Wie Archäologen ihre Funde ausgraben

Wie Archäologen ihre Funde ausgraben

Von Marion Kretz-Mangold

Ein Mann, ein Spaten? Das Bild vom einsamen Archäologen hat nie gestimmt. Grabungen sind hochkomplexe Aktionen, bei denen Teamarbeit gefragt ist - und Hightech dazu.

Graustufenmessbild der Gräber in Schmerlecke

Als ein Bauer in den 50ern sein Feld bei Erwitte-Schmerlecke (Kreis Soest) pflügte, knirschte und ruckelte es - der Pflug hatte die Wandsteine einer Grabkammer erwischt. Archäologen begutachteten den Fund damals aber nur oberflächlich und hielten ihn in den Akten fest. Erst 50 Jahre später stieß eine Wissenschaftlerin auf die alten Aufzeichnungen - und zog mit dem Magnetometer über den Acker. Die Karte zeigt die genaue Lage: Das entdeckte Grab lag nordöstlich im Ackerboden, ein zweites, bereits stark zerstörtes im Westen.

Als ein Bauer in den 50ern sein Feld bei Erwitte-Schmerlecke (Kreis Soest) pflügte, knirschte und ruckelte es - der Pflug hatte die Wandsteine einer Grabkammer erwischt. Archäologen begutachteten den Fund damals aber nur oberflächlich und hielten ihn in den Akten fest. Erst 50 Jahre später stieß eine Wissenschaftlerin auf die alten Aufzeichnungen - und zog mit dem Magnetometer über den Acker. Die Karte zeigt die genaue Lage: Das entdeckte Grab lag nordöstlich im Ackerboden, ein zweites, bereits stark zerstörtes im Westen.

So stellt sich der Künstler Benoit Clarys den Blick in eines der Kollektivgräber vor, die später dort ausgegraben wurden. Große Grabanlagen aus der Jungsteinzeit, mehr als 20 Meter lang, bis zu vier Meter breit und letzte Ruhestätte für mehr als 750 Menschen, die vor über 5.000 Jahren in der Gegend gesiedelt, geackert und gejagt haben. Die Zeichnung ist kein Phantasieprodukt: Sie basiert auf den Schlussfolgerungen, die Wissenschaftler aus den Tausenden von Funden gezogen haben - Pfeile, verbrannter Kalkstein, Schmuck aus Tierzähnen und viele, viele Menschenknochen.

Die Forscher hätten das Grab unberührt lassen können - wie die weitaus meisten Fundstellen in NRW. Denn nicht jeder Fund wird ausgegraben. Oft belässt es das Team vor Ort bei einem vorsichtigen Blick: Wie alt ist das Pfostenloch, wie gut die Mauer erhalten? Nach diesen Suchschnitten wird das Bodendenkmal oft wieder abgedeckt: Erde ist der beste Schutz vor Verfall. Und je später gegraben wird, desto besser sind die Analyse- und Konservierungsmethoden - so zumindest die Hoffnung der Wissenschaftler.

Außerdem sind Grabungskampagnen aufwändig und teuer. Hier in Erwitte-Schmerlecke waren aber schon zu viele Knochen und Scherben an die Oberfläche gepflügt worden - ein Zeichen dafür, dass die Anlagen darunter nicht mehr abgedeckt und damit in Gefahr waren. 2009 begannen Experten des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe mit den Ausgrabungsarbeiten, die die Anlagen retten und zugleich neue Erkenntnisse darüber liefern sollten, wie die beiden Kollektivgräber gebaut wurden - und wer die Menschen waren, die dort begraben wurden. Archäologen vor Ort und Naturwissenschaftler im Labor arbeiteten dabei Hand in Hand.

Wie auf jeder Grabung rückt auch in Erwitte-Schmerlecke ein Spezialbagger an, der in kurzer Zeit mit größter Vorsicht riesige Erdmengen bewegen kann. Auf den ersten Blick wirkt die Fläche, die er aus der Erde schält, unscheinbar. Aber der Bagger muss oft nur ein wenig in die Tiefe gehen, um Bodenverfärbungen oder Spuren von Mauerresten ans Tageslicht zu holen - für die Spezialisten der erste Hinweis darauf, dass sich unter dem Planum etwas verbirgt. Danach machen sich die Helfer mit der Kelle an die Arbeit, graben sich Zentimeter für Zentimeter in den Boden.

