Mit Lärm gegen Rechts

Teilnehmer einer Demonstration gegen Neonazi-Aufmarsch

Neonazi-Aufmarsch in Bonn

Mit Lärm gegen Rechts

Rund 200 Neonazis haben am Dienstag (01.05.2012) in Bonn-Beuel demonstriert. Sie wurden dort von mehreren tausend Gegendemonstranten erwartet. Trotz der aufgeheizten Stimmung auf beiden Seiten kam es nicht zu größeren Zwischenfällen.

Schon seit dem frühen Morgen herrscht in Bonn-Beuel der Ausnahmezustand: Hubschrauber kreisen über dem Stadtteil, mit ihren Einsatzfahrzeugen blockiert die Polizei die Zugangsstraßen rund um den Bahnhof. Nur Anwohner dürfen noch die Bannmeile betreten, durch die in einigen Stunden eine Demonstration der "Freien Kameradschaften" führen soll. Viele Bewohner der Goethestraße haben sich vorbereitet: An zahlreichen Häusern wehen Transparente gegen Rechts. Andere Anwohner haben spontan "Grillpartys" in ihren Vorgärten vorbereitet - und die Einladungen großzügig unter den Gegendemonstranten verteilt. Hildegard Hahmann und Dieter Cremer haben große Musikboxen an ihrem Fenster aufgestellt. "Wir wollen die rechten Parolen mit ein bisschen Karnevalsmusik übertönen", sagt das Paar. "Die sollen ruhig merken, dass sie hier fehl am Platz sind."

Jeder Zugang zur Bannmeile blockiert

Teilnehmer einer Demonstration gegen Neonazi-Aufmarsch

Simon Ernst hofft auf erfolgreiche Blockaden

Hinter den Absperrungen wartet Simon Ernst auf die Ankunft der Rechtsextremisten. Der Vertreter der Verdi-Jugend hat die Demonstration des Bündnisses "Bonn stellt sich quer" angemeldet. "Wir hoffen immer noch, das Ganze durch gezielte Blockaden zu verhindern", sagt der jungen Gewerkschafter. Allerdings ist die Polizei auf solche Aktionen gut vorbereitet: Rund 1.000 Polizisten aus ganz NRW haben jeden noch so kleinen Zuweg zur Bannmeile gesperrt. "Die Demonstranten sollen schon auf Rufweite an die Rechten herankommen", sagt Polizeisprecher Jochen Schütt. "Aber auf keinen Fall näher als auf Rufweite." Kleinere Blockaden von einigen Dutzend Jugendlichen, die es mit Hilfe von Anwohnern doch noch auf den späteren Demonstrationsweg geschafft haben, löst die Polizei sofort auf. Gewalt müssen sie nicht einsetzen.

Pfefferspray gegen Demonstranten

Erst rund um die Mittagszeit wird es an den Absperrungen brenzlig: Laut Polizei versuchen Gegendemonstranten an mehreren Stellen die Absperrungen zu durchbrechen. Die Beamten sprühen mit Pfefferspray, ein Demonstrant wird verletzt. Gleichzeitig treffen am Bahnhof Beul die ersten Teilnehmer der rechten Demonstration ein. Nachdem sie durchsucht wurden, dürfen sie sich aufstellen. Bevor sich der Zug in Bewegung setzt, werden die Demonstrationsauflagen der Polizei verlesen. Verboten ist demnach das Marschieren im Gleichschritt, das Präsentieren von verfassungsfeindlichen Symbolen, wie zum Beispiel SS-Runen, oder die Verharmlosung der Taten der so genannten "Zwickauer Zelle" - des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU). Ein Teilnehmer wird von der Polizei von der Demonstration ausgeschlossen - er ist sichtlich betrunken.

"Frei, sozial und national"

Teilnehmer einer Demonstration gegen Neonazi-Aufmarsch

Freie Kameradschaften im Pfeifkonzert

Erst gegen 13.15 Uhr setzen sich die rund 200 Teilnehmer in Bewegung. Sie tragen Transparente mit kapitalismuskritischen Aufschriften, skandieren Parolen wie "Frei, sozial und national" und machen drohende Gesten gegenüber den wenigen Anwohnern, die direkt an ihrem Demonstrationsweg stehen. Sie werden mit einem Pfeifkonzert empfangen, das meistens ihre Parolen übertönt. Nach einer Viertelstunde gibt es einen Zwischenfall, als eine Gegendemonstrantin Steine auf den Zug wirft. Die Frau wird festgenommen. Nur einige hundert Meter später haben die rechten Demonstranten schon das Ende ihrer genehmigten Demonstrationsstrecke erreicht. Dort veranstalten sie eine Kundgebung, bei der ein Redner unter anderem die Maßnahmen der NSDAP gegen den Kapitalismus "würdigt" und daran erinnert, dass Adolf Hitler im Jahr 1933 den 1. Mai zum allgemeinen Feiertag erklärt hat und so den Tag der Arbeit den Marxisten "entrissen" habe.

Festnahme wegen SS-Tätowierung

Vielleicht weil sonst kein Gegner in Sicht ist, bauen sich einige rechte Demonstranten während der Kundgebung drohend vor Journalisten auf und behindern sie bei ihrer Arbeit. Ein Demonstrant zeigt verbotenerweise seine tätowierten SS-Runen und wird deshalb vorläufig festgenommen. Weitere Zwischenfälle gibt es nicht - es bleibt bei Drohgebärden. Der Demonstrationszug ist wenig später wieder am Bahnhof und die Rechtsextremen verlassen Bonn mit dem Zug. "Wir konnten die Demonstration nicht verhindern", sagt Verdi-Vertreter Ernst bedauernd. "Aber schon die Masse an Gegendemonstranten, die wir mobilisieren konnten, ist ein Erfolg." "Eigentlich müsste ich jetzt zufrieden sein", sagt einer der Polizisten, der den rechten Aufmarsch begleitet hat. Schließlich habe die Polizei das Demonstrationsrecht beider Seiten erfolgreich durchgesetzt. "Aber bei der Sülze, die die verzapft haben, ist mir fast schlecht geworden. Und da soll man noch professionell und ruhig bleiben."

Stand: 01.05.2012, 18:20