Zwei Millionen Stinker trotz Euro 6?

Illustration, Martin Gent

Zwei Millionen Stinker trotz Euro 6?

Von Martin Gent

Stuttgart meint es ernst: Ist die Luft zu dreckig, sollen nur noch Euro 6 Diesel auf bestimmten Straßen fahren dürfen. Doch die aktuelle Abgasnorm garantiert keineswegs saubere Autos.

Euro 6 ist nichts Besonderes mehr. Alle 3,35 Millionen Pkw, die 2016 in Deutschland neu zugelassen wurden, mussten die Norm erfüllen. Die steigende Anzahl von "besonders schadstoffarmen Euro-6-Fahrzeugen" werde die Luftqualität verbessern, schreibt der Automobilverband VDA in einem Argumentationspapier pro Diesel. Hört sich so an, als seien Euro-6-Diesel gute, saubere Diesel. Aktuelle Untersuchungen zeigen das Gegenteil. Wir haben nachgerechnet, was das praktisch bedeutet.

Mit dem Zulassungsrekord 2016 sind inzwischen mehr als 45 Millionen Autos auf deutschen Straßen unterwegs. Knapp 15 Millionen haben einen Selbstzünder unter der Haube. Aus Zahlen des Kraftfahrtbundesamtes (KBA) lässt sich errechnen, dass davon rund 3 Millionen Dieselfahrzeuge die Schadstoffnorm Euro 6 erfüllen. Bei einer Dieselquote von derzeit 45 Prozent beim Neukauf kommen jeden Monat mehr als 100.000 Euro 6 Dieselfahrzeuge hinzu.

Auf dem Prüfstand stoßen sie nicht mehr als 80 Milligramm Stickoxide (NOx) pro Kilometer in die Luft – aber in der Praxis, im Autofahreralltag: Wie sauber sind die neuen Diesel da? Kann man sie wirklich als "besonders schadstoffarm" bezeichnen. Das Zauberwort heißt "Real Driving Emissions" (RDE), also Emissionen im realen Fahrbetrieb.

Schon seit Jahren wird der Schadstoffausstoß von Euro 6 Autos in der Praxis untersucht, zuerst wurden die Ergebnisse nur anonymisiert veröffentlicht. Das hat sich mit dem VW-Skandal geändert. Seitdem liegen mehrere Untersuchungen vor, in denen schwarz auf weiß nachzulesen ist, wie dreckig viele Euro 6 Dieselautos tatsächlich sind.

Das Bild zeigt, wie jemand Edel-Diesel tankt.

Für viele überraschend schneidet ausgerechnet der VW-Konzern in diesen Schadstofftests gut ab. Offenbar ist die neue Motorengeneration EA288 in Sachen Schadstoffe dem Skandalmotor EA189 weit voraus.

Im April 2016 veröffentlichte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt die Untersuchungsergebnisse des KBA, darunter waren 30 Euro 6 Fahrzeuge. "Real Driving Emissions" (RDE)-Schadstofflisten gibt es auch von der niederländischen Forschungsorganisation TNO, vom französischen Umweltmininisterium, von der Autozeitschrift "auto, motor und sport", der Umweltorganisation "Transport & Environment" und dem "Emissions Kontroll Institut" (EKI) der Deutschen Umwelthilfe.

In der Methodik unterscheiden sich die Untersuchungen. Nicht unbedingt folgten sie den Vorgaben, die für künftige RDE-Abgastests gemacht werden. Eine Orientierung geben sie trotzdem. Künftig werden offiziell im Alltagsbetrieb maximal 168 Milligram NOx pro Kilometer toleriert. Der Wert liegt um den Faktor 2,1 über dem Prüfstandwert. Offiziell wird das mit Messungenauigkeiten begründet, tatsächlich hat die Autolobby diese Aufweichung durchgedrückt.

Nimmt man die 168 Milligramm als Messlatte, bleibt nur etwa jedes vierte Euro 6 Fahrzeug unter diesem Wert. Das ist die erfreuliche Botschaft: Es gibt schon saubere Dieselfahrzeuge, aber sie sind offenbar eher die Ausnahme als die Regel. Drei Viertel der geprüften Modelle bleiben – "Euro 6" in den Papieren zum Trotz – NOx-Schleudern.

Experten sagen, dass Euro 6 Diesel-Fahrzeuge den Prüfstandwert von 80 Milligramm durchschnittlich immer noch um den Faktor 5 bis 7 überschreiten, also faktisch 400 bis über 500 Milligramm NOx pro Kilometer aus dem Auspuff pusten. Autos der vorhergehenden Abgasnorm Euro 5 sind auch nicht viel schlechter und liegen bei 600 Milligramm.

Die Grenzziehung zwischen Euro 5 und 6 erscheint aus dieser Perspektive fast beliebig. Wer konsequent aus Umweltsicht argumentiert, dürfte nur jene Diesel in die Städte lassen, die jetzt schon die ab September 2017 bzw. September 2018 gültige Abgasnorm Euro 6d erfüllen, die so genannten "RDE-Vorerfüller".

Nun fanden die Abgastests 2016 statt, möglicherweise ist im Frühjahr 2017 vieles schon ganz anders. Die Beobachtungen des Test-Teams von AUTO BILD lassen das nicht vermuten. Beispielsweise haben von fünf aktuellen Diesel-SUV nur zwei eine Stickoxid-Reinigung mit AdBlue-Technik an Bord. Diese SCR-Technologie gilt als Schlüssel zu sauberen Dieselabgasen.

Fahrzeuge auf der Autobahn

Dazu muss aber neben Dieselkraftstoff das Abgasreinigungsmittel AdBlue getankt werden. Für die Zukunft ist das offenbar geplant, aber in aktuellen Modellen noch nicht eingebaut. So findet sich bei einem Testwagen unter dem Tankdenkel zwar schon der Platz für die AdBlue-Einfüllöffnung, eingebaut ist der SCR-Kat in der derzeit verkauften Version aber noch nicht. Offenbar spielen die Hersteller auf Zeit und rüsten die Fahrzeuge erst dann mit der neuesten Abgasreinigungstechnik aus, wenn es zwingend erforderlich ist.

Dabei geht es nicht um einige wenige Fahrzeuge, die nicht wirklich dem Stand der Technik entsprechen. Rechnet man die Zahlen aus den veröffentlichten RDE-Tests hoch, kann von den 3 Millionen Euro 6 Dieselautos allenfalls eine Million als "sauber" betrachtet werden.

Zwei Millionen dürften die Städte weiter mit zu viel NOx verpesten. Schätzungsweise kommen jeden Monat rund 80.000 Stinker hinzu. Immerhin diese Zahl wird sinken, denn irgendwann werden die Hersteller die schärferen Abgasvorschriften nicht mehr ignorieren können.

Hier schreibt Martin Gent, Redakteur und Reporter in der WDR-Wissenschaftsredaktion. Als Mobilitätsexperte ist er stets auf der Suche nach Perspektiven für den Verkehr von morgen.

Stand: 23.02.2017, 12:22