Ihre Aufgabe: möglichst viele Funde aufspüren, sichern und dokumentieren - egal, ob es sich um Armknochen handelt oder um verfärbte Steine. Die Geländearbeit gilt als das A und O der Archäologie: Die Grabungsstelle mitsamt den Informationen, die im Erdreich schlummern, wird ja unwiederbringlich zerstört. Was jetzt übersehen wird, ist verloren.

Diese Mauer aus Kalksteinen etwa: für Laien unspektakulär, für die Archäologen in Erwitte-Schmerlecke hochspannend. Denn die Steine, die die Seitenwände und die Decke bildeten, stammen nicht aus der Umgebung. Wie haben die Menschen sie vor über 5.000 Jahren hierher geschleppt?

Mit Pinsel, kleinen Holzstäbchen und größter Akribie arbeiten sich die Grabungshelfer durch die Erde. Weil sie keine schriftlichen Quellen aus dieser Zeit haben, sind Archäologen auf Sachquellen angewiesen, wenn sie die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Vorfahren erforschen wollen. Deswegen untersuchen sie sogar die Füllungen alter Latrinen - auf der Suche nach Speiseresten etwa, die Hinweise auf die damalige Ernährung geben können. Latrinen oder Brunnen gab es auf dieser Grabung allerdings nicht, dafür Hunderte von Menschenknochen, so viele wie auf keiner anderen Grabung der jüngsten Zeit.

Für die Wissenschaft ist das ein ganz besonderer Glücksfall. Denn bei anderen Grabungen sind die menschlichen Überreste oft nur als Schatten im Boden zu erahnen: Der Lössboden, in dem sie liegen, hat den Kalk aus den Knochen gezogen. Aber hier in Erwitte-Schmerlecke haben vermutlich gerade die Seitenwände aus Kalkstein den Zerfall gestoppt. Deswegen gibt es reichlich Material für anthropologische, paläopathologische und genetische Untersuchungen im Labor.

Die Arbeit der Naturwissenschaftler beginnt schon auf der Grabungsstelle: Während die Funde noch geborgen werden, halten sie zum Beispiel die Lage der Knochen zueinander fest und entnehmen Proben, die später im Labor untersucht werden. In Erwitte-Schmerlecke fiel auf, dass Skelettteile wie Oberarmknochen und Schädel sorgsam auf einen Haufen gelegt waren - ein erster Hinweis darauf, dass sie im Laufe der Zeit immer wieder zur Seite geschoben wurden, um Platz für neue Bestattungen zu schaffen.

Außerdem schienen die Knochen hier so gut erhalten, dass sich die Wissenschaftler Hoffnung auf DNA-Untersuchungen machten. Dafür durften die Proben aber nicht verunreinigt sein - das hätte das Ergebnis verfälscht. Deswegen waren Einmalanzug, Mundschutz und Handschuhe bei der Bergung Pflicht. Vergebens, wie sich später im Labor herausstellte: Der Kollagengehalt der Knochen war doch zu gering.

Auch Tierknochen wurden geborgen. Die stammten aber nicht von ganzen Tieren wie dem Hund, der im wesentlich älteren Oberkasseler Doppelgrab gefunden wurde und damit für eine wissenschaftliche Sensation sorgte. Hier tauchten "nur" durchlochte Tierzähne und bearbeitete Knochen auf, die zu Schmuckstücken und Werkzeugen umfunktioniert wurden. Für die Bergung kein Problem, weil Knochen sehr widerstandsfähig sind. Zerbrechlichere Funde wie Kupferröllchen mussten sorgfältig aus dem Boden gegraben und verpackt werden, damit sie auf dem Weg in die Restaurierungwerkstatt keinen Schaden nahmen. Anderswo werden Stücke, die an der Luft zu zerfallen drohen oder einfach zu stark beschädigt sind, sogar mitsamt Erdreich als Block verpackt, gut gesichert mit Metall und Zellophanpapier.

Selbst kleinste verbrannte Holzstückchen und Holzkohle wurden erfasst: Anthrokologen können dann bestimmen, welches Holz hier verbrannt wurde. Einige Reste aus dem Grab in Erwitte-Schmerlecke und die hier gezeigten verfärbten Kalksteine stammten vermutlich von einem Grabfeuer, wie sie der Künstler in seiner Rekonstruktion gezeigt hat.

