Kultstimme mit 7. Sinn

Egon Hoegen in seinem Haus in Rösrath

Egon Hoegen wird 85 Jahre

Kultstimme mit 7. Sinn

Er gab dem "7. Sinn" seine Stimme und sagte 30 Jahre lang "sechs Journalisten aus fünf Ländern" im Internationalen Frühschoppen an. Egon Hoegen wird am Samstag (28.09.2013) 85 Jahre alt. Mit WDR.de sprach er über Schmink-Tipps für Adenauer, Lachanfälle und schwule Schildkröten.

Egon Hoegen wird am Samstag (28.09.2013) 85 Jahre alt. Kurz vor seinem Geburtstag empfängt er mich im Wohnzimmer seines Bungalows in Rösrath. Nach einigen Knochenbrüchen sitzt er im Rollstuhl, das Haar ist schütter geworden, aber der sonore Bassbariton seiner Stimme ist so kraftvoll wie eh und je. Als ich komme, zündet er sich gerade eine Zigarette an, fragt ob ich rauche. Als ich verneine, will er wissen, ob mich denn störe, wenn er rauche. Er ist ein höflicher, charmanter Herr alter Schule, der aber auch den Schalk im Nacken sitzen hat.  

WDR.de: Mit Ihrer Stimme sind vor allem zwei Sendungen verbunden: "Der 7. Sinn" und "Der Internationale Frühschoppen". Ist das ein Glücksfall oder war es eine Einschränkung?

Hoegen: Nein, das war keine Einschränkung, im Gegenteil, es war Motivation. Wer auch immer zum WDR kam, es hieß: Wir wollen den Sprecher des Internationalen Frühschoppens kennenlernen. Ich habe diesen Werner Höfer (Gastgeber der Sendung, A.d.R.) 30 Jahre lang begleitet, Sonntag für Sonntag. Und 30 scheint eine wichtige Zahl für mich zu sein, denn so lange war auch meine Tätigkeit für den 7. Sinn. Aber meine Mitwirkung für den WDR war weitaus länger, sie ging nämlich von 1956 bis 2003. Der WDR war meine zweite Heimat.

Die Tagesschau wollte mich auch nach Hamburg haben, aber Höfer hat gesagt: Den Egon Hoegen geben wir nicht ab. Der wusste auch, was er wollte. Der hat mich immer seinen Wegbereiter genannt, nicht etwa nur Ansager. Wenn ich irgendwann mal nicht konnte, zum Beispiel mal erkältet war oder Urlaub hatte, dann hatte Höfer immer gesagt: Das ist kein Frühschoppen ohne Hoegen.

WDR.de: Die Sendung war immer live - für jede An- und Abmoderation waren Sie im Studio. Berüchtigt sind die Qualmschwaden vom vielen Rauchen der "sechs Journalisten aus fünf Ländern" vor der Kamera. Durften Sie denn auch rauchen?

Hoegen: Ich habe immer im Studio während der Sendung geraucht. Ich hatte einen eigenen Feuerwehrmann zur Seite. Das war recht lustig: Wenn mal ein anderer Feuerwehrman da war und der mir das Rauchen verbieten wollte, dann rief Höfer immer: "ER darf!" Das stand dann wie eine Trompete im Raum.

WDR.de: Sie hatten einen eigenen Feuerwehrmann? Wieviele standen dann für die Journalisten bereit?

Hoegen: Das waren zwei oder drei. Damals waren die Sitten noch nicht so barbarisch wie heute, dass man absolut nicht mehr rauchen darf. Heute würde es meine Ausnahme nicht mehr geben.

WDR.de: Sie hatten ja auch damals viel Kontakt mit Politikern.

Hoegen: Mit Adenauer und der ganzen Bonner Prominenz hatte ich gute, lockere Kontakte. Auch mit Willy Brandt, Herbert Wehner oder Helmut Schmidt. Wo ich es gerade erzähle, denke ich daran, das muss 1957 gewesen sein, da hieß es: "Herr Hoegen, Sie müssen heute etwas früher kommen." Als ich ins Funkhaus kam, stand der ganze Vorplatz voller weißer Polizeiautos, das waren damals immer Porsche. Ich wurde dann zu Konrad Adenauer geführt und der sagte (Hoegen imitiert den rheinischen Singsang von Adenauer): "Ach, Sie sind der junge Mann von dem Höfer, nä, sone junge Mann." Nach der Sendung sagte er, weil ich ihm einige Tipps gegeben hatte: "Junge Mann, vielen Dank für de Tipps, die Sie mir jejeben haben. Dat wär sonst schlecht für de Wahl jewesen."

