Stimmungsmache im Netz: Mensch oder Bot?

Stimmungsmache im Netz: Mensch oder Bot?

Forscher der Uni Münster wollen herausfinden, wie man Propaganda in Sozialen Medien entlarvt und beweist. Dazu soll auch eine militärische Methode zum Einsatz kommen: der Kampf "Gut gegen Böse". Drei Fragen an Projektleiter Christian Grimme.

WDR 3: Auf welchen Wegen beeinflusst Propaganda im Netz die öffentliche Meinung?

Christian Grimme: Es gibt mehrere Wege. Der Standardweg ist relativ direkt und auffällig, das ist die persönliche Kommunikation: Da geben einzelne Personen ihre Meinung weiter. Wir interessieren uns aber vor allem für die sehr koordinierte Propaganda in Sozialen Medien und Kommentarspalten, die verdeckt betrieben wird. Sie wirkt vielleicht wie persönliche Kommunikation, muss aber nicht notwendigerweise von Menschen betrieben werden, sondern geschieht auch durch Bots - also automatisch, mit Hilfe einer Software. Man vermutet und hat beobachtet, dass solche Propaganda-Angriffe koordiniert werden, kann es aber bisher nicht richtig nachweisen. Das ist oft sehr geschickt gemacht, auch mit Hilfe künstlicher Intelligenz. Da werden dann ganze Diskussionen zwischen mehreren Usern vorgetäuscht und einzelne User lassen sich angeblich sogar überzeugen. Die Folge ist, dass hier ein Meinungsbild entsteht. Und dieses Meinungsbild wird immer wieder auch von den "traditionellen" Medien aufgegriffen - die nach wie vor eine große Glaubwürdigkeit besitzen - und in die öffentliche Meinung transportiert. Auf diese Weise wird es aufgewertet und kann seine Wirkung entfalten, eben weil es sich um eine vermeintliche Mehrheitsmeinung handelt.

WDR 3: Wie wollen Sie den Ablauf und die Wirkung von Propaganda im Netz erforschen?

Grimme: Das Projekt ist interdisziplinär und thematisch relativ breit angelegt: Beteiligt sind Kommunikationswissenschaftler und Statistiker, Informatiker, die auf IT-Sicherheit spezialisiert sind, mit "Spiegel Online" und "Süddeutscher Zeitung" außerdem zwei große Online-Medien sowie eine IT-Beratungs-Firma. Wir wollen schauen: Wie kann man Propaganda identifizieren und nachweisen, zum Beispiel auf sprachlicher Ebene oder auch aus Erfahrung? Es geht uns aber auch um eine Definition: Was ist Online-Propaganda ganz genau? Das ist bisher nämlich noch gar nicht richtig erforscht worden. Und wir wollen versuchen, Muster zu erkennen - um irgendwann dann anhand einzelner Twitter- oder Kommentar-Verläufe feststellen zu können: Ist es ein Mensch, der da postet, oder ein Bot? Geplant ist außerdem, einen Wettkampf zu veranstalten. Das geht auf den "Red-Teaming"-Ansatz zurück, der auch im Militär eingesetzt wird und so eine Art Kampf Gut gegen Böse simuliert: Ein "rotes Team" versucht - natürlich im geschützten Raum -, Propaganda zu verbreiten, und das "blaue Team" soll ihm mit den neu entwickelten Methoden auf die Schliche kommen.

WDR 3: Können Sie schon sagen, was man Propaganda-Angriffen, einmal identifiziert, entgegen setzen könnte? Wie man sie also abwehren könnte?

Grimme: Unser Hauptaugenmerk liegt auf dem Nachweis solcher Propaganda-Angriffe. Es geht also mehr um Beurteilung als um Abwehr - denn wenn wir von Abwehr sprechen, dann müssen wir auch aufpassen, nicht in den Bereich der Zensur zu geraten. Den Nachweis, dass es sich um Propaganda handelt, wird man nie mit 100-prozentiger Sicherheit führen können. Ziel ist aber, den Moderatoren oder Administratoren Unterstützung zu bieten - indem sie die Möglichkeit bekommen, festzustellen, ob es sich wahrscheinlich um einen Propaganda-Angriff handelt oder eher nicht.

Das Gespräch führte Anna Beerlink.

Stand: 10.06.2016, 10:44