Neue Studie: Wie krank machen Kohlekraftwerke?

Braunkohlekraftwerk Niederaußem bei Köln in NRW

Fragen und Antworten

Neue Studie: Wie krank machen Kohlekraftwerke?

Von Martin Gent

Nach einer Studie des WWF und anderer Umweltverbände betreibt Deutschland nach Polen die meisten schmutzigen Braunkohlekraftwerke in Europa. Schadstoffe kommen auch aus Kraftwerken in NRW - und machen uns und unsere Nachbarn krank.

Was sind die zentralen Ergebnisse der Analyse?

Mit ihren Kohlekraftwerken fügen sich die EU-Nachbarn gegenseitig große Schäden zu. Nach einer am Dienstag (05.07.2016) veröffentlichten Analyse von vier Umweltverbänden sind die Emissionen aller europäischen Kohlekraftwerke für jährlich 22.900 vorzeitige Todesfälle sowie zehntausende Herz- und Lungenkrankheitsfälle verantwortlich. Der Report mit dem Titel "Europe's Dark Cloud" (Europas dunkle Wolke) stützt sich auf offizielle Zahlen von 257 der 280 europäischen Kohlekraftwerke. Die Gesundheitskosten belaufen sich demnach auf bis zu 62,3 Milliarden Euro jährlich.

Die Studie legt nach Angaben der Autoren zum ersten Mal offen, wie EU-Nachbarstaaten sich mit ihren Kohlekraftwerken gegenseitig schädigen und welche Gesundheitsfolgen und -kosten dadurch in den einzelnen Ländern entstehen.

An der Spitze der Staaten, von denen die größten Belastungen ausgehen, sieht die Studie Polen. Die polnischen Kraftwerke sollen demnach jährlich für 5.830 vorzeitige Todesfälle verantwortlich sein, zu 80 Prozent sind Menschen nicht in Polen, sondern in den Nachbarländern betroffen. Durch die Luftverschmutzung aus deutschen Kohlekraftwerken kommen geschätzt jährlich 4.350 Menschen ums Leben, davon 2.500 in den Nachbarländern.

Was heißt das für NRW?

In einer Negativliste der "giftigsten" Kraftwerke stehen drei Blöcke aus dem rheinischen Braunkohlerevier westlich von Köln. Demnach sind den RWE-Kraftwerken Niederaußem, Neurath und Weißweiler zusammen pro Jahr mehr als 1.000 Todesfälle zuzuschreiben. Nach der Studie verursachen diese Kraftwerke Gesundheitskosten von 1,55 Milliarden Euro jährlich.

Ist nicht längst bekannt, dass Kohlekraftwerke Dreckschleudern sind?

Braunkohle-Kraftwerke werden schon lange kritisiert – vor allem, weil sie so viel Kohlendioxid (CO2) ausstoßen. Seit Inbetriebnahme zweier neuer Kraftwerksblöcke im Jahr 2012 ist das Kraftwerk Neurath "Klimakiller" Nummer eins in Deutschland. 2014 wurden 32,1 Millionen Tonnen CO2 in die Luft gepustet. Diese Zahlen nennt auch die neue Studie. Im Mittelpunkt stehen aber die direkten Gesundheitsfolgen durch andere Schadstoffe. Umweltorganisationen kritisieren schon lange, dass die Großkraftwerke Feinstäube, Stickoxide und Radioaktivität ausstoßen. Auch ist bekannt, dass die Stromfabriken in der niederrheinischen Bucht die größten Quecksilber-Emittenten in Deutschland sind. Die neue Analyse bestätigt all dies und nennt konkrete Zahlen. Neu ist, dass versucht wird, die räumliche Ausbreitung und die damit verbundenen Gesundheitsschäden zu berechnen.

Werden die anderen Schadstoffe nicht längst ausgefiltert?

Keine Frage, es gab in den letzten Jahrzehnten deutliche Fortschritte bei der Abgasreinigung im Kraftwerk. Das betrifft zum Beispiel Schwefeldioxid (SO2), dessen Ausstoß erheblich gesunken ist. Die deutschen Kraftwerke sind tendenziell besser als manche Anlagen im Ausland. Zwar liegen die drei genannten Kraftwerke in der Negativliste der größten Klimasünder auf den Rängen 2, 3 und 6. Bei einer anderen Negativliste zum Ausstoß gesundheitsschädlicher Schadstoffe aber werden die besseren Ränge 9, 11 und 21 belegt. Der Grund: Das Klimagas CO2 lässt sich mit herkömmlicher Technik nicht wegfiltern. Große Kraftwerke produzieren einfach viel CO2. Andere Schadstoffe kann man aber technisch reduzieren. Unterm Strich heißt das, dass die Kohleverstromung mit veralteter Kraftwerkstechnik in anderen Ländern noch deutlich bedenklicher ist. Die Studie macht aber klar, dass trotz aller Fortschritte die Belastung hoch bleibt. Gemessen an den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation WHO atmen 80 Prozent der Städter in der EU zu dreckige Luft ein.

Wie machen die Schadstoffe krank?

