Jülicher Forscher messen Strahlenbelastung in Tschernobyl

Jülicher Forscher messen Strahlenbelastung in Tschernobyl

Von Helga Hermanns

Wissenschaftler des Jülicher Forschungszentrums haben in der weißrussischen Region Korma die radioaktive Strahlenbelastung der Menschen nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl dokumentiert. Die Ergebnisse der Langzeitstudie liegen jetzt vor.

In 240 Dörfern wurden mit mobilen Ganzkörperzählern rund 320.000 Messungen vorgenommen. Die ersten Messungen stammen aus dem Jahr 1991 und wurden für drei Bevölkerungsgruppen erfasst: Kinder und Jugendliche unter 19 Jahren, Personen bis 35 Jahre und die Älteren. Schon zu Beginn der Messungen lag die radioaktive Belastung nur bei wenigen Personen über dem Grenzwert von einem Millisievert pro Jahr. Er sank in den folgenden Jahren deutlich ab und hat heute fast einen Normalwert erreicht - vergleichbar mit Menschen in Deutschland. Lediglich die Böden - hier vor allem der Wald - sind nach wie vor stark kontaminiert, da das Cäsium über viele Jahre im natürlichen Kreislauf gebunden ist.

Studie bringt Erkenntnisse für Katastrophenschutz

Nach Aussage von Burkhard Heuel-Fabianek, dem Leiter des Geschäftsbereichs Strahlenschutz im Forschungszentrum Jülich, belegt die Langzeitstudie, dass die Radioaktivität in den Gärten und auf den für Kartoffeln oder Getreide genutzten Ackerflächen über die Jahre deutlich zurückging. "Heute können diese Produkte wieder bedenkenlos verzehrt werden", sagt Heuel-Fabianek. Denn bei der Bearbeitung der Flächen würden die radioaktiven Nuklide in tiefere Schichten gebracht. In den Wäldern jedoch blieb die Strahlenbelastung hoch. Für die Menschen in den Dörfern rund um Korma bedeutet das bis heute, dass sie auf Waldpilze oder Wildfleisch verzichten müssen, weil diese nach wie vor zu stark verstrahlt sind.

"Die Ergebnisse der Studie sind von allgemeinem Interesse, weil sie auch auf andere Orte direkt übertragbar sind. Dies gilt auch für Erkenntnisse bezüglich der Verhaltensweise und Ernährung in ländlichen Gebieten", sagt der Jülicher Strahlenschutzexperte Dr. Peter Hill. Und die Erkenntnisse aus der Studie erlaubten auch Rückschlüsse auf Katastrophenschutzmaßnahmen und die Betreuung der Bevölkerung in ländlichen Gebieten Westeuropas bei einem möglichen Reaktorunfall.

Gorbatschow bat um deutsche Unterstützung

Anlass für das Langzeitprojekt war der sowjetische Präsident Gorbatschow, der 1991 die deutsche Bundesregierung um Unterstützung beim Strahlenschutz bat. Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl lag fünf Jahre zurück, und die Menschen hatten wenig Vertrauen in die Wissenschaftler vor Ort, die anfangs das furchtbare Ausmaß der Katastrophe vertuscht hatten. Die Jülicher Forscher wurden damals vom Bundesumweltministerium mit der Projektleitung beauftragt, vor allem wegen ihrer langjährigen Erfahrungen im Strahlenschutz.

Um die Menschen in den weißrussischen Dörfern etwa 200 Kilometer nordöstlich von Tschernobyl zu erreichen, wurden Transportfahrzeuge mit so genannten Ganzkörperzählern ausgestattet. Da auch viele Babys und Krabbelkinder untersucht werden mussten, konstruierten die Jülicher Wissenschaftler für die Kleinsten ein eigenes Messgerät, das von seiner Form an eine Waagenschale erinnert. Es war so gebaut, dass die Mutter neben dem Baby sitzen konnte, ohne dass ihre Inkorporationsstrahlung die Messung störte.

Unbekümmerter Umgang mit Nahrungsmitteln

"Die Angst der Bevölkerung vor einer extrem hohen Strahlenbelastung im Körper war anfangs sehr groß", erinnert sich der Jülicher Strahlenschutzexperte Dr. Peter Hill. "Gleichzeitig gab es aber einen eher unbekümmerten Umgang mit Nahrungsmitteln aus den eigenen Gärten und aus den umliegenden Wäldern. Es liegt in der Tradition der Menschen dort, sich selbst zu versorgen." Um der Bevölkerung die Unsicherheit zu nehmen, legten die Jülicher Forscher, die in diesem Projekt auch zum ersten Mal eng mit Kollegen aus dem gerade wiedervereinigten Osten Deutschlands zusammenarbeiteten, großen Wert auf Transparenz. Sofort nach jeder Messung wurde den Menschen das Ergebnis mitgeteilt und ausführlich erläutert, was es genau bedeutet.

Messungen mit erzieherischem Effekt

Den Jülicher Wissenschaftlern war in all den Jahren ihrer Untersuchungen wichtig, die Bevölkerung zu beraten. Die meisten halten sich bis heute an die ausgegebenen Verhaltensmaßregeln, sie kaufen geprüfte Lebensmittel, achten darauf, was sie und ihre Kinder essen. "Die regelmäßigen jährlichen Messungen und die Beratung haben einen erzieherischen Effekt, so dass die Leute nicht nachlässig werden, sondern sich immer wieder daran erinnern, sich richtig zu verhalten", betont Heuel-Fabianek. Und er sagt auch, dass die Langzeitbeobachtung in der Region Korma fortgesetzt wird.

Stand: 26.04.2016, 14:23