Wie der Skandal langsam durchsickerte

Aktivkohle-Behandlungsanlage für PFT-Rückstände in Brilon-Scharfenberg

Chronik der PFT-Verseuchung

Wie der Skandal langsam durchsickerte

Es begann mit einer Studie des Bonner Hygiene-Instituts - und wuchs sich zu einem handfesten Umweltskandal aus. 15 Monate nach Prozessbeginn wurde das Verfahren um den PFT-Skandal von 2006 am Landgericht Paderborn gegen die Zahlung einer Geldauflage eingestellt. Eine Chronologie.

08.06.2006: Der Hochsauerlandkreis und die Bezirksregierung Arnsberg informieren bei einer Pressekonferenz, dass bei Wasserproben des Hygieneinstituts der Universität Bonn aus den Flüssen Ruhr und Möhne eine erhöhte Konzentration von perfluorierten Tensiden (PFT) festgestellt worden sei. In manchen Flussabschnitten liege der PFT-Gehalt um bis zu 50 Mal höher als am Rhein bei Bonn. Auch ins Trinkwasser sei die Chemikalie gelangt. Eine akute Gefahr für Menschen bestehe allerdings nicht.

14.06.2006: Der Grund für die PFT-Belastung in den Oberläufen von Ruhr und Möhne ist gefunden. Das NRW-Umweltministerium bestätigt, dass die Chemikalie im Bio-Kompost einer Forst-Rekultivierungsfläche in Brilon-Scharfenberg gefunden worden sei. Regen habe den belasteten Dünger in Möhne und Ruhr getragen, von wo aus er auch ins Grundwasser gelangt sei. Den Einwohnern in mehreren Stadtteilen von Arnsberg empfiehlt das Ministerium, Säuglingsnahrung mit Mineralwasser zuzubereiten.

21.06.2006: Die Trinkwasserkommission beim Umweltbundesamt legt Ziel-, Leit- und vorsorgliche Maßnahmenwerte fest. Es sind keine Grenzwerte, sie ermöglichen aber den Wasserwerken zu handeln.

14.07.2006: In Brilon-Scharfenberg geht eine Anlage mit acht Aktivkohlefiltern in Betrieb. Sie wird später durch eine stationäre Anlage ersetzt, die auch 2012 noch arbeitet. Allein durch diese Anlage sind nach Angaben des Hochsauerlandkreises Kosten in Höhe von 2,5 Millionen Euro entstanden, die der Kreis vom Angeklagten zurückfordert.

14.07.2006: EU-Kommission und Europaparlament bereiten ein Verbot von perfluorierten Tensiden vor. Den Entwurf hatten die EU-Behörden allerdings schon vor den PFT-Funden im Hochsauerland in der Schublade.

25.07.2006: Ein Sprecher des Hochsauerlandkreises teilt mit, dass PFT bei Proben auch in Forellen und Weidegras nachgewiesen worden sei. "Wir können die Gefahren nicht einschätzen." Die Belastung, die in den Fischen und Pflanzen gefunden wurde, liegt erheblich über den Werten, die Forscher des Bonner Hygiene-Instituts im Trinkwasser entdeckt hatten. Ein Vergleich dieser Werte sei allerdings schwierig, heißt es.

27.07.2006: Das Bundesamt für Risikobewertung in Berlin stuft den Richtwert für unbedenkliche PFT-Belastung bei 0,02 Mikrogramm ein. Damit liegt der Wert, der in den Forellen nachgewiesen wurde, 60 Mal so hoch wie die Toleranzgrenze. In Barschen aus dem Möhnesee wird der Wert um das Dreifache überschritten. Das NRW-Umweltministerium rät davon ab, Fische aus der Region zu essen.

