Wenn uns die Energiewende zu nahe kommt

Amprion plant einen Strom-Konverter

Stromnetze der Zukunft

Wenn uns die Energiewende zu nahe kommt

Die erneuerbare Energien sollen in Zukunft Strom aus Kern- und Kohlekraftwerken ersetzen. Dafür brauchen wir neue Stromnetze. Die Orte, die das betrifft, setzen sich allerdings gegen Höchstspannungsleitungen und Riesenkonverter zur Wehr. Ein Beispiel aus Meerbusch.

Osterath ist ein kleiner Stadtteil von Meerbusch. Nur der Rhein trennt die Ansammlung hübscher Dörfchen von Düsseldorf. Viele arbeiten in der Landeshauptstadt, wohnen aber hier. Denn Osterath hat seinen dörflichen Charakter bewahrt. Hier ist es ruhig, der Baugrund ist teuer, Hochhäuser sucht man vergebens. Die höchsten Gebäude sind die Türme der beiden Kirchen. 18 Meter. Seit 2012 aber waren die Bewohner von Osterath in Aufruhr. Denn die Energiewende betraf sie zunächst anders als gedacht: Osterath war als Knotenpunkt für neue Höchstspannungs-Stromleitungen und als Standort für einen Konverter vorgesehen.

Das neue Stromnetz benötigt riesige Konverter

Die deutschen Atomkraftwerke sollen bis 2022 abgeschaltet werden. Dann muss Strom von den Windrädern im Norden bis in den Süden Deutschlands fließen können. Dafür braucht man aber neue Leitungen, richtige Stromautobahnen, insgesamt 36 Verbindungen mit einer Länge von 6.000 Kilometern. Wie genau der Strom transportiert werden soll, erklärt Dr. Heinz-Jürgen Scheid von der Bundesnetzagentur: "Dafür soll die HGÜ-Technik eingesetzt werden, das ist die Gleichstromübertragung. Das ist im Kern auch nichts neues, aber in dieser Ausführung schon in soweit neu, weil damit über große Strecken relativ verlustarm Strom übertragen werden kann." Am Beginn und am Ende dieser Leitung muss allerdings der Gleichstrom wieder in Wechselstrom umgewandelt werden, damit er in das Stromnetz eingespeist werden kann - und dafür sind Konverter notwendig.

Die Spannung in diesen Anlagen beträgt bis zu 380.000 Volt. In der Wohnung hat man Strom mit 220 Volt. Empfindliche Menschen tauschen sogar ihr Telefon gegen ein spezielles Gerät aus, das angeblich weniger Strahlung produziert. Klar, dass die Bewohner Meerbusch-Osteraths so eine Anlage nicht haben wollen. Der Elektroingenieur Andreas Wagner von der Osterather Bürgerinitiative gegen den Konverter kann aber beruhigen: "Die Konverterhalle selber wird in einem Metallgehäuse untergebracht, das wird geerdet und damit werden die elektromagnetischen Felder, die dort entstehen, daran gehindert, nach außen in Umgebung zu treten." Das Ganze hat außerdem noch Schallschutzgründe: "Das heißt, wenn in der Halle so ein hochfrequentes Piepen oder so etwas zu hören ist, wird auch dieser Schall daran gehindert, nach außen zu treten."

Riesenhalle am Rande des Wohngebiets

Es geht also nicht um die Strahlung, auch nicht um den Lärm. Worum aber geht es dann? Norma Köser-Voitz, die Sprecherin der Bürgerinitiative, erklärt die Gründe dafür, dass sie den Konverter ablehnt: "Weil es eine Riesenhalle ist! Hundert mal zweihundert Meter im Grundmaß, mit einer Höhe von 30 Metern sicherlich. Das ist eine industrielle Großanlage und das haben wir von Anfang an gesagt: Industrielle Großanlagen gehören nicht an den Rand eines Wohngebiets." Die neue Halle würde direkt hinter den Gärten am Ortsrand von Osterath stehen - in der Nähe des Umspannwerks. Denn in Osterath gibt es schon eine Höchstspannungsleitung - sie transportiert allerdings Dreh- oder Wechselstrom. Die neue Gleichstromleitung bräuchte noch ein eigenes Umspannwerk, und das wäre viermal so groß wie der Konverter. Über diesen Knotenpunkt würden auch das Rheinische Braunkohlerevier und die großen Kraftwerke in der Region angeschlossen. Außerdem soll die neue Stromtrasse andere deutsche, niederländische und belgische Leitungen entlasten.

