"Habitat III" - Die Zukunft der Megastädte im Visier

"Habitat III" - Die Zukunft der Megastädte im Visier

In Quito ist am Donnerstag (20.10.2016) die Weltsiedlungskonferenz der Vereinten Nationen zu Ende gegangen. 2050 leben geschätzt vier von fünf Menschen in Städten. Wie kann das gelingen? Ein Gespräch mit Anne Herrberg, die für die ARD dabei war.

WDR.de: Frau Herrberg, was kann man sich unter einer Weltsiedlungskonferenz vorstellen? Das ist ja erst einmal ein sehr sperriger, eher unkonkreter Begriff.

Anne Herrberg

ARD-Korrespondentin Anne Herrberg war vor Ort

Anne Herrberg: Eigentlich geht es hier um Dinge, die uns alle in unserem Alltag jeden Tag betreffen. Es ging nämlich um das Leben in der Stadt und um die Frage, wie wir in unseren Städten leben wollen. Denn es ist ja so, dass jetzt schon über 50 Prozent der Weltbevölkerung in Städten lebt - und es wird geschätzt, dass 2050 vier von fünf Menschen in Städten leben. Daher ging es hier um ganz zentrale Zukunftsfragen wie zum Beispiel den Klimawandel. Man fragte sich hier zum Beispiel, wie man es erreichen kann, dass Städte nicht zum absoluten Klimamonster werden, durch Luftverschmutzung und Verkehrschaos. Eine weitere zentrale Frage lautete: Wie kann man das Leben in den Städten für alle sozialverträglich gestalten?

WDR.de: Und wie kam man auf der "Habitat" zu Antworten? Wie kann man sich das Konferenzgeschehen vorstellen?

Herrberg: Es war wirklich eine riesige Konferenz, mit bis zu 40.000 Besuchern aus aller Welt. Es gab dabei erst einmal ein großes Plenum, in dem jedes Land seine Positionen und Probleme darlegen konnte. Und dann gab es unheimlich viele sogenannte Site-Events, bei denen lokale Politiker und Nichtregierungsorganisationen sich zu speziellen Themen zusammensetzen. Auf dem Gelände waren auch viele Künstler unterwegs und kleinere Organisationen, die versuchten, mit der lokalen Bevölkerung zusammenzuarbeiten – zum Beispiel zu Themen wie Energieverbrauch in Städten. Es gab natürlich auch Proteste von Menschen, die sagen: Unsere Probleme werden hier überhaupt nicht in den Blick genommen. Es war wirklich ein ganz großer Marktplatz. Am Schluss dieser Konferenz stand dann eine sogenannte New Urban Agenda - eine Agenda zur Stadtentwicklung. Die große Kritik ist aber, dass die nicht verpflichtend und auch nicht so konkret ist wie auf der Klimafonferenz. Es lässt sich offenbar nicht so klar fassen, was tatsächlich unter lebenswertem Wohnen in Städten zu verstehen ist.

WDR.de: Es gab auch einen deutschen Pavillon auf der Habitat. Was war da die Botschaft?

Herrberg: Der deutsche Pavillon begrüßte einen mit Salatpflänzchen und Sperrholzplatten. Denn die Deutschen haben sich überlegt, dass aus den Materialien nachhaltige Bauten in Gebieten in Ecuador, dem Gastgeberland, entstehen sollen. Hier gab es ja vor einem halben Jahr ein schweres Erdbeben, und tausende Menschen haben ihre Wohnhäuser verloren. Und dann informierte der Pavillon auch ausführlich über die Themen Mobilität und Energieeffizienz. Zum Beispiel: Wie können wir energieeffizienter bauen? Denn gerade im Bausektor wird unheimlich viel Treibhausgas freigesetzt.

Und wie können wir dem Verkehrsinfarkt vorbeugen? Deutschland hat da eine große Initiative gestartet. Über eine Milliarde Euro soll in Projekte hier in den Schwellenländern fließen. Die Projekte sollen zeigen, wie es funktionieren kann. Hier in Lateinamerika in den Andenstädten ist zum Beispiel das Fortbewegungsmittel Seilbahn ganz neu dazu gekommen. Das ist klimaverträglich und bringt ganz viel. Denn die Armensiedlungen befinden sich oft an einem Berg und werden durch die Seilbahn viel besser ans Zentrum angeschlossen. Das bedeutet, dass die Leute viel schneller zum Arbeitsplatz kommen können. Das erhöht die Lebensqualität.

WDR.de: Die riesigen Megacities, die mit vielen großen Problemen zu kämpfen haben, gibt es ja in dieser Form in Deutschland nicht. Was ist dennoch übertragbar auf unsere Städte?

Herrberg: Man kann unheimlich viel mitnehmen. Denn viele Probleme, die in den Megastädten vorherrschen, fangen in Deutschland ja auch auch schon an. Zum Beispiel die Wohnungsnot. Das war ein ganz zentrales Thema hier auf der Konferenz. Dann gab es Themen wie die Frage: Wie gehen wir mit dem informellen Sektor um, also mit Arbeitern, die nicht legal beschäftigt werden? Das Phänomen gibt es ja auch bei uns. Was das Thema Flüchtlinge angeht, hat ein großer Austausch stattgefunden.

Der Kölner Bürgermeister Andreas Wolter war da und hat zur Flüchtlingsfrage gesprochen. Und die deutschen Teilnehmer finden es interessant, wie Delegierte aus Jordanien und dem Libanon damit umgehen. Man kriegt hier mit, dass die Diskussion, die bei uns geführt wird, in anderen Ländern gar nicht so aufgeregt behandelt wird. Obwohl diese Länder teilweise viel mehr Flüchtlinge aufnehmen. In Ecuador ist man zum Beispiel sehr fortschrittlich, was die Aufnahme von Flüchtlingen angeht. Ecuador hat als einziges Land die Kategorie des Weltbürgers in seiner Verfassung verankert – nach dem Prinzip: Keiner ist illegal. Das hat zu einer viel besseren Integration von Flüchtlingen geführt. Man kann also auch von diesen kleinen Ländern viel lernen.

WDR.de: Und was hat Sie persönlich auf dieser Konferenz besonders beeindruckt?

Herrberg: Mich hat besonders beeindruckt, wie vor allem zivilgesellschaftliche Organisationen, zum Beispiel die Vereinigung der Müllsammlerinnen aus Bogota oder die Vereinigung der informellen Straßenverkäuferinnen aus Peru, sich trotz ihrer schwierigen Situation zusammenschließen und ihre Forderungen hier einbringen. Denn das sind die Leute, die die Themen wirklich betreffen, die hier in den hochkarätig besetzten Foren besprochen wurden. Mich beeindruckt auch, wie viele junge Leute aus ganz Lateinamerika angereist waren und ihre kreativen Lösungen gezeigt haben. Wie man zum Beispiel in Favelas mit einfachen Materialien das Leben verbessern kann.

WDR.de: Dann kann man nur hoffen, dass es nach dieser Konferenz nicht nur bei wohlmeinenden Absichtersklärungen bleibt, sondern dass auch konkrete Politik daraus folgt.

Herrberg: Der Druck besteht. Und eine ganz große Forderung von allen, auch von den deutschen Delegierten, lautet: Die Konferenz muss häufiger stattfinden. Hier werden so zentrale Fragen verhandelt, die uns alle etwas angehen – da kann es nicht sein, dass dieses Zusammentreffen nur alle 20 Jahre stattfindet.

Das Gespräch führte Nina Giaramita

Stand: 21.10.2016, 09:56