Urban Gardening: Draußen ist das neue Drinnen

Urban Gardening: Draußen ist das neue Drinnen

Endlich kommt die Sonne raus: Zeit für den Garten! Spießig? Gar nicht! Gärtnern ist wieder richtig hip. Die Studenten im "Campus Garten" Köln pflegen Beete und Sträucher - mitten in der Stadt. Eine Expertin erklärt, warum in der Erde buddeln bei jungen Menschen in NRW wieder in ist.

 "Man sieht, was man macht" - für Student Benedikt Ruppert ist das der entscheidende Vorteil. Benedikt studiert Sozialwissenschaften an der Uni Köln. In seiner Freizeit bewirtschaftet er mit etwa 40 anderen Studierenden den vom AStA finanzierten, Uni-eigenen Garten. Zusammen harken sie Beete, bauen Kürbisse an und kümmern sich um Bienenvölker.

Der Sommer kommt Screenshot

Benedikt Ruppert: "Man sieht, was man macht."

Nur ein paar Generationen vorher war das quasi unmöglich: "Gärtnern ist wahrscheinlich sowas, was sich 68er nicht vorstellen können", gibt Benedikt zu. "Ich glaube, dass mehr Leute etwas anpflanzen, weil es auch um Ernährung geht." Man frage sich eben, ob man Kartoffeln oder Möhren nicht auch selbst anbauen könnte. Damit das klappt, gibt das Team des Unigartens auch Kurse übers Anpflanzen, Pikieren und richtigem Gießen.

Inzwischen bringen die Studierenden vor allem ihr eigenes Saatgut zum Einpflanzen mit. "Der Selbstversorgergedanke ist sicherlich da", sagt Ruppert. Ihm geht es vor allem aber darum, dass er im Gegensatz zu seinem theoretischen Studium auch mal mit den Händen arbeitet.

Darum ist Gärtnern wieder in

Urban Gardening Uni Köln

Liebevoll gestalten die Studenten den Garten.

Urban Gardening ist ein Trend, der einst in New York begann. Heute verzeichnet die Stiftungsgemeinschaft "Anstiftung", die sich mit der Do-It-Yourself-Bewegung auseinandersetzt, 516 urbane Gärten – die meisten davon in großen Städten wie Berlin oder München. Wieso das so ist, erklärt Soziologin und Geschäftführerin von "Anstiftung", Dr. Christa Müller:

Aktuelle Stunde: Früher galten Schrebergärten als spießig. Inzwischen sind vor allem die jungen, hippen Städter dabei, sich in verschiedenen Projekten mit der Begrünung ihrer Stadt auseinanderzusetzen. Woher kommt dieser Sinneswandel?

Christa Müller: Urban Gardening und Schrebergärten sind zwei verschiedene Dinge. Beim Urban Gardening sind die Themen die beschleunigte Gesellschaft, die fehlende Trennung zwischen Stadt und Land, aber auch das Selbermachen in der Stadt – die Urban-Gardening-Bewegung ist Teil der Do-it-Yourself-Bewegung. Insbesondere Jüngere akzeptieren keine vorgefertigten Räume mehr. Sie fordern die Mitgestaltung nicht nur, sie machen es einfach praktisch.

Aktuelle Stunde: Gibt es eine bestimmte Schicht, die vor allem das Urban Gardening betreibt?

Soziologin Christa Müller

Soziologin Christa Müller

Müller: Seit 2009 entstehen Urban-Gardening-Projekte, die häufig von 20- bis 30-Jährigen mit einem akademischen Bildungshintergrund ins Leben gerufen werden. Sie öffnen die Projekte dann sofort für alle, sie wollen nicht unter sich bleiben. Natürlich gibt es auch Projekte, in denen sich zu bestimmten Zeiten Hipster tummeln. Aber es kommen Leute mit allen kulturellen und sozialen Hintergründen, die es interessant finden, wenn mitten in der Stadt Gemüse angebaut wird. Die Eingangshürden sind extrem niedrig, darum sind urbane Gärten auch sozial so attraktive Orte.

Aktuelle Stunde: Wieso sind die Gründer meistens die jungen Gebildeten?

Müller: Die Welt, in die sie reingeboren wurden, ist sehr standardisiert und auch kommerzialisiert. Die meisten öffentlichen Räume, die sie kennen, haben mit Konsum zu tun. Und darauf will sich diese Generation nicht reduzieren lassen. Sie sind dazu erzogen worden, mitzureden – und übertragen das auch auf ihre Nachbarschaft. Dann wird eben die Europlatte ausgelegt und auf der Straße ein kleiner Grünraum geschaffen. Der öffentliche Raum wird so gestaltet, wie man sich selbst darin wohl fühlt, und nicht, wie sich ein Architekt ausgedacht hat.

Aktuelle Stunde: Es geht also nicht nur darum, sich etwas zu essen anzubauen?

Urban Gardening Uni Köln

"Man sieht, was man macht"

Müller: Es geht auch darum, selber anzubauen. Vor allem für die Leute, die sonst nicht den Zugang zu Bio-Lebensmitteln haben. Aber so ein Garten kann natürlich nicht das gesamte Stadtviertel ernähren. Es geht auch viel um den Austausch mit anderen: Wie machst du etwas, wie können wir etwas zusammen gestalten, welches Wissen und Können bringst du mit? Und die Natur gehört für viele eben heute zur Gesellschaft dazu.

Aktuelle Stunde: Glauben Sie, dass Urban Gardening nur ein Trend ist, der nach ein paar Jahren wieder nachlässt?

Müller: Ich glaube nicht. Es ist ein Ausdruck davon, dass sich die Gesellschaft grundlegend verändert. Das sieht man vor allem an der in den kleinen Projekten schon überwundenen Trennung von Natur und Kultur, auch von Land und Stadt. Alles ist plötzlich vorhanden und sichtbar, Trennungen werden verschoben, nicht nur im Denken. Und das ist wohl das, was wir in Zukunft brauchen werden. 

Stand: 02.05.2016, 17:08

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