Rasen ist kein „Kavaliersdelikt“

Raserunfall

Rasen ist kein „Kavaliersdelikt“

Von Martin Gent

Bei ihrem Treffen Mitte April in Nürnberg forderten die Verkehrsminister der Bundesländer höhere Bußgelder für Raser. Deutschland hat im europäischen Vergleich zu hohe Tempolimits und zu milde Strafen, findet Martin Gent.

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer sagt, er habe sich die "Null-Verkehrstote-Strategie" der EU zu Eigen gemacht. Dabei versucht der Mann die Quadratur des Kreises. Strengere Tempolimits und höhere Bußgelder will Scheuer vermeiden, er setzt vor allem auf Digitalisierung und Kampagnen. "Runter vom Gas"-Plakate sollen helfen - sowie clevere Computer in den Autos, die Gefahrenstellen vorhersehen und Auffahrunfälle vermeiden. All das wird nicht reichen!

Zwar sinken die Verkehrstoten-Zahlen, aber viel zu langsam. 3.177 Verkehrstote gab es 2017. Nach dem Ziel der Bundesregierung sollen es schon in zwei Jahren fast 1.000 weniger sein. Unerreichbar, wenn man nur auf Digitalisierung setzt - sie kommt zu langsam auf die Straße.

Immerhin ein erster Schritt

Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat sagt, dass von einem tödlichen Unfall im Schnitt 113 Menschen unmittelbar betroffen sind: Angehörige, Freunde, Rettungskräfte. Wer es ernst meint mit weniger Verkehrstoten, muss an Verkehrsregeln und Bußgelder, vor allem ans Tempo ran. Gut, dass die Länder das anpacken, wenn schon die Bundesregierung nicht aktiv werden möchte. Die Initiative des Landes Berlin - höhere Bußgelder für Raser und Drängler - ist immerhin ein erster Schritt.

Deutschlands Nachbarländer haben strengere Regeln

Auf der Europakarte ist Deutschland eine Insel: Ohne Tempolimit auf der Autobahn, mit Tempo 100 auf Landstraßen und niedrigen Strafen für zu schnelles Fahren. Mehr als die Hälfte der tödlichen Unfälle passieren auf Landstraßen - meist durch überhöhte Geschwindigkeit. In keinem Nachbarland ist außerorts Tempo 100 erlaubt. Frankreich reduziert in zwei Monaten das erlaubte Tempo von 90 auf 80. Im Ausland sind die Tempolimits niedriger und die Strafen höher. 20 Kilometer zu schnell, das kostet in Deutschland nur 30 Euro, bei unseren westlichen Nachbarn schnell das Vier- und Fünffache.

Rasen darf kein Kavaliersdelikt mehr sein

Der Umgang mit dem Thema ist in Deutschland anscheinend ein ganz besonderer. So als wirke der vom ADAC längst beiseite gelegte Spruch von der "Freien Fahrt für freie Bürger" insgeheim fort. Wer zu schnell fährt, wird verniedlichend "Verkehrssünder" genannt, die Kontrolle ist eine böse "Radarfalle". Und die Orte derselben werden öffentlich angekündigt, ganz so, alle müsse man sich nur dort ans Tempolimit halten.

Meinen wir es ernst mit "Null-Verkehrstoten", dann braucht es neben strengeren Regeln und härteren Strafen auch eine andere Kultur. Der Vorsitzende der Verkehrsministerkonferenz, Frank Horch aus Hamburg, sagte, Rasen dürfe "kein Kavaliersdelikt sein" - immerhin ein Anfang.

Hier schreibt Martin Gent, Redakteur und Reporter in der WDR-Wissenschaftsredaktion. Als Mobilitätsexperte ist er stets auf der Suche nach Perspektiven für den Verkehr von morgen.

Stand: 20.04.2018, 12:00