Landtagspräsident Eckhard Uhlenberg

Damals Umweltminister: Eckhard Uhlenberg (CDU)

31.07.2006: Die Staatsanwaltschaft Paderborn leitet Ermittlungen gegen den Verantwortlichen des Bodenmischwerks "GW Umwelt GmbH" in Paderborn-Borchen ein. Die Firmenleitung steht im Verdacht, ihre Bodenmischanlage illegal betrieben zu haben. Später meldet der Betrieb Insolvenz an. Das NRW-Umweltministerium teilt mit, seine Untersuchungen in Sachen PFT auszuweiten. Minister Eckhard Uhlenberg (CDU) erklärt, dass auch Lebensmittel, Milch und Grünland in der Umgebung der Fundstellen überprüft würden.

02.08.2006: Das Umweltministerium leitet eine Blutuntersuchung bei hunderten Menschen ein. 90 Kinder, 160 Mütter und 100 Männer sollen sich an der Studie unter Leitung der Ruhr-Universität Bochum beteiligen, die im Oktober 2006 beginnt. Sie soll überprüfen, ob sich PFT auch im Blut der Einwohner in Soest und im Hochsauerland nachweisen lässt.

03.08.2006: Der Verdacht auf PFT-Belastung zieht immer weitere Kreise: Laut Bezirksregierung Arnsberg sollen bis zu 1.000 Flächen in NRW, aber auch in Hessen und Niedersachsen mit dem verseuchten Düngemittel behandelt worden sein. Im Wasserwerk Möhnebogen bei Arnsberg habe ein frisch eingebauter Aktivkohlefilter die PFT-Belastung im Gewässer drastisch gesenkt, sagt das Umweltministerium. Arnsbergs Bürgermeister Hans-Josef Vogel (CDU) fordert vom Land ein Sanierungskonzept für die kontaminierten Flächen.

13.09.2006: Umweltminister Uhlenberg erneuert die Warnung, Fische aus Gewässern rund um Soest und dem Hochsauerland zu essen. Die bei neuen Proben festgestellte Belastung von Forellen aus dem Möhnesee überschreite den Richtwert um das Zehnfache.

05.10.2006: Die Staatsanwaltschaft Paderborn durchsucht die Geschäftsräume der "GW Umwelt GmbH". Dabei wird der Geschäftsführer des Unternehmens überraschend festgenommen, weil die Beamten ihn dabei erwischen, wie er Unterlagen beiseite schaffen will.

Giftzeichen schwebt über der Ackerfläche

Mehr als 1.000 Ackerflächen waren betroffen

19.10.2006: Laut Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Paderborn sind auch Bauern in den PFT-Skandal verwickelt. Einige Landwirte sollen Geld dafür genommen haben, den mit PFT verseuchten Dünger zu verwenden. Auch die Vorgehensweise der "GW Umwelt GmbH" wurde mittlerweile nachvollzogen: Zwei belgische Firmen sollen belastete Klärschlämme an das Paderborner Unternehmen geliefert haben, die zu Dünger verarbeitet und über Subunternehmer weiterverbreitet wurden. Der Geschäftsführer der "GW Umwelt GmbH" wird einen Tag später aus der Untersuchungshaft entlassen.

03.11.2006: Der PFT-Skandal führt zu politischen Grabenkämpfen im Landtag: Die Grünen werfen Uhlenberg vor, bei der PFT-Aufklärung versagt zu haben. Der Minister kontert, bereits zu Zeiten seiner Amtsvorgängerin Bärbel Höhn (Grüne) sei bekannt gewesen, dass der betroffene Dünger "nicht richtig gekennzeichnet" gewesen sei.

19.12.2006: Erneut kommt der Geschäftsführer der "GW Umwelt GmbH" in Untersuchungshaft. Mit ihm werden zwei seiner Ingenieure festgenommen. Es bestehe Flucht- und Verdunkelungsgefahr, teilt die Staatsanwaltschaft mit. Das Trio bleibt bis 12. April 2007 in Haft.

