Die Mobilitäts-Kolumne: Mach dich ehrlich, VDA!

VDA-Sitzung mit Matthias Wissmann

Die Mobilitäts-Kolumne: Mach dich ehrlich, VDA!

Von Martin Gent

Der Verband der Automobilindustrie (VDA) wirbt mit einer "überragenden Position der deutschen Automobilindustrie in puncto Qualität". Unser Faktencheck kommt zu einem anderen Urteil.

Matthias Wissmann spricht

VDA-Präsident Matthias Wissmann

Zum Jahresende noch mal was Positives: "Deutsche Autos haben die beste Langzeitqualität", behauptet der VDA-Chef Matthias Wissmann. Keine Frage, der durch VW-Skandal und Dieselgate geschüttelten Branche täte eine Erfolgsmeldung gut. Sorry, aber auch die "beste Langzeitqualität" ist wohl eine Mär. Auf dieser Grundlage lassen sich solche Schlüsse nicht ziehen. Die VDA-Strategen haben gleich drei Fehler gemacht: Falsches Maß, falscher Vergleich und schlechte Statistik.

Falsches Maß

Wenn Autos zum "TÜV" müssen, schreiben die Prüfer jeden Fehler auf. Die Protokolle von TÜV und Dekra sollen Grundlage für den Qualitätscheck sein. Ein fraglicher Indikator, denn nirgends steht, was vor der Hauptuntersuchung repariert wurde. Gerade "bessere" Autos werden gerne mit dem Hinweis "TÜV-fertig-machen" zur Inspektion gebracht - die Dienstwagen-Flotten der "deutschen Premium-Hersteller" sowieso.

Die Autobauer werben mit den Vorteilen, die ein solcher Vorab-Check hat, BMW zum Beispiel. Über die Langzeitqualität eines bestimmten Modells besagen die Protokolle von TÜV, Dekra und GTÜ aus solchen Gründen wenig.

Falscher Vergleich

"Deutsche Konzernmarken", "deutsche Hersteller", "deutsche Automobilindustrie": Der VDA betont die nationale Herkunft der Fahrzeuge, über die sich trefflich streiten ließe. Ist ein in den USA gebauter Mercedes ein deutsches Auto? Oder ein in Spanien gefertigter Opel, wo die Marke doch zum US-amerikanischen GM-Konzern gehört? Und wie ist es mit Skodas und Seats – sind sie tschechisch und spanisch oder deutsch, weil Teil des VW-Konzerns?

Wer das Deutsche betont, grenzt es ab von allem anderen. Das wirkt in einer globalisierten Wirtschaftswelt seltsam und ist auch nicht fair. Wer behauptet, er hätte "die beste" Qualität, muss sich am ärgsten Konkurrenten messen lassen. Und das sind - immer noch - Autos aus Japan.

Schlechte Statistik

Dabei tappt der VDA in die Top-5-Falle. Dass über alle Altersklassen hinweg besonders viele "deutsche" Modelle unter den ersten Fünf seien, belege die Überlegenheit in Sachen Qualität. Aber: Fast jedes zweite Modell in den TÜV- und Dekra-Statistiken ist von einer deutschen Marke. Wer besonders häufig am Markt vertreten ist, landet schon allein aus Gründen des Zufalls auch häufiger in den Bestenlisten. Teure Spitzenmodelle wie der Porsche 911 sagen wenig über die Qualität des deutschen Durchschnittsautos. Anders als bei Olympia zählen bei der Autoqualität auch die Versager.

Aussagekräftiger als die Zahl der Top-5-Platzierungen ist die durchschnittliche Mängelquote aller Modelle. Eine kurze Datenanalyse (ohne eine zu erwägende Gewichtung nach Verkaufszahlen) zeigt: Im automobilen Nationen-Wettstreit haben die deutschen Modelle bei den dreijährigen Fahrzeugen tatsächlich die Nase vorn: Aus den TÜV-Tabellen ergibt sich eine durchschnittliche Mängelquote von 4,7. Japanische Autos liegen bei 5,0. Bei den älteren, neunjährigen Autos schneiden aber die Japaner mit 18,6 zu 19,0 etwas besser ab. Von "bester Langzeitqualität" kann aus dieser Perspektive also keine Rede sein.

TÜV-Gebäude

Luft nach oben

Abseits solcher Zahlenspiele macht aber allein der Unterschied der TÜV- und Dekra-Zahlen stutzig. Bei der Dekra gehört die Mercedes-Benz E-Klasse zu den "Besten aller Klassen", ältere E-Klassen erzielen beim TÜV aber nur unterdurchschnittliche Ergebnisse. Ein anderer Mercedes, die M-Klasse, ist bei den elfjährigen Autos sogar Schlusslicht. Langzeitqualität und Zuverlässigkeit zu messen ist kompliziert.

Die Zeitschrift AutoBild versucht mit dem "Qualitätsreport" seit vielen Jahren einen Vergleich der Marken. Mitte Dezember gab es eine Neuauflage der Rangliste, in die Umfrageergebnisse, Rückrufe, Dauertests, Leserbriefe, Garantieleistungen und eben der TÜV-Report einfließen. "Luft nach oben" lautet das Fazit des Autoblattes - und damit ist besonders die deutsche Industrie gemeint. BMW-Tochter Mini kommt immerhin auf Rang 3.

Die deutschen Marken schneiden nur mittelprächtig ab - und am Ende eine Überraschung: "Früher hielten Franzosen und Italiener die rote Laterne - jetzt sind es Skoda und VW". Sieger im "Qualitätsreport" sind Mazda (Japan) und Hyundai. Der südkoreanische Hersteller glänzt nicht mit Bestplatzierungen beim TÜV, sondern mit viel Vertrauen in die eigenen Produkte. Was sich in Garantien ausdrückt (fünf Jahre Hyundai, sogar sieben Jahre bei Tochter Kia), von denen Käufer deutscher Autos nur träumen können.

Hier schreibt Martin Gent, Redakteur und Reporter in der WDR-Wissenschaftsredaktion. Er kooperiert mit den Datenjournalisten im WDR. Als Mobilitätsexperte ist er stets auf der Suche nach Perspektiven für den Verkehr von morgen.

Stand: 30.12.2016, 06:00