ÖPNV: Hessenpreise statt E-Ticketokratie

Der RRX kommt bald aufs Gleis

ÖPNV: Hessenpreise statt E-Ticketokratie

Da passt was nicht: 25 Euro kosten 75 Kilometer mit der Bahn im NRW-Tarif. Gleichzeitig bietet FlixBus beim Discounter ein Europa-Ticket für 12,99 Euro an. Wie teuer dürfen Bus und Bahn sein? Und was hat das mit der Hessenwahl zu tun?

von Martin Gent

Die FAZ steht den Grünen an sich nicht besonders nah. Für gute grüne Politik zeigt sie aber Respekt und begründet den Erfolg des stellvertretenden Ministerpräsidenten Tarek Al-Wazir bei der Hessenwahl so: „Dem Land geht es wirtschaftlich hervorragend, und die Grünen konnten Akzente in der Umwelt- und Verkehrspolitik setzen. Vor allem auf die Flatrate-Tickets im Nahverkehr ist Al-Wazir stolz.“

Schrittweise zum Bürgerticket

Gleich zwei „Flatrate-Tickets“ wurden in den letzten Jahren eingeführt: Landesbedienstete erhalten als Tarifbestandteil das „Landesticket“. Für Schüler gibt es ein Ein-Euro-Ticket, also für 365 Euro ein Jahr lang freie Fahrt in ganz Hessen. Tarek Al- Wazir will die Idee weiter ausbauen, wenn er Minister bleibt. Ein Seniorenticket für den öffentlichen Nahverkehr ist im Gespräch und perspektivisch soll daraus dann ein "Bürgerticket" für alle werden. Menschen mögen es einfach, sind für faire Flatrates zu haben. Bestes Beispiel: Die All-inclusive-Flat fürs Handy.

Tippelschritte in NRW

Beim ÖPNV denken nicht nur Hessen so, auch die Menschen in Nordrhein-Westfalen. Mit dem „Einfach-Weiter-Ticket“ (EWT) können ÖPNV-Stammkunden in NRW den Geltungsbereich ihres Tickets ein bisschen erweitern, nicht einmal aufs ganze Land NRW. Trotzdem ist es ein Erfolg. 2017 wurden dreimal so viel EWTs verkauft wie prognostiziert. Und endlich liest man auch bei den Nahverkehrs-Strategen vom KCM („Kompetenzcenter Marketing“) einen Satz wie diesen: „Bus- und Bahnkunden wünschen sich für die Zukunft weniger komplizierte Tarifangebote“.   

Weder einfach noch günstig

Die NRW-Realität ist davon meilenweit entfernt. Beispiel: Eine Fahrt vom Ruhrtal ins Rheinische, mit dem Auto 75 Kilometer. Auf busse-und-bahnen.nrw.de steht, dass man mit dem "SchöneReiseTicket" durchlösen kann. Vor der schönen Reise gibt es zwei Hürden. Die erste: Durchlösen geht nur umständlich online, nicht beim Fahrer. Zweite Hürde: Die Fahrkarte für Bus, Zug und S-Bahn hat mit 24,90 Euro einen stolzen Preis. Zum Vergleich: Der Sprit für die Strecke mit dem Auto kostet keine sieben Euro. Und für 13 Euro kann man derzeit mit dem Fernbus vom Ruhrgebiet bis ans Mittelmeer fahren.

Technokratie statt Flatrate

NRW-Verkehrsminister Hendrik Wüst hat im neuen „NRW-TarifReport“ das Vorwort geschrieben: „Die Menschen im Land erwarten zu Recht … ein leistungsstarkes, flächendeckendes und einfach zugängliches Angebot, damit sie zuverlässig und kostengünstig mobil sein können“. Von günstigen Flatrates schreibt er nichts, obwohl ausgerechnet in NRW eine Enquete-Kommission in der letzten Legislaturperiode die Chancen solcher „Bürgertickets“ ausführlich gewürdigt hat. Aber warum schnell und einfach, wenn es auch langatmig und kompliziert geht? Wüst setzt auf die „ÖPNV Digitalisierungsoffensive NRW“ und einen „E-Tarif“. Also alles beim Alten lassen, nur eben elektronisch statt Papierticket. Dieser technokratische Kurs hilft kurzfristig gar nicht, weder den Menschen in NRW noch den vom Diesel-Stickoxid geplagten Städten. Denn, so der Minister: In Sachen ÖPNV-Digitalisierung „liegt noch ein weiter Weg vor uns“.

Hier schreibt Martin Gent, Redakteur und Reporter in der WDR-Wissenschaftsredaktion. Als Mobilitätsexperte ist er stets auf der Suche nach Perspektiven für den Verkehr von morgen.

Stand: 29.10.2018, 12:00