Konkret geht es in der Studie um Feinstäube (u.a. PM2.5), Stickoxide (Stickstoffdioxid NO2 und Stickstoffmonoxid NO) und Quecksilber. Die Emissionsdaten für das Jahr 2013 sind aus EU-Quellen abrufbar und konnten ausgewertet werden. Neue Studien zeigen, dass es für viele Luftschadstoffe keine Unbedenklichkeitsschwelle gibt. Dies trifft beispielsweise für Kleinst-Partikel mit einem Durchmesser unter zweieinhalb Mikrometern zu (Feinstaub oder Feinst-Staub PM2,5). Schon wenige Stunden Aufenthalt in belasteter Luft kann negative Effekte haben. Besonders tückisch ist, dass kleinste Partikel über die Lungenbläschen bis ins Blut gelangen können und viele Herz-Kreislauf-Erkrankungen mitverursachen. An der Entstehung von "sekundärem Feinstaub" sind auch Schwefeldioxid und Stickstoffdioxid beteiligt. Direkt können diese Schadgase Atemwegserkrankungen verursachen und setzten besonders Asthmatikern und Kindern zu. Stickoxide sind zudem beteiligt an der Entstehung schädlichen Ozons.

Quecksilber ist ein Nervengift, besonders als organisches Methyl-Quecksilber. Eine zu hohe Belastung mit diesem Schwermetall ist über Haarproben nachweisbar. Der Studie zufolge werden in der EU jedes Jahr 1,8 Millionen Kinder mit erhöhten Werten geboren. Quecksilber schädigt das Nervensystem und kann zu verminderter Intelligenz führen. Das Problem all dieser negativen Gesundheitswirkungen: In den seltensten Fällen wird man die Erkrankung direkt auf die dreckige Luft oder gar die Abgase eines Kohlekraftwerks zurückführen können. Sie missbrauchen, wie andere auch, die Atemluft als Schadstoffdeponie, hinterlassen an ihrem Müll aber keine Absenderangabe.

Kann man Todesfälle und Gesundheitskosten überhaupt so genau kalkulieren?

Es ist keine Idee der Umweltverbände, die Schadstoffwerte in Todesfälle und Gesundheitskosten umzurechnen. Das sind verbreitet genutzte Methoden, die beispielsweise auch von der Europäischen Umweltagentur, der Europäischen Kommission, der Weltgesundheitsorganisation oder der Internationalen Energieagentur angewendet werden. Natürlich sind die genannten Zahlen nur Näherungswerte. Man kann sicherlich darüber diskutieren, ob sich der vorzeitige Unfalltod eines 20-Jährigen mit geraubten Lebensmonaten im Seniorenalter vergleichen lässt. Aber ohne epidemiologische Methoden, die versuchen, den Schaden in halbwegs griffige Zahlen zu fassen, bliebe dieser völlig abstrakt.

Wer leidet unter den Schadstoffen?

Beim CO2 ist es nach Ansicht der Forscher gleichgültig, wo auf der Welt das Treibhausgas ausgestoßen wird. Die anderen Schadstoffe verteilen sich nicht global, sondern wirken im Umfeld des Kraftwerkes. Für die Studie wurde versucht, mit meteorologischen Modellen die Verteilung der Schadstoffe räumlich zu simulieren. Um zu berechnen, wie viele Menschen betroffen sind, wurde beispielsweise auch die Bevölkerungsdichte berücksichtigt. Eins der zentralen Ergebnisse der Analyse ist, dass in vielen Fällen nicht die Kohlestromproduzenten selbst am meisten unter den Schadstoffen leiden, sondern deren Nachbarn.

Ist der Nutzen der Kraftwerke nicht viel größer als der Schaden?

Für die drei Braunkohlekraftwerke Niederaußem, Neurath und Weißweiler kalkuliert die Studie zusammengenommen Gesundheitskosten zwischen 1,55 und 3,02 Milliarden Euro pro Jahr. Insgesamt produzieren die Kraftwerksblöcke an diesen drei Standorten rund 80 Terawattstunden Strom pro Jahr. Bei einem Börsenstrompreis von derzeit rund 25 Euro pro Megawattstunde beträgt der Erlös aus dem Stromverkauf rund 2,0 Milliarden Euro pro Jahr. Nach dieser Abschätzung entsprechen die in der Studie genannten Gesundheitskosten für diese Kraftwerke in etwa dem Erlös aus dem Stromverkauf.

Wann ist der Kohleausstieg geplant?

Auf Infotafeln am Rande des Braunkohle-Tagebaus spricht RWE von einem "Abbau bis 2045". Mitunter wird aber auch die Zahl 2050 als Ausstiegszeitpunkt genannt. Ein Szenario der Bundesnetzagentur brachte das Jahr 2025 ins Gespräch. Bis dahin könnten rund 20 Kraftwerksblöcke stillgelegt werden, was Bürger in der Region auf ein vorzeitiges Ende des Tagebaus Garzweiler hoffen lässt. Die Umweltorganisation BUND fordert ein Braunkohle-Aus bis 2030, die Autoren der aktuellen Studie fordern einen "sozialverträglichen Fahrplan zum Ausstieg aus der Kohleverstromung, der bis spätestens 2035 komplett umgesetzt wird".

Schlagzeilen machte im Januar 2016 ein Vorschlag von "Agora Energiewende". Der Think-Tank legte ein Konzept vor, nach dem ältere Kohlekraftwerke schon ab 2018 vom Netz gehen, die jüngeren Anlagen spätestens 2040. Angesichts der schwierigen Situation auf dem Strommarkt kann es durchaus sein, dass RWE schon vorher die Braunkohlenmeiler dicht macht – einfach weil es sich nicht mehr lohnt.

Stand: 05.07.2016, 16:02