Autobauer wollen "nachrüsten" – ein Schritt nach vorn?

Fahrverbote: Aktuelle Infos für ganz Europa

Autobauer wollen "nachrüsten" – ein Schritt nach vorn?

Von Martin Gent

Bayern schnürte Ende Juni mit BMW, Audi und MAN ein Paket zur Luftreinhaltung. Auch andere Autohersteller machen mit. Führt die Drohung mit Fahrverboten zu sauberer Stadtluft?

Man kann es so sehen: Die Debatte über Fahrverbote hat was gebracht. Endlich bewegt sich die Autoindustrie. Anfang März antwortete die Branche auf Nachrüst-Ideen noch mit "hohe Kosten", "nicht sinnvoll", "keine praktikable Lösung". Spitzengespräche zwischen Ministerpräsidenten und Autobossen bewirkten eine Wende. Jetzt will die Industrie Euro-5-Diesel sauberer machen - vermutlich ohne Extrakosten für die Autobesitzer. Heißt das Eins-zu-Null für die Umwelt?

Softwarekorrektur soll reichen

Es sollte ein Befreiungsschlag für die bayrischen Autobauer BMW und Audi sein. Offenbar soll jeder zweite BMW-Euro-5-Diesel „umgerüstet“ werden, insgesamt 350.000 Fahrzeuge. Zahlen von Audi waren nicht zu lesen. Euro-5-Diesel mit dem Schummel-Motor EA189 sollen ohnehin zur Softwarekorrektur, schließlich ist Audi als VW-Tochter wie die Mutter vom Abgasskandal betroffen. Die Zahl der Diesel-Audis mit dem Nachfolge-Motor EA288, die nur Euro 5 erreichen, dürfte überschaubar sein.

Wirklich sauber wäre teuer

„Umrüsten“ ist vielleicht treffender als „Nachrüsten“, aber trotzdem Schönfärberei. Zugesagt haben die Autofirmen eine Optimierung der Abgasfilterung durch ein Update der Motor-Software, die billigste aller denkbaren Lösungen. Im Kern liefe es auf das hinaus, was der VW-Konzern in Deutschland mit 2,6 Millionen VWs, Audis, Seats und Skodas macht: Ein allzu keckes Abschalten der Abgasfilterung im Alltagsbetrieb wird abgemildert. Der ADAC machte bei VW Vorher-Nachher-Tests.

Die kleine Stichprobe zeigt: Reine Updates können die Stickstoffstoffdioxid-Emissionen auf der Straße um 10 bis 30 Prozent senken. Wenn alle Hersteller und Autohalter mitspielen, soll die Euro-5-Flotte durch das „Paket“ um 20 Prozent sauberer werden können. Vielleicht besser als nichts, aber mit dem nachträglichen Einbau eines SCR-Kats (Adblue-Technik) könnten die Werte um 90 Prozent gesenkt werden.

Die Euro 6 Illusion

Ziel der Maßnahme: Fahrverbote für die rund 5,9 Millionen Euro-5-Dieselautos auf deutschen Straßen vermeiden. Aber ein „Sauberkeits-Stempel“ oder gar ein Umschlüsseln auf Euro 6 hätte fatale Nebenwirkungen, würde die Illusionswelt dieser Abgasnorm weiter am Leben halten.

Spätestens die Schlagzeile vom Januar 2017 „Lkw und Busse sauberer als Autos“ machte allzu deutlich, was die Fachwelt längst wusste: Viele nagelneue Euro-6-Diesel sind NOx-Schleudern. Im April stellte das Umweltbundesamt nüchtern fest, dass Euro-6-Diesel auf der Straße pro Kilometer 507 Milligramm NOx auspusten, auf dem Prüfstand sind maximal 80 erlaubt.

Die Wochenzeitung "Die Zeit" zitiert eine Studie von Autoprofessor Ferdinand Dudenhöffer. Sein „Center Automotive Research“ der Universität Duisburg-Essen soll unter 83 Fahrzeugmodellen (Euro 6 Diesel) nur sechs gefunden haben, die die Grenzwerte einhalten. Das deckt sich mit ähnlichen Recherchen des WDR.

Europas Scheitern

Euro 6 ist eine Mogelpackung. Aufschlussreich ist ein Blick in den „Bericht über die Untersuchung der Emissionsmessungen in der Automobilindustrie“ des Europäischen Parlaments. Dass wirkliche NOx-Vorgaben und Straßenmessungen („RDE“ – Real Driving Emissions) erst so spät kommen (schrittweise ab September 2017) sei „eine Folge der politischen Prioritäten, des Einflusses von Lobbygruppen und des ständigen Drucks aus der Industrie“.

Eigentlich hätten ehrlichere RDE-Werte mit Einführung von Euro 6, also bereits 2014/2015 verbindlich werden sollen. So sei die Blockade mehrerer EU-Mitgliedstaaten dafür verantwortlich, dass schon 2007 beschlossene Abgaswerte erst ab etwa 2020 einigermaßen eingehalten werden. Denn RDE kommt verspätet und in extrem aufgeweichter Form.

Städte auf Distanz

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Noch kein Ende des Diesel-Drecks

Es wird also noch lange zu viel Diesel-Dreck aus den Auspufftöpfen kommen. Die betroffenen Städte glauben deshalb erst einmal nicht, dass das „Paket zur Luftreinhaltung“ ihnen wirklich hilft. Über Gerichte werden wirksame Luftreinhaltepläne eingefordert – nicht für irgendwann, sondern für jetzt. Schließlich sind die NO2-Luftgrenzwerte seit 2010 verbindlich. Obwohl ein Softwareupdate im wahrsten Sinne „quick and dirty“ wäre, ginge mindestens ein weiteres Jahr ins Land, bis die Software entwickelt, vom Kraftfahrtbundesamt abgenommen und die Werkstätten zum Aufspielen bereit sind.

So ist der Umrüst-Plan vielleicht auch nur eine weitere Kerze im Abgasnebel. Wenn saubere Luft Priorität hat, dürften nach Abschätzungen aus München von 15 Millionen Dieselautos nur noch 3 Millionen unterwegs sein. Und am besten natürlich jene, die jetzt schon die ab September 2017 schrittweise kommende Abgasnorm „Euro 6d“ erfüllen. Welche Modelle zu diesen so genannten "RDE-Vorerfüllern" gehören, verraten Autoindustrie und Politik aber derzeit nicht – aus Sorge, alle anderen Diesel könnten zu Ladenhütern werden.

Hier schreibt Martin Gent, Redakteur und Reporter in der WDR-Wissenschaftsredaktion. Als Mobilitätsexperte ist er stets auf der Suche nach Perspektiven für den Verkehr von morgen.

Stand: 30.06.2017, 16:38