So war die bergische Silvesternacht

Lokalzeit Bergisches Land 02.01.2024 Verfügbar bis 02.01.2026 WDR Von Klaudia Deus

Silvester-Angriffe auf Einsatzkräfte in Solingen: So erlebten Anwohner die Attacken

Stand: 02.01.2024, 21:13 Uhr

Nach Angriffen auf Einsatzkräfte von Polizei und Feuerwehr in der Silvesternacht in Solingen an der Hasselstraße ermittelt nun die Polizei. Die Attacke könnte gezielt geplant worden sein, so die Beamten.

Trotz massiver Warnungen aus der Politik und großem Polizeiaufgebot ist es in der Silvesternacht erneut zu Angriffen auf Rettungskräfte gekommen. Diese endeten nach einer vorläufigen Bilanz jedoch glimpflicher als im Vorjahr.

Einsatzkräfte mit Raketen beschossen

Während 6.600 Polizisten und Polizistinnen die Lage landesweit im Griff hatten und die Landesleitstelle von einer "silvestertypischen Nacht" sprach, kam es in Solingen an der Hasselstraße zu massiven Angriffen auf Feuerwehr und Polizei. Die Einsatzkräfte waren kurz nach Mitternacht zunächst wegen einer brennenden Matratze auf der Hasselstraße alarmiert worden.

"Als die Einsatzkräfte, sprich die Polizei und die Feuerwehr, vor Ort erschienen, wurden die Einsatzkräfte sofort mit Böllern beworfen, mit Raketen beschossen. Es flogen sogar Flaschen, auch Steine waren dabei", sagte Polizeisprecher Alexander Kresta.

Anwohner fühlen sich nicht mehr sicher

Lisa

Lisa, Anwohnerin der Hasselstraße

Anwohner, die die Ausschreitungen in der Nacht hautnah miterlebt haben, bestätigten dies am Montag gegenüber dem WDR. Eine junge Frau sah, wie acht Polizisten die Feuerwehr bei ihren Löscharbeiten schützen musste. Die Polizei sei mit "allem Möglichen" beworfen und "beleidigt" worden. Kein Verständnis hat sie für die Reaktion der Polizei auf die Übergriffe: "Wenn jemand genau vor mir steht und mich mit einem Böller abwirft und ich das sehe, warum sammel ich den dann nicht ein, warum nehme ich den dann nicht mit?"

"Sicher hab ich mich gestern draußen nicht gefühlt." Anwohnerin der Hasselstraße in Solingen
Andreas

Andreas, Anwohner der Hasselstraße

Das kritisiert auch ihr Nachbar Andreas: "Dass jemand verfolgt worden ist, habe ich einmal selber gesehen. Ansonsten gar nichts. Die Hundertschaft kam, nachdem eine Dreiviertelstunde nichts mehr passiert ist." Auf Täterhinweise hätten Polizisten nicht reagiert, und Videomaterial habe man nicht sehen wollen. In der Polizeimeldung heißt es: "Ein Zugriff auf die Personen war nicht möglich, da sich diese sofort in unbekannte Richtungen und in umliegende Wohnhäuser zurückzogen."

Beamte aus umliegenden Städten und Hundertschaft alarmiert

Dabei blieb es nicht bei einer brennenden Matratze. Rückten Feuerwehr und Polizei nach Löscharbeiten wieder ab, wurde etwas anderes in Brand gesteckt, berichteten Anwohner. So brannten schließlich eine Hecke, Container, an Zufahrtsstraßen wurden Barrikaden aufgebaut, die gezielt in Brand gesetzt wurden und die Einsatzkräfte seien bei jedem erneuten Anrücken attackiert worden. Nach Polizeiangaben gingen die Angriffe von einer Gruppe von 30 bis 40 Personen im Alter zwischen 20 und 30 Jahren aus.

Laut Anwohnern soll es sich bei den Randalierern mehrheitlich um Jugendliche gehandelt haben. Viele von ihnen würden vermutlich nicht in dem Viertel wohnen. Generell seien es eher junge Menschen, die der Feuerwehr in Silvesternächten Probleme bereiteten, sagt Feuerwehrsprecherin Kim Sara Doht im WDR-Gespräch. Das Verantwortungsbewusstsein, das im Umgang mit der Pyrotechnik fehle, sei auch beim Umgang mit Rettungskräften nicht vorhanden.

"Wir sollten den Tätern bewusst machen, dass wir als Gesellschaft das nicht akzeptieren." Feuerwehrsprecherin Kim Sara Doht

Nun wird untersucht, ob die Attacke auf die Einsatzkräfte vorher geplant worden ist und sich die jungen Täter dazu gezielt verabredet haben. In Solingen beruhigte sich die Lage laut Polizei erst gegen 3.45 Uhr. Da waren bereits Beamte aus Wuppertal, Remscheid sowie der Hundertschaft hinzugezogen worden. Insgesamt seien 60 Polizistinnen und Polizisten im Einsatz gewesen.

Auf die Frage, ob für Solingen in der Silvesternacht zu wenig Beamte zur Verfügung gestanden hätten, verwies NRW-Innenminister Herbert Reul am Dienstag in der Aktuellen Stunde auf die Schwerpunktsetzung der Polizei: "Wo die meisten Menschen sind, wo am meisten gefeiert wird, wo die Gefahr am größten ist, stellt man auch die meisten Polizisten hin. Das ist ja logisch." Man könne nie überall gleichmäßig viele Polizisten bereitstellen, habe in NRW aber ein System, dass weitere Kräfte angefordert werden können.

Weniger Verletzte und Festnahmen als in Berlin

Obwohl neben den Einsatzkräften auch unbeteiligte Passanten mit Knallkörpern beschossen wurden und aus der Gruppe der Täter laut Zeugen sogar Schreckschusswaffen abgefeuert wurden, gab es an der Hasselstraße keine Verletzten - wohl aber in der Solinger Innenstadt. Da wurde ein Mann mit mehreren Messerstichen schwer verletzt.

Ein Verletzter bei Messerstecherei

Die Polizei hat Strafverfahren eingeleitet und ermittelt gegen Unbekannt. NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) verurteilte die Übergriffe am Montag. "Es laufen immer noch zu viele Leute rum, die nicht gelernt haben, wie man miteinander umgeht."

In der Silvesternacht 2022/2023 - dem ersten Jahreswechsel seit zwei Jahren ohne Corona-Beschränkungen - wurden in NRW 42 Polizisten im Einsatz verletzt. Trotz etlicher Übergriffe auf Rettungskräfte sprach die Landesleitstelle der Polizei auch da von einer "eher ruhigen" Lage. In der vergangenen Nacht gab es mit 21 Polizistinnen und Polizisten deutlich weniger Verletzte.

In Berlin - dem Hotspot der Ausschreitungen im Vorjahr - war die Polizei mit der Nacht ähnlich zufrieden wie ihre Kollegen in NRW, hatte aber 54 verletzte Beamte zu beklagen, die meisten durch Pyrotechnik. Brennpunkte habe man durch ein "konsequentes und niedrigschwelliges Einschreiten" verhindern können. 390 Menschen seien in der Nacht vorläufig festgenommen worden, in NRW waren es 26.