Fukushima: Wie gefährlich ist das radioaktive Wasser im Meer?

Das Atomkraftwerk Fukushima Zwei aus der Vogelperspektive.

Fukushima: Wie gefährlich ist das radioaktive Wasser im Meer?

Von Maximilian Doeckel

  • Die Abwassertanks in Fukushima sind bald voll
  • Radioaktiv belastetes Wasser soll ins Meer
  • Wie gefährlich sind diese Pläne?

Den Japanern geht der Platz aus.  Ungefähr 800 Millionen Liter radioaktiv belastetes Wasser lagern im havarierten Atomkraftwerk Fukushima. Täglich kommt mehr dazu – denn die Reaktoren müssen weiter gekühlt werden. Die 800 Millionen Liter könnten deshalb bald in den Pazifik gekippt werden, wie ein Manager der Betreiber-Firma Tepco bereits im Juni mitteilte. Inzwischen formt sich Widerstand gegen die Pläne, eine Petition hat bereits über 250.000 Unterschriften gesammelt.

Doch was wie eine fürchterliche Umweltsünde klingt, ist womöglich die praktikabelste Lösung. „Radioaktivität ist schnell angstbehaftet, weil man sie nicht wahrnehmen kann“, sagt Burkhard Heuel-Fabianek, Leiter des Geschäftsbereichs Strahlenschutz am Forschungszentrum Jülich. „Das ist eine Menge Wasser, ja, aber da geht keine Gesundheitsgefahr von aus.“  

Nur Tritium im Wasser

Das Wasser wurde gereinigt und enthält laut Tepco, dem Betreiber der Anlage, nur noch Tritium. Tritium ist ein Wasserstoff-Isotop, also eine Variante von Wasserstoff. Obwohl es radioaktiv ist, ist seine Gefährlichkeit nicht mit der von anderen Strahlen wie Strontium-90 oder Cäsium-137 zu vergleichen.

Ein Mitarbeiter geht an den Lagertanks mit kontaminierttem Wasser entlang. Er ist in Schutzkleidung gekleidet.

In solchen Tanks wird das kontaminierte Wasser gesammelt

Tritium ist ein weicher Betastrahler, schon dünne Plastiktüten oder die menschliche Haut reichen, um die meiste Strahlung abzufangen. Hinzu kommt: Tritiumhaltiges Waser verhält sich wie normales Wasser:

Beim Trinken tritiierten Wassers wird Tritium fast vollständig im Magen-Darm-Trakt aufgenommen. Das im Körper vorhandene Wasser vermischt sich mit dem aufgenommenen tritiierten Wasser. Nur ein kleiner Anteil des Tritiums wird organisch gebunden.

Nach etwa zehn Tagen ist die Hälfte des Tritiums, was nicht organisch gebunden ist, aus dem Körper eines Erwachsenen wieder ausgeschieden“, erklärt Heuel Fabianek. „Strontium hingegen bekommt man gar nicht mehr aus dem Körper raus, das lagert sich in den Knochen an, bleibt da und strahlt.

Der Ozean als Verdünnungsmaschine

Radioaktivität wird in Becquerel gemessen. Ein Becquerel entspricht dabei einem nuklearen Zerfall pro Sekunde. In Fukushima lagert laut der japanischen National Regulation Authority Tritium in einer Größenordnung von 3 bis 4 Millionen Becquerel. Das ist auf den ersten Blick eine enorm hohe Zahl – immerhin hat sie 15 Nullen. Doch die Einleitung solcher Mengen ist auch in Europa durchaus üblich.

„In Großbritannien in Sellafield und in Frankreich in La Hague wurden in den vergangenen Jahren jährlich ähnliche, zum Teil sogar höhere, Becquerel Werte zur Einleitung in den Ozean freigegeben“, sagt Christian Küppers vom Öko-Institut Darmstadt. Auch dort setzte man auf den verdünnenden Effekt des Ozeans. Schon nach kurzer Zeit verteilt sich das Tritium so, dass es kaum noch nachweisbar ist. Mit einer Halbwertszeit von etwa zwölf Jahren zerfällt es außerdem recht schnell.

Wassertanks mit kontaminiertem Wasser sind in Okuma, Japan, durch ein Fenster in der Atomkraftanlage Fukushima zu sehen.

800 Millionen Liter kontaminiertes Wasser lagern im Atomkraftwerk Fukushima

Gefährlich vor allem fürs Image

Radiologisch betrachtet“, resümiert Küppers, „ist das Ablassen von Tritium wohl kein Problem. Aber es könnte sehr wohl ein Vermarktungsproblem werden.“ Die Fischer Japans fürchten einen enormen Imageschaden. 60.000 Becquerel Tritium pro Liter - das ist der Grenzwert den man sich in Japan gesetzt hat. Höher soll die Belastung des eingeleiteten Wassers nicht sein.

Das ist zwar sechsmal so hoch wie der von der WHO festgelegte Grenzwert für Tritium von 10 000 Becquerel pro Liter. Und tatsächlich könnten diese 60.000 Becquerel lokal einen Effekt haben, bevor sie in den Weiten des Ozeans verteilt werden. Aber auch dieser Effekt bliebe wohl eher gering:

Ein Arbeiter zieht einen Karren mit gefrorenem Thunfisch über einen Fischmarkt.

Die japanischen Fischer haben Sorge um ihr Image

 „Wenn man seinen gesamten Trinkwasserbedarf mit Wasser decken würde, welches 60 000 Becquerel Tritium pro Liter enthält – und das über ein ganzes Jahr hinweg, käme man ungefähr auf die Strahlenbelastung einer Röntgenuntersuchung“, erklärt das Bundesamt für Strahlenschutz auf Anfrage. „Ein sehr unwahrscheinliches Szenario.

Unwahrscheinlich – und doch zeigt das Beispiel, dass der Plan, das Tritium in den Ozean zu leiten, so schlimm wohl nicht ist.

Stand: 22.08.2017, 06:00