Zeitumstellung: Bekommen wir eine Stunde geschenkt?

Zeitumstellung: Bekommen wir eine Stunde geschenkt?

  • Interview mit dem Zeitforscher Jürgen Rinderspacher
  • Wie gehen wir mit unserer Zeit um?
  • Wie entsteht Langeweile?

WDR: In der Nacht zu Sonntag (29.10.2017) wird in Deutschland die Uhr von 3 Uhr auf 2 Uhr gestellt. Bekommen wird dann eine Stunde geschenkt?

Jürgen Rinderspacher: Das ist eigentlich eine Illusion, dass wir eine Stunde dazu bekommen. Die Stunde wird uns ja im März abgezogen, die Bilanz wäre dann eigentlich null. Es erscheint uns nur so, dass wir eine Stunde geschenkt bekommen. Ganz praktisch können wir aber tatsächlich eine Stunde länger schlafen.

WDR: Kann denn jeder Mensch gleich gut mit dieser "geschenkten Stunde" umgehen?

Loks stehen in Köln im Güterumschlagbahnhof Köln Eifeltor

Fernverkehrszüge pausieren für eine Stunde

Rinderspacher: Es ist natürlich die Frage, wie man diese Stunde für sich nutzt. Interessant ist, dass in dieser Nacht zum Beispiel die grenzüberschreitenden Fernzüge für eine Stunde zwischen zwei und drei Uhr nachts stehen bleiben. Das ist eine Stunde null, eine Umschaltstunde. Das ist eine Stunde des Stillstandes und der Ruhe – ein neues zeitliches Gebilde. 

Die könnte einen jedes Jahr neu daran erinnern, mit seiner einmaligen Lebenszeit sorgsam – je nach Situation mal sparsam, mal verschwenderisch umzugehen. Der praktische Nutzen dieser Stunde ist ja überschaubar, aber der symbolische für uns ganz persönlich und für die Gesellschaft könnte groß sein!

Jürgen Rinderspacher

Jürgen Rinderspacher
... ist Zeitforscher und beschäftigt sich mit der Zeit aus der sozialwissenschaftlichen Perspektive. Seine Schwerpunkte am Institut für Ethik und angrenzende Sozialwissenschaften der Uni Münster sind Zeittheorie, die soziale Zeit sowie der Zusammenhang zwischen der Zeit und dem Wochenende. In seinem aktuellen Buch beschäftigt er sich mit dem Thema Zeitwohlstand.

WDR: Wie wir mit unserer Zeit umgehen, ist höchst unterschiedlich. Einige rasen und hetzen durchs Leben, andere haben Langeweile – das ist ja ein zeitlicher Begriff.

Rinderspacher: Ja, klar. Langeweile ist ein zeitlicher Begriff. Es gibt Studien darüber, dass etwa Arbeitslose Langeweile haben können, weil sie mit ihrem Leben nichts mehr anfangen können und eine Alltags-Struktur fehlt.

Eine sehr bekannte Studie, die Marienthal-Studie, hat schon Anfang der 30-er Jahre die Auswirkungen langandauernder Arbeitslosigkeit untersucht. Wenn die Arbeitszeit als Rahmenzeit entfällt, dann zerfällt eine wichtige Lebens- und Zeitstruktur, wie fallen in ein infantiles Stadium zurück.

WDR: Das Gefühl der Langweile haben aber nicht nur Arbeitslose.

Mann sitzt verträumt in seiner Küche

Langeweile – ein zeitlicher Begriff

Rinderspacher: Auch bei älteren Menschen gibt es das – ebenfalls weil ihnen der Sinn des Lebens abhanden gekommen ist. Gleichwohl kann Langeweile auch bei sehr umtriebigen Menschen auftreten, die mitten in der Rush Hour ihres Lebens sind. Sie sind es gewohnt, dass fortwährend Ansprüche an sie herangetragen werden.

Wenn dann einmal zufällig  "Leerzeiten" entstehen, in denen man nichts vermeintlich Sinnvolles tun kann, fallen sie in ein Loch. Das Smartphone ist dann oft der "Retter", der einen vor Langeweile bewahrt.

WDR: Was verstehen Sie denn eigentlich als Zeit?

Umstellung von Sommerzeit auf Winterzeit

Die Uhr wird auf "Winterzeit" gestellt

Rinderspacher: Das ist ein riesengroßes, komplexes Thema. Zeit hat ja ganz unterschiedliche Aspekte. Grob lässt sich zwischen einer physikalischen, einer sozialen  und einer psychologischen Zeit unterscheiden. In der Wissenschaft setzt man natürlich Schwerpunkte.

In den Sozialwissenschaften gilt Zeit als eine Konstruktion. Das heißt wir gehen davon aus, dass Zeit keine wirkliche physikalische Größe ist, sondern im Prinzip eine menschliche Verabredung, eine Konvention.

WDR: Welchen Zeit-Themen müssen sich die Forscher in der nahen Zukunft widmen?

Rinderspacher: Also in meinem Bereich sind Forschungen sehr interessant, die sich mit Begegnungen von Menschen beschäftigten, die unterschiedliche Zeitorientierungen und Zeitinteressen haben  – entweder weil sie aus unterschiedlichen Kulturen oder Generationen stammen, oder weil rein wirtschaftliche Ziele verfolgen. Solche Konfrontationen wird es in der Gesellschaft künftig öfter geben.

Menschen aus christlich geprägten Ländern haben ein anderes Zeitverständnis als Menschen aus muslimischen Kulturen. Zeit wird an verschiedenen Orten auf der Welt unterschiedlich verstanden und unterschiedlich gelebt. Und jüngere Menschen gehen mit ihrer Zeit anders um als ältere.

Das Gespräch führte Andreas Sträter

Punktgenau durch die Zeitumstellung

WDR 5 Morgenecho - Interview | 28.10.2017 | 04:32 Min.

Download

Stand: 27.10.2017, 06:00