Verschlusssache WLTP?

Illustration, Martin Gent

Verschlusssache WLTP?

Seit 1. September stehen in den Autopapieren realitätsnähere Werte für CO2-Emissionen und Spritverbrauch. Wer ein Auto kaufen möchte, kann die Werte aber nicht einfach im Netz vergleichen. Ein Unding, meint Martin Gent.

Ein großes Medienecho hatte die Umstellung der Abgasmessung vom laschen NEFZ auf den neuen Testzyklus WLTP. Nach wie vor wird auf dem Rollen-Prüfstand gemessen, aber mit einem realitätsnäheren Fahrprofil. Das Ziel sind realistische Angaben zum Kraftstoffverbrauch: „Verbraucher … sollen beim Kauf eines Neuwagens ihre Entscheidung in voller Sachkenntnis treffen können“, schreibt die EU-Kommission.

Maue Info für Autokäufer

Was in den ganzen Berichten allenfalls am Rande eine Rolle spielte: Bei der Verbraucherinformation zu Abgaswerten und Spritverbrauch tut sich seit dem 1. September eine Riesenlücke auf. Zwar gibt es im Netz zahlreiche Broschüren, FAQs und PDFs zum neuen Testzyklus WLTP, aber nur mit großer Mühe findet man fahrzeugspezifische Werte. Eine öffentliche, zentrale Datenbank für alle Neuwagen gibt es nach unseren Recherchen nicht.

Verordnungslücke

Die WLTP-Daten sind bekannt, stehen u.a. in der EG-Übereinstimmungsbescheinigung (engl. Certificate of Conformity, kurz COC), die mit jedem neuen Auto übergeben wird – und nach der Zulassung natürlich auch in den Fahrzeugpapieren.

Aber wer sich für ein Auto interessiert, hat keine Papiere. Autohersteller müssen die WLTP-Werte nicht angeben, weil die „Pkw-Energieverbrauchskennzeichnungsverordnung“ (Pkw-EnVKV) noch nicht geändert wurde. Das zuständige Bundeswirtschaftsministerium sagt auf Nachfrage, ein konkreter Termin sei nicht zu nennen. Nach Ansicht des ADAC gilt eine Empfehlung der EU-Kommission, die vorsieht, bis Ende 2018 NEFZ-Werte zu nennen und zum Jahreswechsel auf WLTP umzustellen. Die Deutsche Energieagentur (dena), die sich um das Pkw-Label kümmert, nennt als geplanten Umstellungstermin aber erst den 1. Mai 2019. Der WLTP-Blindflug könnte also acht Monate dauern. Mutmaßlich könnten in Deutschland also rund zwei Millionen Autos ohne kritschen Vergleich der WLTP-Werte verkauft werden.

Leitfaden hilft nicht weiter

Eigentlich soll der „Leitfaden CO2“ (im Auftrag der Industrie vom Branchendienst DAT erstellt) die nötige Transparenz für Autokäufer sicherstellen. Im Netz abrufen kann man aber lediglich die Juli-Version (aktualisiert am 6. August) mit alten NEFZ-Werten. Nach Auskunft der DAT wird der „Leitfaden CO2“ derzeit umfassend zu einer schicken Online-Datenbank überarbeitet. Ein WLTP-Update sei vor Novellierung der Pkw-EnVKV nicht geplant. Auch der "Neuwagen-Finder" der dena erscheint nicht als große Hilfe, das gilt auch für die Listen beim Kraftfahrtbundesamt (KBA).

Nicht gern freiwillig

Die halbstaatliche Energieagentur dena schreibt: „Die WLTP-Werte dürfen und sollen auf freiwilliger Basis auch früher veröffentlicht werden.“ Nach Angaben des ADAC folgen aber nur einige Hersteller (z.B. VW, BMW, Mercedes) diesem Wunsch und geben die WLTP-Werte zusätzlich im Internet-Konfigurator an, „freiwillig“, wie der Club betont: „Es ist davon auszugehen, dass weitere Hersteller dem folgen werden.“

Aber selbst wenn: Wer will sich die Daten mühsam zusammensuchen? Mit der Umstellung der Energiekennzeichnung haben sich im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums (BMWi) drei Institute in einer gemeinsamen Studie befasst. Schon im November 2017 wurde von den Forschern ein erläuterter „WLTP-Leitfaden“ vorgeschlagen – nach unseren Recherchen ohne Konsequenz.