Aber wie fällt eigentlich die Entscheidung für die neuen Leitungen? Dem Ganzen geht ein mehrstufiges Verfahren voraus: Die Netzbetreiber müssen einmal im Jahr einen sogenannten Netzentwicklungsplan vorlegen, der auf Schätzungen beruht, wann, wo und wieviel Strom eingespeist und verbraucht werden wird. Dieser Plan wird dann von der Bundesnetzagentur geprüft, die ihn als Bedarfsplan der Bundesregierung vorlegt. Die beschließt ein Gesetz, das Bundesbedarfsplangesetz, das wiederum den Rahmen vorgibt, um den Verlauf einzelner Trassen genau zu planen. Auf allen Stufen der Entwicklung sollen Bürger, Wissenschaftler und Initiativen mitreden können. Der Energieexperte des BUND, Thorben Becker, hat dennoch Kritik: "In allen Phasen finden Konsultationen statt. Wir haben es als BUND sogar geschafft, eine unserer zentralen Forderungen, nämlich die nach einer strategischen Umweltprüfung mit Alternativenprüfung in das Verfahren hineinzubekommen. Das steht so im Gesetz. Leider sieht die Realität anders aus." Denn am Ende jeder Prüfung, jeder Schleife, jeder Beteiligung kommt das Auswahlverfahren nach den Worten Beckers oft doch wieder zu demselben Ergebnis, das am Anfang schon vorgesehen war.

Beschwerden und Eingaben hatten Erfolg

Die Bürgerinitiative gegen den Konverter in Meerbusch-Osterath aber hatte Erfolg mit ihren Beschwerden und Eingaben - was auch den Mitgliedern zu verdanken ist, die bis zu 40 Stunden pro Woche für die Initiative investierten. Der zuständige Netzbetreiber Amprion behauptete am Anfang, der Standort Osterath sei "alternativlos". Bei der Alternativenprüfung ergab sich dann aber, dass es nicht nur den einen, sondern ganze 19 mögliche Standorte gibt. Die Folge: Per Gesetz wurde Osterath 2013 nur zum Netzverknüpfungspunkt und nicht mehr zum Standort für einen Konverter erklärt. Das bedeutet, dass der Konverter nicht mehr in Osterath gebaut werden muss - die Leitung aber schon.

Gegen die Leitung haben die Anwohner auch gar nichts, eine 380.000-Volt-Wechselstromleitung gibt es ja schon. "Das ist unser Beitrag zur Energiewende, das ist die Netzverstärkung, die wir in Osterath mittragen," sagt Norma Köser-Voitz von der Bürgerinitiative. Der Konverter kann nun wo anders gebaut und mit einer Stichleitung an die Gleichstromautobahn angeschlossen werden. Für die Bürgerinitiative steht nach dieser Erfahrung fest: Die Bürger müssen nicht nur hier, sondern überall stärker miteinbezogen werden. Denn auch Amprion habe zunächst versucht, den leichtesten Weg zu gehen, den Konverter dort zu bauen, wo es scheinbar am einfachsten ging. "Das passte denen gut rein," glaubt Köser-Voitz. "Die haben das Umspannwerk gesehen, das für sie eben sehr geeignet ist, daher auch der Verknüpfungspunkt Osterath. Und ich denke, alles Weitere haben die sich am Anfang überhaupt nicht angeguckt, das ist denen durchgegangen. Das haben die auch später, einige Woche später, zugegeben, dass sie am Anfang doch Fehler gemacht und einige Dinge erst gar nicht beachtet hatten." Das alles kommt aber erst ans Licht, wenn Bürger nicht alles glauben, sondern sich engagieren.

Autor des Radiobeitrags: Marcus Schwandner.

Stand: 07.04.2015, 15:50