VCD-Autoliste: Umweltsieger gibt es nicht

Verschiedene Neuwagen

VCD-Autoliste: Umweltsieger gibt es nicht

Von Martin Gent

• Überfällige Neuausrichtung des Umweltrankings
VCD setzte jahrelang auf umstrittene Datengrundlage
• Club rät zum Abwarten beim Autokauf

Vor einem Jahr, im August 2015, stellte der VCD stolz die 26. Ausgabe seiner "Auto-Umweltliste" vor. Darin allein zehn Seiten mit eng bedruckten Tabellen, in denen 400 Autos einem "Umweltcheck" unterzogen wurden. Für Schnellleser gab es übersichtliche TopTen-Listen und zwei Autos, die – aus Umweltsicht – zu den "Besten der Besten" gehören. Die Aufmachung ließ kaum vermuten, dass das Umweltranking schon damals, fünf Wochen vor Bekanntwerden des VW-Abgasskandals, auf tönernen Füßen stand. Längst war bekannt, dass den Herstellerangaben zu CO2-Emissionen und Schadstoffausstoß - ermittelt auf realitätsfernen Prüfständen - nicht zu trauen ist.

VCD-Kritik fand kein Echo

Der Verkehrsclub VCD agierte widersprüchlich. Einerseits nutzte der Club die umstrittenen Daten, um bis auf die zweite Nachkommastelle die Umwelteigenschaften der 400 Automodelle zu beziffern. Andererseits kritisierte der VCD, dass Hersteller "die Schlupflöcher bei den Messungen immer intensiver" nutzten, forderte ehrliche Verbrauchs- und Emissionstests ohne Schlupflöcher und Nachmessungen auf der Straße. Reagiert haben Politik und Behörden erst, als nach dem VW-Skandal das Dilemma nicht mehr zu leugnen war. Mit einem neuen Prüfzyklus für Verbrauch und CO2 (sog. WLTP, "Worldwide Harmonized Light-Duty Vehicles Test Procedure") und Praxismessungen für den Stickoxidausstoß (sog. RDE-Tests, "Real Driving Emissions") sollen die Herstellerangaben vertrauenswürdiger werden. Der Schönheitsfehler: Eingeführt werden die neuen Messmethoden erst 2017 – und bis dahin weiß man nur, dass den verfügbaren Daten kaum zu trauen ist.

Autokauf geplant? Abwarten!

"Mitten im Abgasskandal" konnte und wollte der VCD mit der Auto-Umweltliste nicht weitermachen wie ehedem und entschied sich zur überfälligen Kurskorrektur. Die diesjährige Liste ist im Umfang um zwei Drittel geschrumpft. Tabellen mit Daten sind überhaupt nicht mehr zu finden. Die Umweltliste ist ein textlastiger Ratgeber zum Autokauf. Die wichtigste Botschaft formuliert VCD-Autoexperte Gerd Lottsiepen so: "Gut dran ist, wer heute mit dem Autokauf abwarten kann".

Wer unbedingt ein Auto brauche, solle einen Gebrauchtwagen ins Auge fassen und auf "Fahrzeugtypen zurückgreifen, die seit Jahren im Ökoranking des VCD gut abgeschnitten haben und darüber hinaus ihre Umwelteigenschaften auf der Straße bewiesen haben", schreibt der VCD. Damit räumt der VCD ein, dass das Umweltranking allein zuletzt wenig aussagekräftig war. Zu den "Umwelteigenschaften auf der Straße" wiederum sind nur allgemeine Aussagen möglich. Umfassende Tabellen sind nirgends zu finden.

Antriebe und ihre Bewertung

So ist es derzeit schwer, umweltbewussten Autokäufern einen Rat zu geben. Statt eindeutiger Empfehlungen erscheint es sinnvoller, vor möglichen Problemen bestimmter Antriebsarten zu warnen. "Erst stirbt der Diesel, dann der Verbrenner", schreibt der VCD. Falls der Club Recht hat, könnte so ein Trend – ganz unabhängig von den konkreten Umwelteigenschaften – beispielsweise den Wiederverkaufswert beeinflussen.

Diesel: "Der Diesel ist diskreditiert, nicht zuletzt seit dem bekannt wurde, dass Autohersteller bei der Abgasreinigung tricksen, teils sogar betrügen", sagt Lottsiepen. In der Stadt habe der Diesel "keine Zukunft", sei allenfalls was für Vielfahrer auf der Autobahn. Es gibt zwar auch saubere Dieselfahrzeuge. Doch diese Modelle zu finden, kann – mangels Transparenz – ein Problem werden.

Benziner: "Kleine energieeffiziente Benziner" sind nach Ansicht des VCD durchaus umweltverträglich. Beispielsweise "die technischen Drillinge Citroen C1, Peugeot 108 und Toyota Aygo". Allein durch das geringe Gewicht und die kompakten Maße bleibt der Verbrauch niedrig. Für Vortrieb sorgt ein Dreizylinger-Otto-Motor ohne Direkteinspritzung. Bei diesem Motorkonzept sorgt in aller Regel ein Drei-Wege-Kat für eine gute Reinigung der Abgase.

Benziner mit Direkteinspritzung: Viele Hersteller rüsten Otto-Motoren mit Turbolader und Direkteinspritzung aus. Diese Downsizing-Triebwerke kombinieren guten Durchzug mit niedrigem Verbrauch (auf dem Prüfstand). Aber: "Direkteinspritzende Benziner warten auf den Partikelfilter", schreibt der VCD. Tatsächlich stoßen Direkteinspritzer häufig gefährlichen Feinstaub aus. Einzelne Hersteller haben deshalb angekündigt, in die Autos (wie beim Diesel) einen Partikelfilter einzubauen. Noch sind die Modelle nach unserer Kenntnis aber nicht erhältlich.

Erdgas: Ein Golf Variant mit Erdgasantrieb gehört für den VCD zu den eher empfehlenswerten größeren Autos. Auch in den Rankings vom ADAC ("Eco Test") und von Ökotrend waren Erdgasautos in der Vergangenheit oft weit vorn zu finden. Der Treibstoff verbrennt mit niedrigen CO2-Emissionen und vergleichsweise schadstoffarm. Die Erdgas-Varianten bekannter Modelle kommen mit den fest eingebauten Erdgastanks viele hundert Kilometer weit. Falls eine Erdgastankstelle in der Nähe ist, lassen sie sich meist über kleine Nottanks auch mit Ottokraftstoff fahren.

Elektroauto: Der VCD kritisiert die wenig neuen Modelle am Markt und sieht Umweltvorteile vor allem für Fahrzeugflotten und "Pendler, die tägliche Wege ab 50 Kilometer" zurücklegen.

Toyota Prius

Vom VCD empfohlen: der Toyota Prius

Hybridantrieb: "Verbrauchen wenig und sind sauber", sagt der VCD und sieht in Autos mit Hybridantrieb (also einem Kombiantrieb aus Elektro- und Verbrennungsmotor) für "Stadt- und Überlandfahrten". Konkret empfohlen wird der Toyota Prius. Dazu der der VCD: "Einen vergleichbaren deutschen Pkw gibt es leider nicht."

Wasserstoffantrieb: Wird vom VCD nicht näher bewertet. Das Problem ist die mehrfache Energiewandlung, die den Wirkungsgrad deutlich nach unten drückt.

Stand: 16.08.2016, 09:30