Die Mobilitäts-Kolumne: Saubere Laster, danke schön!

Laster und Autos fahren über die Autobahn an der Raststätte Haarstrang

Die Mobilitäts-Kolumne: Saubere Laster, danke schön!

Der Forscherverbund ICCT hat Euro-6-Dieselautos ein schlechtes Abgaszeugnis ausgestellt. Der griffige Vergleich "Autos schlimmer als Lastwagen und Busse" machte Schlagzeilen.

Die Umweltforscher des International Council on Clean Transportation (ICCT) hatten den VW-Skandal ins Rollen gebracht. Ihre Erkenntnisse brachten 2015 Ermittlungen der US-Umweltbehörden in Gang. Die Faktenlage war schließlich so erdrückend, dass VW den Einsatz einer betrügerischen Software einräumen musste.

Neuer Coup des ICCT

Mancher sprach am Freitag (06.01.2017) von einem neuen "Coup" des ICCT. Nach Ansicht des Wiesbadener Kuriers "müsste der 6. Januar 2017 als Anfang vom Ende des Diesel-Pkw in die Geschichte eingehen." Unser FAQ zur neuen ICCT-Analyse schaffte es in die 20-Uhr Tagesschau.

Die ICCT-Leute selbst sind bescheiden. Sie nennen ihr Papier schlicht "Briefing", das kann man mit "Information" übersetzen. Löblich ist, wie akribisch ICCT-Autorin Rachel Muncrief die Fakten zusammengestellt hat. Anschaulich zeigt sie, dass Dieselautos mit erhöhtem Stickoxid-Ausstoß nur in Europa ein großes Problem sind. Ganz einfach, weil der Dieselmotor als Pkw-Antrieb anderswo einfach keine Rolle spielt. Nur Nutzfahrzeuge haben auf der ganzen Welt einen Selbstzünder unter der Haube.

Besonders löblich ist, wie die Abgasnormen von Lkw und Pkw verglichen werden. Euro 6 (Pkw) und Euro VI (Lkw) – das sind zwei Welten, vor allem, wenn es um die Typprüfung eines neuen Fahrzeugmodells und spätere Kontrollen im Betrieb geht. Selbst wenn bald Straßentests auch bei Pkw verbindlich werden: ICCT zeigt schon jetzt mögliche Schlupflöcher auf.

Ignoriert: Euro-6-Autos oft NOx-Schleudern

Die Unterschiede bei den Abgastests haben weit reichende Konsequenzen: Ein dicker Lastwagen (Euro VI) stößt pro Kilometer nur rund 210 Milligramm Stickoxide (NOx) aus und damit deutlich weniger als ein durchschnittlicher neuer Euro-6-Diesel-Pkw (480 bis 560 Milligramm).

Dass die Euro-6-Norm kein Garant für saubere Diesel ist, das ist lange bekannt. Dazu brauchte es nicht einmal den VW-Skandal im September 2015. Zum Beispiel veröffentlichte ICCT schon ein Jahr vorher Real-Emissionen von 15 Dieselautos, die vorgeblich die Euro-6-Norm oder den strengen US-Standard erfüllten.

Tankdeckel eines Dieselautos

Diesel-Pkw schädlicher als ein Laster?

Auf der Straße kamen durchschnittlich 560 Milligramm NOx aus dem Auspuff. Das heißt seit mehr als zwei Jahren ist klar, wie wenig wirksam die Euro-6-Norm in Sachen Stickoxide ist. Ein ICCT-Faktenpapier fasste die Erkenntnisse übersichtlich auf Deutsch zusammen. Und es ist nicht so, dass niemand darüber berichtet hätte.

Der damalige Test zeigte auch: Saubere Diesel sind möglich. Neun Autos hatten eine innovative Abgasreinigung an Bord (Harnstoff/AdBlue-Kat, also die SCR-Technik), bei Testfahrzeug C funktionierte sie tatsächlich. Der Wagen blieb auch im Straßentest unter dem Normwert von 80 Milligramm pro Kilometer.

Lkw: Euro VI macht sauber

Und die Laster? Auch dazu gibt es seit längerem Zahlen von Rachel Muncrief. Vielleicht wurde nicht viel drüber geredet, weil sie im März 2015 nicht umgerechnet hatte. Der Vergleich mit den Pkw-Werten wurde nicht gezogen, weil die Lkw-Daten nicht in "Milligramm pro Kilometer" sondern "Gramm pro Kilowattstunde" aufgelistet wurden.

Abgase strömen aus dem Auspuff eines Fahrzeuges mit Dieselmotor.

Doch das Fazit war klar: Euro VI wirkt, Busse und Lkw nach dieser Norm sind nicht nur auf dem Prüfstand, sondern auch auf der Straße vergleichsweise sauber - dank rigider Abgastests, die (fast) alle Schlupflöcher geschlossen haben.

Bis diese Erkenntnis zum Allgemeingut wurde, brauchte es - trotz Abgasskandal - fast zwei Jahre. Vielleicht weil einfach ein griffiger Vergleich fehlte. Oder der VW-Skandal. Oder beides. Für den anschaulichen Lkw-Pkw-Vergleich kann man den ICCT-Leuten dankbar sein.

Stand: 11.01.2017, 18:02