Werden wir wirklich alle dick?

Drei übergewichtige Frauen sitzen am Wasser

WHO-Studie zu Übergewicht

Werden wir wirklich alle dick?

"Europäer werden immer fetter", lautet das Fazit einer WHO-Studie, die am Dienstag (05.05.2015) anlässlich des europäischen Kongresses zu Übergewicht in Prag vorgelegt wurde. Sie war eine Übung zu Voraussagen, Grundlage war der Body-Mass-Index. Ist die Studie realistisch?

Die WHO behauptet in ihrer Studie, dass die Europäer ein großes Problem mit dem Übergewicht haben und sich dieses bis 2030 drastisch verschärfen wird. Angeblich ist in einigen europäischen Ländern in 15 Jahren 2030 kaum noch jemand normalgewichtig. Ein Grund zur Panik?

Studie ist eine Übung

Nein, meint Professor Dr. Heiner Boeing vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung aus Potsdam im Gespräch mit dem WDR. Da die WHO-Wissenschaftler selbst sagen, dies sei eine "Voraussage-Übung", solle man die Zahlen realistisch betrachten. "Die Daten aus den einzelnen Ländern waren sehr unterschiedlich und können nicht einfach über die nächsten 15 Jahre hochgerechnet werden. Das wäre so, als ob ich den DAX für 2030 vorhersagen könnte", sagt Boeing.

BMI fraglich

Einziger Maßstab der WHO-Studie ist der Body-Mass-Index (BMI), mit dem zwischen Unter-, Normal- und Übergewicht unterschieden wird. Doch der BMI steht schon seit Langem in der Kritik. Viele Wissenschaftler stellen in Frage, ob der BMI tatsächlich aussagekräftig für die Gesundheit ist. Der BMI setzt das Körpergewicht in Beziehung mit der Körpergröße, berücksichtigt jedoch nicht die Fettverteilung des Körpers. Wissenschaftler bevorzugen deshalb den Taillen-Hüftquotient, der für den Gesundheitszustand bedeutsamer ist als der BMI.
Weiterer Nachteil des BMI: Er unterscheidet nicht zwischen Fett- und Muskelmasse. Nach diesem Maßstab würde auch ein muskulöser Sportler schnell als übergewichtig gelten.

Gewicht der Deutschen bleibt konstant

"Wir werden immer fetter", titulieren die Medien gerne, wenn die neuesten BMI-Statistiken veröffentlicht werden. Tatsächlich hat sich das Gewicht der Deutschen aber in den vergangenen Jahren kaum verändert. Der Durchschnitts-BMI lag 1999 bei 25,2, im Jahr 2013 bei 25,9 – also knapp über Normalgewicht. Die Zahl der leicht Übergewichtigen (BMI 25 bis 30) ist ebenfalls nur minimal gestiegen von 36,2 im Jahr 1999 auf 36,7 im Jahr 2013.

Ein paar Pölsterchen sind gesund

Bravo Deutschland, denn mit diesen Werten haben wir die besten Chancen, alt zu werden! Das besagt jedenfalls eine US-Studie mit fast drei Millionen Teilnehmern, die den Zusammenhang zwischen BMI und Sterblichkeit untersucht. Danach haben Menschen mit leichtem Übergewicht gegenüber den Normalgewichtigen eine um sechs Prozent geringere Sterblichkeit. Selbst bei leichter Fettleibigkeit war sie noch um fünf Prozent niedriger. Ab einer starken Fettleibigkeit (BMI ab 35) steigt die Sterblichkeit allerdings deutlich um 29 Prozent.

Zahl der extrem dicken Menschen steigt

Zweifellos wirkt sich massives Übergewicht auf den Stoffwechsel aus und lässt das Risiko für Diabetes, Bluthochdruck, Herzinfarkt, Schlaganfall oder Krebs steigen. Und die Zahl der extrem dicken Menschen in Deutschland ist tatsächlich gestiegen zwischen 1999 und 2013: von 11,5 auf 15,7 Prozent. Hier besteht Handlungsbedarf.
Doch fraglich bleiben solche Hochrechnungen, wie die der WHO, die lediglich den BMI zu Grunde legen und deren Datenerfassung in den einzelnen Ländern nicht nachvollziehbar ist.

Stand: 06.05.2015, 14:00