Warum ein Verzicht auf Plastiktüten nur der erste Schritt sein kann

EIn Bagger umhüllt von einem riesen Berg Müll

Warum ein Verzicht auf Plastiktüten nur der erste Schritt sein kann

Von Mathias Tertilt

• Erster Discounter will auf Einwegtüten verzichten
• Tragetüten sind nur ein Bruchteil des Verpackungsabfalls
• Papiertüten nicht per se umweltverträglicher

Der Discounter Aldi will bis Ende 2018 auf Einwegtüten verzichten. Statt Wegwerftaschen aus Kunststoffen und Papier soll es dann ausschließlich Mehrwegtaschen im Angebot geben. Umweltverbände begrüßen den Schritt. Doch ein Blick auf die Zahlen zeigt: Selbst Milliarden Taschen weniger machen keinen nennenswerten Unterschied beim Ausmaß von Plastikmüll.

"Es ist irreführend, dass immer über Plastiktüten geredet wird. Am Ende ist ihr Anteil am Kunststoffverbrauch sehr gering", sagt Jörg Lacher vom Bundesverbands Sekundärstoffe und Entsorgung (BSVE).

Plastiktüten machen nur einen geringen Teil aus

Plastiktüten Nahaufnahme

3,7 Milliarden Plastiktüten jährlich

Aktuell spricht der Handelsverband Deutschland (HDE) von 3,7 Milliarden Plastiktüten pro Jahr in Deutschland. Das entspricht etwa 52.000 Tonnen Kunststoffabfall, allerdings nur 1,73 Prozent des Verpackungsmülls insgesamt. Dies geht aus Untersuchungen der Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung und einer regelmäßigen Studie der Kunststoffbranche hervor.

Wer im Supermarkt einkauft, trägt eben weitaus mehr Verpackungsplastik in der Tüte nach Hause als mit der Tüte selbst. Noch geringer wird der Anteil im Hinblick auf den gesamten Kunststoffabfall in Deutschland. Dieser beläuft sich für das Jahr 2015 auf 5,92 Millionen Tonnen. Hier machen die Plastiktüten mittlerweile nicht einmal ein Prozent aus.

"Wir sind aktuell nicht in der Phase, in der der Kunststoffbedarf zurückgehen wird", sagt Lacher. In den nächsten 20 Jahren werde die Produktion sowohl in Deutschland als auch weltweit eher gesteigert. Hygienevorschriften beispielsweise machen Plastik in den meisten Fällen unverzichtbar, vor allem in der Verpackung. Genau dafür wird mehr als ein Drittel des Kunststoffs eingesetzt.

Ein Drittel des Kunststoffs ist nach wenigen Tagen Müll

Nach wenigen Tagen bis Wochen bleibt aber nur Müll übrig. "Ein Teil der Verpackungen lässt sich heute wirtschaftlich und technisch gar nicht recyceln", sagt Lacher. Mehr als die Hälfte davon wird bisher verbrannt. "Wir wissen oft gar nicht, was zum Beispiel in einer Joghurtverpackung steckt. Wäre das bekannt, würde das Plastik vielleicht auch eher recycelt", sagt Henning Wilts, Leiter für Kreislaufwirtschaft vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie. Beide Experten sehen das größte Potenzial deshalb darin, die Recyclefähigkeit schon bei der Produktion zu bedenken.

Weniger Verpackung, mehr Recycling

Kunststoff: Zu wenig wird noch sortiert und recycelt

Wilts sieht auch in Transportverpackungen einen möglichen Angriffspunkt für die Zukunft. In der Öffentlichkeit werde darüber aber zu wenig diskutiert. Da jedes Unternehmen mit eigenen Materialien und System hantiere, wäre hier eine einheitliche Transportverpackung sinnvoll.

Vorbild wäre der Pfandkasten. Dennoch gebe es Dynamik und übergreifendes Interesse, an der Situation etwas zu ändern. 2019 tritt in Deutschland ein neues Verpackungsgesetz in Kraft. Ab dann gelten neue Recyclingquoten, die Verpackungshersteller überzeugen könnten, von Anfang an mehr ans Recycling zu denken.

Stand: 25.07.2017, 16:35