Echsenschuppen überführen Schmuggler

Echsenschuppen überführen Schmuggler

Von Katja Goebel

Forscher haben mit Hilfe des Kölner Zoos eine Methode entwickelt, mit der Wildtierschmuggler künftig überführt werden könnten. An den Schuppen seltener Reptilien können sie deren Herkunft bestimmen. Ein genialer Coup gegen illegale Wildfänge mit gefälschten Papieren.

Zeig mir deine Schuppen und ich sage dir, woher du kommst. So könnte die Kurzformel für die Methode lauten, die ein internationales Forscherteam über Jahre entwickelt hat. Mit einem speziellen Messverfahren können die Biologen aus den Schuppen bestimmter Echsen oder aus der Struktur von geschmuggeltem Elfenbein einen bestimmten Herkunftscode herauslesen. Das Geheimnis liegt in den Isotopen.

Fingerabdruck der Natur

Organisches Material besteht aus chemischen Elementen wie Wasserstoff, Sauerstoff, Kohlenstoff oder Stickstoff. Diese Elemente bestehen wiederum aus Isotopen. Die Isotope eines Elements lassen sich durch ihre atomare Masse unterscheiden. Dabei gibt es tatsächlich lokale Unterschiede. Und genau da setzen die Forscher an. "Isotope sind quasi Fingerabdrücke der Natur", erklärt Stefan Ziegler, Naturschutzreferent beim WWF, der sich seit Jahren mit der Isotopenuntersuchung beschäftigt und die Methode für den Artenschutz einsetzen will. Seit vielen Jahren arbeitet Stefan Ziegler schon am Aufbau einer Datenbank, mit der zum Beispiel die Herkunft von illegal gehandeltem Elfenbein abgeglichen werden kann. "Im Moment wird die Datenbank programmiert. Sie soll später der internationalen Staatengemeinschaft zur Verfügung stehen." So können künftig auch andere Stellen mit den Daten arbeiten und sie ergänzen.

Gewilderter Elefant

Getötet für Elfenbein

Der Elfenbeinhandel ist zwar generell verboten, doch sind die Stoßzähne der Elefanten vor allem auf dem asiatischen Markt gefragt. Hinzu kommt: Nicht alle afrikanischen Staaten verfolgen Schmuggler rigoros. Auch das Strafmaß ist unterschiedlich. Für Schmuggler ein Anreiz, das illegal gehandelte Elfenbein falsch zu deklarieren. Mit der Isotopen-Methode ließe sich nun nachweisen, aus welchem afrikanischen Staat das Elfenbein wirklich stammt.

Artenschutz aus dem Labor

Dank des Kölner Zoos wurde auch noch eine stark bedrohte Echsenart in das Forschungsprogramm - das vom Bundesumweltministerium und vom Bundesamt für Naturschutz finanziert wird - aufgenommen. Der Bestand der seltenen Krokodilschwanzechse ist durch den illegalen Handel auf ein Minimum geschrumpft. Die Kölner Zoologen halten die seltenen Reptilien nicht nur in ihrem Tierpark, sie unterstützen gleichzeitig Schutzprogramme im Herkunftsland Vietnam. So haben sie Zugriff auf diese Echsenart in freier Wildbahn und auf solche, die aus vietnamesichen Nachzuchten stammen. Sie geben mit ihren Schuppenproben wertvolle Hinweise und sind für den späteren Datenabgleich wichtig. Ob ein Tier aus Gefangenschaft oder freier Wildbahn kommt, lässt sich ebenfalls ablesen, weil wild lebende Tiere andere Nahrung zu sich nehmen.

In einem Isotopenlabor in Jülich haben die Forscher die Echsenschuppen untersuchen lassen. Dabei werden wenige Milligramm des Gewebes verbrannt. Bei diesem Prozess entstehen Gase, die mit feinsten Messgeräten ausgelesen werden. Der Anteil der Isotope gibt am Ende Aufschluss darüber, woher das Tier stammt. Voraussetzung ist natürlich, dass man genug Vergleichsdaten gesammelt hat. "Dadurch können Handelsrouten nachverfolgt und falsch ausgestellte Herkunftsnachweise aufgedeckt werden. Zum Beispiel, wenn Wildtiere als angebliche Nachzuchten in den internationalen Lebendhandel gelangen", erklärt Thomas Ziegler, Kurator des Aquariums im Kölner Zoo und Koordinator von Naturschutzprojekten in Vietnam und Laos.

Illegaler Wildtierhandel auch in NRW?

Auch in Deutschland tauchen immer wieder geschützte Wildtiere auf. Erst im Dezember 2015 fasste der Zoll in Hamm eine ukrainische Tier-Schmugglerbande und rettete mehr als 130 vom Aussterben bedrohte Chamäleons, Geckos, Unken, Salamander und Schildkröten. Sie sollten offenbar in Hamm "unter der Ladentheke" verkauft werden, wie die Polizei mitteilte. In Hamm findet jährlich eine der weltgrößten Reptilienmessen statt. Die "Terraristika" ist schon lange im Focus von Artenschützern. Die Tierschutzorganisationen "Peta" und "Pro Wildlife" fordern unter anderem, dass dort keine Tiere mehr verkauft werden dürfen, die in ihrer Heimat geschützt sind. Ein Waldgecko aus Neuseeland kostete auf der Messe bis zu 4.000 Euro. In seiner Heimat ist er bedroht und darf dort deshalb nicht verkauft werden. In Deutschland ist der Handel mit den Waldgeckos dagegen erlaubt - wenn sie aus einer Nachzucht stammen. Die Tierschützer vermuten, dass die meisten der in Hamm verkauften Waldgeckos illegal gefangen worden sind.

Signaturen auch in Lebensmitteln

Die Isotopenmessungen werden übrigens in anderen Bereichen längst erfolgreich angewandt. In dem Jülicher Isotopenlabor "Agroisolab" werden schon lange Lebensmittel auf diese Weise unter die Lupe genommen. So kann man anhand bestimmter Isotopenwerte zum Beispiel nachprüfen, ob Lebensmittel aus Bioanbau oder konventionellem Anbau stammen oder aus welcher Region sie stammen. Kommt der Spargel aus Griechenland, weist er andere Strukturen auf als deutscher Spargel. Die Isotopen zeigen, ob ein Steak aus Argentinien oder England kommt. Und auch in der Humanmedizin kennt man solche Verfahren aus der Forensik.

Schnelltest noch nicht in Sicht

Nun hoffen die Wissenschaftler, dass solche Isotopenverfahren zunehmend auch im Artenschutz angewendet werden. Wer solche Untersuchungen künftig tatsächlich anordnet ist noch ungewiss. Auch Schnelltests - zum Beispiel durch den Zoll - sind noch Zukunftsmusik. "Wir stehen mit dem Bundesamt für Naturschutz in Verbindung und schauen, was aus der Idee werden kann", sagt Stefan Ziegler. Jetzt blicken die Forscher hoffnungsvoll auf den Herbst 2016: Dort findet die nächste Vertragsstaatenkonferenz des Washingtoner Artenschutzübereinkommens (CITES) statt. Der Handel mit Reptilien aus falsch deklarierten Nachzuchten wird ein Schwerpunkt der Verhandlungen sein. Da käme die verfeinerte Methode vielleicht gerade zur richtigen Zeit.

Stand: 30.05.2016, 06:00

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