Funde bergen, die Anlage erfassen: Das macht die Arbeit der Archäologen im klassischen Sinne aus. Genau so wichtig sind die Proben, die während der Ausgrabung genommen werden - auch vom Boden, der voller Informationen steckt. Deswegen müssen die Experten Hunderte von Proben ziehen und die Erde "vertüten", die später im Labor analysiert wird. Am Ende dieser "archäologischen Wertschöpfungskette" stehen Erkenntnisse darüber, wie alt der Boden ist, welche Pflanzen auf ihm wuchsen und welche Tiere auf ihm weideten.

Auch für die OSL-Datierung müssen Proben aus der Erde entnommen werden. Mit Hilfe der OSL, kurz für Optisch Stimulierte Luminiszenz, wird gemessen, wann ein Mineralkörnchen das letzte Mal belichtet wurde, ehe es im Dunkel der Erde verschwand. Um Bodenschichten datieren zu können, wird eine entsprechende Probe so "vertütet", dass kein Tageslicht auf sie fällt. Erst im Rotlicht-Labor wird sie kurzzeitig belichtet, kontrolliert auf Null gestellt und die dann entweichende Energie gemessen: je mehr, desto älter die Probe. Die Methode wurde erst vor 30 Jahren entwickelt, ist aber sehr präzise - eine wichtige Ergänzung zur klassischen C14-Datierung.

Noch aktueller ist die Archäomagnetik, die zurzeit intensiv auf rheinischen Grabungen getestet wird. Sobald Ton oder Lehm erhitzt werden, richten sich die mineralischen Stoffe darin nach dem Erdmagnetfeld aus. Weil dieses Feld im Laufe der Jahrhunderte wandert, ergeben sich messbare Abweichungen. Allerdings können bisher nur römische Öfen oder mittelalterliche Krüge so datiert werden - weiter zurück reichen die Vergleichskurven noch nicht.

Bergen und Beproben sind zwei Glieder am Anfang der archäologischen Wertschöpfungskette. Genau so wichtig ist die Dokumentation: Auf der Grabung muss jeder einzelne Arbeitsschritt, jeder Fund von Anfang bis Ende festgehalten werden. Nur so lässt sich später nachvollziehen, wo sich Tierzähne häuften, in welcher Schicht ein Schädel lag und wie tief die Schwarzerde reichte. Eine Millimeterarbeit, die die Arbeit im Labor später erst möglich macht.

Viele Funde werden ganz klassisch in einer Kiste einsortiert und als Zeichnung dokumentiert. Die genauen Maße von Mauern, Vertiefungen und Aussparungen werden mit dem Tachymeter, der mit elektromagnetischen Wellen arbeitet, oder einem 3-D-Scanner auf Laserbasis festgehalten. Für den großen Überblick werden aber immer öfter Drohnen eingesetzt, die mehr als 100 Fotos in zehn Minuten liefern. In Erwitte-Schmerlecke haben Studenten der Uni Münster sie über die Gräber fliegen lassen.

Auf den Drohnenaufnahmen präsentiert sich das Grab, das 1953 vom Bauer angepflügt wurde, als langgestreckte Kammer - ohne Knochen, aber mit Seitenwänden aus massiven Kalksteinplatten. An einigen Stellen ist eine Art erhöhter Steg zu erkennen: die originale Kammersohle aus festgestampftem Löss, auf der die Toten lagen. Dazwischen einige Gruben, die bei der Suche nach weiteren Bestattungsschichten ausgehoben wurden.

Die Grabungen bei Erwitte-Schmerlecke sind längst beendet, das Feld am Rand der Soester Straße wird wieder beackert. Aber die Tausenden von Informationen, die die Experten vor Ort gesammelt haben, werden immer noch in den Labors ausgewertet. Sie liefern Erkenntnisse, die Porträts wie dieses von Benoit Clarys möglich machen: das Gesicht einer gar nicht so alten Frau, die ein Leben voller Entbehrungen, Arbeit und Krankheiten führte, ehe sie im Kollektivgrab begraben wurde.

Stand: 14.12.2017, 06:00 Uhr