Widersinniger Trend zum SUV

SUV Produktion in einem Volkswagen Werk

Widersinniger Trend zum SUV

Von Martin Gent

Mit 26 Prozent Marktanteil liegen Pseudo- und echte Geländewagen vor den beliebten Kompakten der so genannten Golf-Klasse. Die Hochrüstung hat Konsequenzen.

SUVs sind eine Pest – und zugleich so modern: Bequemes Einsteigen, gute Aussicht, ein tolles Sicherheitsgefühl und Reserven bei widrigen Straßenbedingungen. Diese Schein-Argumente sind in erster Linie egoistischer Natur. Das gilt auch für die Autoindustrie. Daimler-Chef Dieter Zetsche brachte es in einem Interview auf den Punkt: "Geländewagen haben höhere Margen als andere Pkw."

SUV-Werbung an jeder Skipiste

So setzte sich eine Geländewagen-Spirale in Gang. Ich freute mich, dass anfangs Autozeitschriften dagegenhielten. Sie belegten in Vergleichstests, dass Geländewagen gegenüber Kombis fast nur Nachteile haben: weniger Platz, schlechtere Fahreigenschaften, teurer, überproportionaler Spritverbrauch. Doch diese Argumente gegen SUVs konnten den Trend nicht aufhalten. Aggressive Werbung und Lifestyle-Gefühle beim Autokauf ergänzten sich prächtig.

XXL-Stirnfläche und Übergewicht

Damit der Spritverbrauch nicht peinlich wurde, kam und kommt besonders häufig ein Diesel unter die Haube. Wer erzählt, er hätte mit einem Diesel-SUV ein umweltfreundliches Auto kaufen wollen, sollte seine Argumente noch einmal sorgfältig prüfen. Geländewagen sind aus physikalischen Gründen das Gegenteil von umweltfreundlich. Statt windschlüpfrig und leicht, sind SUVs ausladend und schwer. Das treibt Verbrauchs- und CO2-Werte nach oben. Audi und Mercedes befürchten, die in drei Jahren gütigen Limits nicht einhalten zu können. Kein Wunder, haben sie doch den SUV-Trend mächtig befeuert.

Gepanzertes Selbst

Auch für die Mobilität in den Städten sind Geländewagen so ziemlich das Letzte. Hoch sitzen für mehr Überblick mag ja ein beglückendes Gefühl sein. Aber wenn alle hoch sitzen, sieht niemand besser. Das ist Wettrüsten im Straßenverkehr statt Miteinander. Anstelle eines Kontakts auf Augenhöhe – auch zu Radfahrern und Fußgängern – stehen Geländewagen für Überlegenheit und Abschottung. Ein Wirtschaftspsychologe spricht vom gepanzerten Selbst.

In der Stadt fehl am Platz

SUVs stehen für die überbordende Inbesitznahme des öffentlichen Raums durch das Automobil. Unter den praktischen Konsequenzen leiden die SUV-Aufsteiger sogar selbst. Nicht Fahrspuren und Parkplätze sind zu eng, sondern die Autos zu groß. Aus dieser Perspektive ist es absurd, dass die Mieten in Städten explodieren, Autos und Geländewagen aber immer mehr vom knappen Stadt-Raum quasi umsonst für sich beanspruchen.

Hier schreibt Martin Gent, Redakteur und Reporter in der WDR-Wissenschaftsredaktion. Als Mobilitätsexperte ist er stets auf der Suche nach Perspektiven für den Verkehr von morgen.

WDR 5 Morgenecho - Kommentar | 17.01.2018 | 02:52 Min.

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Stand: 13.03.2018, 12:00