sagen aus

Keupstraßen-Anschlag beim NSU-Prozess

Erste Zeugen sagen aus

Im NSU-Prozess in München ging es am Montag (12.01.2015) erstmals ausführlich um den Nagelbombenanschlag in der Kölner Keupstraße. 2004 waren bei der Explosion 22 Menschen verletzt worden. NRW-Kriminalbeamte schilderten nun vor Gericht die Wirkung der Bombe.

Am Tatort habe ein "Bild der Verwüstung" geherrscht, erinnerte sich ein Beamter des nordrhein-westfälischen Landeskriminalamtes am Montag vor dem Oberlandesgericht München. Er zeigte zahlreiche Fotos, die dies belegen: Fensterscheiben sind geborsten, Leuchtreklamen zerfetzt, Nägel und Splitter stecken in Autos und Fassaden. Zwei LKA-Kollegen und er waren im NSU-Prozess als erste Zeugen zum Nagelbomben-Anschlag geladen, der am 9. Juni 2004 in der Kölner Keupstraße verübt worden war. Die Ermittler hatten damals die Folgen der verheerenden Explosion dokumentiert.

22 Verletze, 702 Zimmermannsnägel

Bei der Tat, die dem NSU angelastet wird, waren 22 Menschen verletzt worden, einige von ihnen lebensgefährlich. Auch der Sachschaden sei enorm gewesen, berichtete ein anderer der drei Beamten. Insgesamt 702 Zimmermannsnägel habe man damals gefunden, sagte der Sprengstoffexperte. Viele steckten in Fahrzeugen, Fassaden und Holzsäulen, einige seien sogar noch in Hinterhöfen entdeckt worden. Die Wucht der Detonation war also so groß, dass die zehn Zentimeter langen und fünf Millimeter dicken Nägel über die dreigeschossigen Häuser geschleudert wurden.

Motiv "Fremdenhass" ausgeblendet

Der Sprengsatz war vor einem Friseursalon explodiert. Versteckt war er in einem Motorradkoffer auf dem Gepäckträger eines Fahrrads. Das Ziel der Terroristen war laut Anklage, so viele Kunden und Passanten wie möglich in der von türkischen Migranten geprägten Straße zu töten oder zu verletzen.

Mitglieder der Initiative «Keupstraße ist überall» stehen vor dem Oberlandesgericht in München und halten ein Schild mit der Aufschrift «Opfer wurden zu Tätern gemacht» in die Höhe

Protest der Initiative "Keupstraße ist überall" in München

Das Motiv "Fremdenhass" spielte allerdings bei den Ermittlungen bald keine Rolle mehr. Die Polizei suchte die Täter stattdessen im Umfeld der Opfer und platzierte rund zwei Jahre lang verdeckte Ermittler in der Keupstraße. Unter anderem deswegen erinnert seit dem Auffliegen des NSU im November 2011 die Kölner Initiative "Keupstraße ist überall" an die Tat und fordert Aufklärung. Mitglieder dieser Gruppe waren nach München gereist und machten vor dem Gericht auf ihr Anliegen aufmerksam.

FDP: Versäumnisse aufdecken

Nach München gereist war auch der stellvertretende Vorsitzende und integrationspolitische Sprecher der NRW-FDP-Landtagsfraktion Joachim Stamp. Er erklärte, der Anschlag in der Keupstraße müsse gründlich aufgeklärt und Versäumnisse bei Polizei und Justiz aufgedeckt werden. Als FDP-Obmann des nordrhein-westfälischen NSU-Untersuchungsausschusses wolle sich deshalb ein Bild von der Beweisaufnahme in München machen und sich bei Vertretern der Nebenkläger über deren Eindrücke informieren.

Auch Opfer kommen zu Wort

Es war das erste Mal, dass sich das Oberlandesgericht München ausführlich mit dem Kölner Nagelbomben-Anschlag beschäftigte. Bisher waren lediglich Videoaufnahmen einer Überwachungskamera gezeigt worden. Auf diesen Aufnahmen sind nach Ansicht der Bundesanwaltschaft die beiden mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt zu erkennen, wie sie mit dem Fahrrad samt darauf montierter Bombe unterwegs in die Keupstraße waren. Beate Zschäpe steht als einzige Überlebende des Trios in München als Hauptangeklagte vor Gericht.

Kommende Woche werden die Opfer der Keupstraße von damals selbst zu Wort kommen: Über drei Tage hinweg will das Gericht sie und ihre Ärzte befragen.

Stand: 12.01.2015, 16:03