Minimales Abmahnrisiko

Für den ADAC ist es nachvollziehbar, dass viele Hersteller „ohne gesetzliche Verpflichtung und aufgrund der bestehenden Unsicherheiten bei der Ausgestaltung“ erst einmal abwarten. Das Branchenblatt „Automobilwoche“ zitiert aus einem internen Hersteller-Papier: "Die freiwillige vorzeitige Angabe von WLTP-Werten birgt rechtliche Risiken für die Fahrzeughersteller (Abmahnungen)“. Ein Argument, dass die BMWi-Studie nicht gelten lässt: „Die zusätzliche Angabe der WLTP-Werte … resultiert nach Auffassung der Autoren nur in einem sehr geringen Abmahnrisiko …, wenn die WLTP-Werte als solche erläutert werden“, heißt es.

WLTP-Werte ein Geheimnis?

So gibt es möglicherweise noch einen anderen Grund für die mangelnde Transparenz: Die EU-Kommission prüft gerade den Vorwurf, dass WLTP-Werte aus strategischen Gründen manipuliert wurden. „Die EU-Kommission hat … im Juli 2018 darauf hingewiesen, dass Hersteller die im WLTP ermittelten CO2-Emissionswerte künstlich in die Höhe schrauben können“, schreibt die Deutsche Umwelthilfe (DUH). Der Grund für künstlich überhöhte Werte könnten aus Sicht der DUH kommende CO2-Limits sein. Je höher der WLTP-Wert von 2021, „desto einfacher ist es, die prozentualen Minderungsziele von 15 Prozent bis 2025 und 30 Prozent bis 2030 zu erreichen.“

Der Trick mit der Steuer-Angabe

Wer WLTP-Werte in Erfahrung bringen will, kommt über den Besuch im Autohaus weiter. Auf dem DIN-A-4-Blatt zu Energieeffizienz und Kraftstoffverbrauch muss auch die zu erwartende Kfz-Steuer genannt werden. In der Übergangszeit bis zur Pkw-EnVKV-Novelle werden also CO2- und Verbrauchsangaben nach dem überholten NEFZ angezeigt, die Steuerhöhe in Euro aber nach WLTP berechnet. Mit Antriebsart, Hubraum und Steuersatz kann man, wenn man denn will, den WLTP-CO2-Wert zurückrechnen. „Mit diesem neuen Prüfzyklus werden die Unterschiede zwischen Labor- und Straßenwerten deutlich kleiner. Damit erhalten die Kunden mehr Verlässlichkeit“, schreibt der Herstellerverband VDA. Ja sicher, aber eben nicht auf die einfache Tour.

CO2 und Spritverbrauch: Auf dem Prüfstand wird gemessen, wie viel CO2 pro Kilometer aus dem Auspuff kommt, bei einem neuen Auto sind es (nach dem alten NEFZ) im Juli 2018 durchschnittlich 131,3 Gramm pro Kilometer. Daraus lässt sich ganz einfach der durchschnittliche Kraftstoffverbrauch errechnen. Ein Liter Diesel steht für 2,62 kg CO2, bei Superbenzin sind es „nur“ 2,32 Kilo. Die 131,3 Gramm pro Kilometer entsprechen 13,13 kg pro 100 Kilometer. Geteilt durch die Literwerte entspricht das einem Kraftstoffkonsum von 5 Litern Diesel bzw. 5,7 Liter Superkraftstoff. (Umgekehrt heißt das auch, dass bei gleichem Verbrauch ein Diesel 13 Prozent mehr CO2 in die Luft bläst.)

WLTP und Steuer: Die Kfz-Steuer wird seit Juli 2009 nach Hubraum und CO2-Ausstoß berechnet. Ganz grob: Mit jedem Gramm über 95 g CO2/km steigt die Steuer um zwei Euro. Die Steuer soll steuern. Spritfresser zahlen drauf und sollen erst gar nicht gekauft werden. Seit diesem Monat wird die Steuer nach den in der Regel höheren WLTP-Werten berechnet, mit Ausnahmen „für auslaufende Serien und Lagerfahrzeuge“ wie das Bundesfinanzministerium schreibt. Für alle anderen Autos ergeben sich die WLTP-Werte aus der EG-Übereinstimmungsbescheinigung (engl. Certificate of Conformity, kurz COC), die mit dem Auto übergeben wird.

Hier schreibt Martin Gent, Redakteur und Reporter in der WDR-Wissenschaftsredaktion. Als Mobilitätsexperte ist er stets auf der Suche nach Perspektiven für den Verkehr von morgen.

Stand: 07.09.2018, 16:30