Januar 2007: Die Schwerpunktabteilung zur Bekämpfung von Wirtschaftskriminalität der Staatsanwaltschaft Bielefeld übernimmt die Ermittlungen von der Paderborner Staatsanwaltschaft.

12.03.2007: Der Bluttest bei den 350 Arnsberger Einwohnern ergibt eine Belastung, die bis zu achtfach über dem Richtwert liegt.

Wasserprobe aus der Ruhr bei Witten, 2007

Nach dem Skandal fanden regelmäßig Wasserproben an der Ruhr statt

31.10.2007: Ein 36-seitiger Sachstandsbericht des Umweltministeriums sieht ein "erhöhtes Gesundheitsrisiko" durch den verseuchten Dünger "sicher ausgeschlossen". Uhlenberg betrachtet den Umweltskandal damit als weitgehend bewältigt. Der parlamentarische Geschäftsführer der Grünen, Johannes Remmel, wirft dem CDU-Minister allerdings vor, bei dem Skandal "verschleiert und verharmlost" zu haben. Weder seien die verseuchten Äcker im Detail bekannt gegeben worden, noch seien die Namen der Firmen genannt worden, die an Rhein und Ruhr PFT-haltiges Wasser einleiten.

21.01.2008: Die NRW-Grünen und die "Welt am Sonntag" erheben Vorwürfe gegen Uhlenberg: Er habe während des PFT-Skandals Messwerte über die PFT-Belastung schönen lassen. Der Umweltminister nennt die Vorhaltungen "abenteuerliche Unterstellungen".

26.03.2008: Die PFT-Belastung in Fischen des Möhnesees gibt immer noch Grund zur Besorgnis. Zwar hatten Untersuchungen ergeben, dass die Werte zurückgegangen seien, doch das Ministerium hält eine Entwarnung für den Fischverzehr für "noch zu früh".

07.04.2008: Umweltminister Uhlenberg muss einräumen, dass seinem Haus bei der Veröffentlichung von PFT-Tabellen im Internet Fehler unterlaufen seien. Die Messdaten wichen von denen der Bezirksregierung Arnsberg ab. Uhlenberg spricht von einem "bedauerlichen Übermittlungsfehler", die rot-grüne Opposition im Landtag nennt sein Verhalten "einen Skandal".

04.09.2008: Der Ruhrverband und die Arbeitsgemeischaft der Wasserwerke an der Ruhr geben auf einer Pressekonferenz Entwarnung: "Seit 50 Jahren hat sich die Qualität der Ruhr ausschließlich verbessert." Die Messergebnisse aller Stoffe - darunter auch PFT - lägen "unterhalb der relevanten Werte".

07.04.2010: Die Staatsanwaltschaft Bielefeld erhebt im Zusammenhang mit dem PFT-Skandal gegen sieben Personen Anklage, darunter den Geschäftsführer der "GW Umwelt GmbH". Ihnen werden Boden- und Gewässerverunreinigung sowie unerlaubter Umgang mit gefährlichen Abwässern in besonders schwerem Fall vorgeworfen.

10.11.2010: Das Landgericht Arnsberg stellt das Verfahren gegen vier Verwandte des mutmaßlichen Hauptverursachers ein. In drei Fällen zahlen die Angeklagten Geldbußen von 1.500 bis 10.000 Euro.

12.01.2012: Vor dem Landgericht Paderborn beginnt der Prozess gegen sechs der sieben Personen, gegen die bereits im April 2010 Anklage erhoben wurde. Er soll bis Ende 2012 dauern. In einem Fall wurde das Verfahren eingestellt.

11.04.2013: Nach 15 Monaten wird das Verfahren im PFT-Prozess gegen Geldauflage eingestellt. Staatsanwaltschaft und Angeklagte stimmten dem Vorschlag des Gerichts zu. Die fünf Angeklagten müssen demnach insgesamt 440.000 Euro zahlen.

Stand: 12.01.2012, 18:28

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