Geld oder #Freiheit?

Reaktionen auf Youtube-Krach

Geld oder #Freiheit?

Mit Youtube-Videos Geld verdienen: Das wollen viele - Macher und Vermarkter. Jetzt steigt der Star Simon Unge aus dem System aus, will alleine weitermachen. Das bringt Unruhe in die Szene, die längst ein Milliardenmarkt geworden ist.

Ohne ein einziges Video gepostet zu haben, hatte der neue Youtube-Kanal von Simon Unge (@unge) schon fast eine halbe Million Abonnenten. Eine Zahl, die zeigt, wie groß die Fan-Community ist, die dem 24-Jährigen aus Köln folgt. Sein Video von Samstagabend (20.12.2014) hat den Titel: "Die schwerste Entscheidung meines Lebens". Im WDR-Interview sagt Unge, er habe vorher monatelang darüber nachgedacht, wie es mit ihm und Youtube weitergehen soll.

Simon Unges ehemaliger Youtube-Kanal "ungespielt" brauchte zwei Jahre, bis er im Juli 2014 die Grenze von einer Million Abonnenten knackte. Wie stark war an diesem Erfolg auch das Netzwerk Mediakraft beteiligt? Also das Unternehmen, das nicht nur Unges Videoblogs sondern auch die hunderter anderer Youtuber vermarktet, sie bekannter machen soll? Darauf gibt es gegensätzliche Antworten.

Schwammig formulierte Verträge

Der Kölner Medien- und Internet-Rechtsexperten Christian Solmecke

Der Kölner Jurist Christian Solmecke

Der Medien- und Internet-Anwalt Christian Solmecke ist sicher, dass viele junge Youtuber euphorisch einen Vertrag mit dem Vermarkter unterschreiben, ohne zu wissen, was genau drinsteht: "Selbst ich als Jurist musste mich durch die teilweise knebelartigen Verträge mit ihren schwammigen Formulierungen ganz schön durchwühlen." Und so stimmten vor allem Newcomer Klauseln zu wie: "Ich bin frei in der Gestaltung des Kanals - sofern das Netzwerk nichts dagegen hat." Allerdings biete das Netzwerk auch Schutz vor Angriffen Dritter, zum Beispiel dem Vorwurf einer Urheberrechtsverletzung. Youtube reagiert mit Verwarnungen, den "Strikes", auf solche Vorwürfe. Ein "Strike" bedeutet unter anderem, dass es erst einmal kein Geld von Youtube aus den Werbeeinnahmen gibt.

Die Hälfte kassiert das Netzwerk

Doch gerade finanziell stehe am Ende für die Youtuber nicht selten Ernüchterung: Anfangs klinge "5.000 Euro monatlich behältst Du" wie ein Versprechen, sagt Solmecke. Bei monatlichen Werbe-Umsätzen von 40. oder 50.000 Euro aber gleich die Hälfte an das Netzwerk abgeben zu müssen, sorge für Unzufriedenheit. Auch deshalb suchten immer wieder große Namen aus der Szene seine rechtliche Unterstützung beim Weg aus ihrem Netzwerk. Solmeckes Rat für junge Youtuber ist es, Angebote zu prüfen, Netzwerke zu vergleichen: "Es gibt auch fairere Konditionen."

Rückendeckung für Unge

So ein junger Youtuber ist auch Tim Heldt (@kuchngeschmack) mit seinem Kanal KuchenTV und über 30.000 Abonnenten. Er plant, sich einem Netzwerk anzuschließen, um besser mit anderen zu kooperieren. Vorher will sich der 19-Jährige den Vertrag genau ansehen, mit anderen Videobloggern und einem Anwalt sprechen. Den Schritt von Simon Unge findet er gut: "Mediakraft ist ein ziemlich kommerzialisierendes Netzwerk." Nur wer sich bereit erkläre, Product Placement zu machen, habe die Chance auf eine Umsatzbeteiligung von 70 oder 80 Prozent.

"Netzwerke sind nicht böse. Sie sind Unternehmen."

"Aus der Szene wird eben eine Branche", sagt Markus Hündgen (@videopunk) von der European Webvideo Academy dazu. "Das ist eine ganz natürliche Entwicklung." Das Geschäftliche werde zunehmend Thema. Und dafür sorge auch Youtube. Schließlich behalte das Portal, das zu Google gehört, 45 Prozent der Einnahmen aus der Werbung. Wie wird der Rest des Geldes zwischen dem Künstler und seinem Vermarkter aufgeteilt? Das ist aus Hündgens Sicht sehr davon abhängig, wie erfolgreich der Youtuber ist, bevor er einem Netzwerk beitritt: "Netzwerke sind nicht böse. Sie sind Unternehmen und agieren so, wie es der Markt eben erlaubt."

Der Ausstieg von Simon Unge bei Mediakraft sei eine Zäsur gewesen. Er habe gesagt, was er meint - und auf seinen Vertrag "gepfiffen". Das Netzwerk antwortete zunächst mit einem offiziellen Statement bei Facebook: "Mediakraft als führendes Multi Channel Netzwerk in Deutschland investiert viel in seine Partner." Das sei die Basis des Geschäfts. "Doch es gelten Regeln." Und an die hätten sich alle Beteiligten zu halten. "Spannend wird es jetzt, zu sehen: Wie reagiert der Markt darauf? Die Netzwerke? Werden sich noch weitere Künstler melden?", sagt Hündgen. Es sei ein Aufschrei gewesen, bei dem hoffentlich etwas Gutes für beide Seiten herauskommt.

#freiheit war nur ein "Quatsch-Hashtag"

Simon Unge allerdings scheint der Wirbel um seinen Ausstieg bei Mediakraft inzwischen selbst zu viel zu werden. So sei das von ihm initiierte Hashtag #freiheit bei Twitter "zu Spam geworden". "Das war nur ein Quatsch-Hashtag", sagte Unge am Montag (22.12.2014) in einem Podcast bei Facebook. Inzwischen sei dessen Präsenz "penetrant". "Ich find's selber ein bisschen zu viel", sagte er.

Der Youtube-Star stellte sich dabei klar gegen Hass-Postings, die auf Mediakraft, deren Mitarbeiter und Partner zielen. Wenn er sich persönlich ärgere, dann gehe das zum Beispiel gegen Mediakraft-Chef Christoph Krachten in seiner Funktion als Vertreter des Netzwerks. Aber ein Shitstorm gegen Privatpersonen sei falsch: "Es gibt keinen Krieg für den Frieden." Mittlerweile haben sich nach Angaben von Mediakraft auch schon Fans von Unge für ihre Äußerungen entschuldigt.

Stand: 22.12.2014, 17:47