WDR.de: Welche wahlentscheidenden Tipps waren das denn?

Hoegen: Adenauer wollte sich nicht schminken lassen. Also habe ich ihm gesagt: "Herr Bundeskanzler, Sie müssen sich schminken lassen." Da sagte er: "Dat hat der Maskenbildner auch schon versucht. Dat hab isch aber abjelehnt. Wir sind doch hier nicht beim Zirkus!" Ich habe dann gesagt: "Wenn Sie sich nicht schminken lassen, dann sehen sie ungünstiger aus als Ihre Mitstreiter." "Ich unjünstig? Dann lass ich mich jleich schminken."

Auch mit Willy Brandt gab es eine denkwürdige Begegnung

WDR.de: Mit der Sendung "Der 7. Sinn" wurden Sie zur Institution in Deutschland.

Hoegen: Ich wurde "Verkehrserzieher der Nation" genannt. Und es kamen immer so Sprüche wie: "Bei dem habe ich Autofahren gelernt." Wir haben viel Zuschauerpost bekommen, sogar aus Schweden und Dänemark, wo man das Erste gut empfangen kann.

WDR.de: Es ist wohl nicht übertrieben, zu sagen, dass "Der 7. Sinn" Menschenleben gerettet hat ....

Hoegen: ... ohne Zweifel hat der Leben gerettet! Das hat uns natürlich große Freude gemacht. Unter dem Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker gab es für mich das Bundesverdienstkreuz neben vielen anderen Auszeichnungen wie die Goldene Kamera. Sehr früh haben wir das goldene Ehrenkreuz der Deutschen Verkehrswacht bekommen. Herr von Weizsäcker entpuppte sich übrigens gleich als regelmäßiger Zuschauer des 7. Sinns.

WDR.de: Sie haben einmal gesagt, es sei immer leichter, Texte zu lesen, wenn Sie sich damit identifizieren. Wie war das mit den frauenfeindlichen Folgen im 7. Sinn?

Hoegen: Ja, das war so eine Grenzsituation. Die Exposés zu den Sendungen kamen von der Deutschen Verkehrswacht. Der Autor Heinz Engels kam und sagte: "Wir sollten mal was machen zu Frauen am Steuer." Er legte den Akzent gleich auf das Risiko, das damit verbunden sei. Dann kamen in der Sendung so Sätze wie: "Lassen Sie nie Ihre Frau ans Steuer zu Hauptverkehrszeiten!" oder "Frauen können nicht gut ein- und ausparken." Das hat dann zu Recht den Widerstand der Damenwelt ausgelöst. Wir haben das nachher auch korrigiert und haben gesagt: Männer am Steuer sind oft viel gefährlicher als Frauen, weil sie sich alle wie kleine Rennfahrer aufführen. Also, wir konnten das wieder ein bisschen geradebiegen.

WDR.de: Mit dem 7. Sinn und dem Internationalen Frühschoppen waren Sie auf das Seriöse abonniert. Viele waren ebenso erstaunt wie erfreut, als Sie dann in Harald Schmidts Sendung nach seiner Rückkehr in die ARD mitwirkten.

Hoegen: Ich kannte den guten Harald schon länger, Sie können sich vielleicht entsinnen an seine Sendung mit Herbert Feuerstein, sie hieß "Schmidteinander". Da kam er irgendwann an und sagte: "Sie mit Ihrer markanten Stimme brauche ich!" Dann habe ich meine Stimme dieser Sendung gegeben, über die ich heute noch lachen kann. 2004 kam er dann wieder und sagte: "Mensch, Herr Hoegen, Sie können doch auch in meiner neuen Sendung ein paar Worte sagen." Das war alles sehr kameradschaftlich. Harald Schmidt ist ein ganz feiner Kerl, sehr locker.

WDR.de: Ein Highlight der Sendung war Ihre Rezitation eines Gedichts des amerikanischen Songwriters Adam Green. Es hat den Titel: "Gefrorene schwule Schildkröte".

Hoegen: Bei dieser Sendung war ich ein bisschen auf Vorsicht. Ursprünglich sollte ich ein anderes Gedicht lesen. Die Texte von diesem guten Mann waren ja, zumindest in den ersten Passagen, ziemlich scharf, das ging deutlich unter die Gürtellinie. Bei der Produktion hieß es dann: "Herr Hoegen, Sie können das doch alles machen." Ich sagte: "Ich kann das auch, aber es widerstrebt mir." Ich habe dann dieses andere Gedicht gelesen, das nicht so scharf war. Das war dann auch okay so.

Hier geht es zum zweiten Teil des Interviews - über Willy Millowitsch und Zwergkaninchen

Stand: 27.09.2013, 06:00