Warum wir Kalender und feste Daten brauchen

Datum und Kalender, Analog- und Digitalansichten

Warum wir Kalender und feste Daten brauchen

Warum ist der Jahreswechsel so wichtig und warum halten wir gerade jetzt Rückblick? Der Kalenderforscher Winfried Görke kennt die Gründe.

WDR: Professor Görke, warum benötigen wir Kalender?

Winfried Görke: Man braucht Kalender, um Zeitpunkte eindeutig zu bezeichnen oder festzulegen. Das erlaubt Verabredungen in der Zukunft, aber auch eine Datierung der Vergangenheit. Nur mit Kalendern lassen sich Vorgänge innerhalb größerer Zeiträume eindeutig zuordnen. Kalender gehen auf eine Jahrtausende alte Tradition zurück.

WDR: Warum gibt es eigentlich ein Jahresdenken, das immer am 1.1. beginnt - wo die digitalen Kalender doch ewig weitergehen und es eigentlich gar keine Zäsur mehr gibt?

Kalenderforscher Winfried Görke

Kalenderforscher und Informatiker Winfried Görke aus Karlsruhe

Görke: Die menschliche Gesellschaft benötigt periodische Zeitabläufe, die sich an der Natur orientieren. Mit ihnen lassen sich Festtage festlegen, die für religiöses oder weltliches Gedenken notwendig sind. Der Blick zum Himmel erlaubt so jahreszeitliche Festlegungen wie Jahr, Monat, Tag, Stunde.

Die Zählung der sieben Wochentage ist ein Beispiel für einen uralten Kalenderablauf, der digital ist, aber mit der heutigen Digitalisierung nichts zu tun hat. Da Kalender Tage zählen, waren sie immer digital. Digital bedeutet nichts anderes als etwas in Ziffern umzusetzen.

WDR: Und warum halten wir gerade aktuell in den letzten Dezembertagen Rückblick und nehmen uns Dinge für das neue Jahr vor?

Görke: Der Jahreswechsel betrifft einen besonders günstigen Zeitabschnitt. Das ablaufende Jahr ist mit vielen Ereignissen noch gut in Erinnerung, in positiver wie negativer Hinsicht. Deshalb bieten sich gute Vorsätze an, das neue Jahr besser als das vergangene zu planen.

Andererseits bildet ein Jahr für den Menschen einen deutlichen Lebensabschnitt, der zur Besinnung über das Erlebte einlädt. Der Winter weist auf eine Pause im Arbeitsablauf hin, die in unserem Industriezeitalter verloren gegangen ist.

WDR: Warum sind feste Tage und Wochen für uns so wichtig?

Görke: Der Tag ist durch die Natur vorgegeben. Er bestimmt das Leben des Menschen durch Arbeit, Mahlzeiten, Freizeit, Schlaf. Die Woche wird durch die Gesellschaft bestimmt, indem der Sonntag bei uns als Ruhetag eingeschoben wird.

Dieser Rhythmus hat sich gut bewährt: selbst das Sowjetregime konnte nichts Besseres einführen. Auch der französische Revolutionskalender mit gleichen Monaten zu je drei Dekaden, also einer Zehn-Tage-Woche, wurde nach wenigen Jahren wieder abgeschafft.

WDR: Warum ist Kalenderrechnung so kompliziert?

Görke: Ein Jahr wird von dem Umlauf der Erde um die Sonne bestimmt, und für den Monat wurde ursprünglich der Mondumlauf benötigt - das zeigt, dass diese Naturkonstanten die Grundlage der Kalender sind. Da Tage gezählt werden sollen, muss sich jeder Kalender diesen Umlaufzeiten möglichst gut annähern.

Angestrebt werden leicht berechenbare Zyklen. Der Gregorianische Kalender hat das so gut gelöst, dass er heute weltweit akzeptiert wird. Seine Konstruktion machte es schon im 17. Jahrhundert möglich, alle Osterdaten bis ins Jahr 5000 zu bestimmen.

Das Interview führte Andreas Sträter

Stand: 28.12.2016, 06:00