"Unangenehme Stille" in Fukushima

"Unangenehme Stille" in Fukushima

Vor fünf Jahren verwüstete ein Tsunami den Nordosten Japans – und löste das Reaktorunglück in Fukushima aus. Wissenschaftsjournalist Haluka Maier-Borst über surreale Orte und schwindende Hoffnung.

Ein Erdbeben, ein Tsunami und ein Atomunfall: Heute (11.03.2016) vor fünf Jahren durchlebte Japan gleich drei gewaltige Katastrophen. Bei dem Reaktorunglück wurden große Mengen radioaktiven Materials freigesetzt. Luft, Böden und das Wasser sind seitdem kontaminiert. Wissenschaftsjournalist und WDR-Kollege Haluka Maier-Borst war nach dem Unglück mehrfach vor Ort.

Sie waren selbst in der Sperrzone. Beschreiben Sie doch kurz, wie es vor Ort war. Wie muss man sich die Region um Fukushima heute vorstellen? Als einen Ort der Hoffnungslosigkeit?

Haluka Maier-Borst, Wissenschaftsjournalist

Wissenschaftsjournalist Haluka Maier-Borst

Haluka Maier-Borst: Hoffnung gibt es noch, definitiv. Die Frage ist nur, ob diese Hoffnung berechtigt ist. Denn mein Eindruck ist, dass sich die Situation für ältere und jüngere Menschen in der Region völlig unterschiedlich darstellt. In den inzwischen wieder bewohnbaren Gebieten wollen die Alten wieder zum Alltag zurückkehren, weil dort ihre Wurzeln sind. Für die Jugend ist es dagegen viel schwieriger. Es ist zum Beispiel gar nicht klar, ob sie hier noch einen Job finden können. Und die Sperrzone selbst ist ein Niemandsland, das sich surreal anfühlt. Es ist, als hätte man die Menschen dort einfach ausradiert. Wir haben vor zwei Jahren in der Sperrzone gedreht und gedacht, wir hätten den Ton ausgedreht – so leise war es dort. Es war eine unangenehme Stille.

Hatten Sie im Vorfeld Ihrer Japan-Reisen keine gesundheitlichen Bedenken?

Maier-Borst: Gesundheitliche Bedenken hatte ich nicht. Bei meiner ersten Reise nach der Katastrophe habe ich sehr darauf geachtet, was ich esse. Kontaminierte Nahrung gilt als einer der größten Risikofaktoren. Was die äußere Strahlenbelastung betrifft, so ist die Belastung nach einigen Tagen vor Ort nicht größer als bei einem Langstreckenflug.

Haben Sie Informationen zum Krebsrisiko in der Sperrzone? Gibt es Möglichkeiten, solche Risiken einzudämmen?

Maier-Borst: Die Frage ist zunächst, ob überhaupt Auffälligkeiten bei den Krebsraten um Fukushima messbar sein werden. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht davon aus, dass der Effekt des AKW-Unfalls im statistischen Rauschen untergehen wird. Trotzdem muss man Langzeitstudien im Auge behalten. Wichtig ist vor allem die Ernährung. In Japan werden Lebensmittel gescannt und auf eine mögliche Strahlenbelastung gestestet. Laien bleibt nichts anderes übrig, als auf die Kontrollen zu vertrauen, weil man Strahlenbelastung im Essen weder riechen noch schmecken kann.

Was wissen Sie über die sozialen und psychischen Folgen jener Menschen, die die Städte und Dörfer rund um das AKW verlassen mussten?

Maier-Borst: Wenn man dort ist, erzählt einem jeder früher oder später von Alkoholismus und Depression in den Behelfsunterkünften. Besonders hart trifft es ältere Menschen. Da gibt es Männer und Frauen, die 60 oder 70 Jahre in ihrer Heimat, in ihrem Haus gewohnt haben und jetzt in einer Baracke sitzen und nicht wissen, ob und wann sie zurückkehren dürfen. Das hat Folgen für die Psyche. Das zeigen erste Studien. Hinzu kommt: Wer aus Fukushima kommt, wird in Japan gewissermaßen stigmatisiert. Da gibt es viele Ängste, die eine Rolle spielen. Diese Ängste sind zwar wissenschaftlich nicht fundiert, aber Ängste sind ja nie rational.

Haluka Maier-Borst

... ist Wissenschaftsjournalist aus Berlin und arbeitet vorrangig für Die Zeit, den Deutschlandfunk und Spiegel Online. Beim WDR nimmt er aktuell beim Projekt "Grenzenlos" teil, einer Talentwerkstatt für junge Medienschaffende mit Zuwanderungsgeschichte. Maier-Borst studierte an der Technischen Universität Dortmund Wissenschaftsjournalistik und macht einen Master in Datenjournalismus in den Niederlanden. Der 26 Jahre alte Reporter hat eine besondere Beziehung zum Thema Fukushima. Seine Mutter ist Japanerin, er war selbst drei Mal als Reporter vor Ort und steht mit Japanern in regelmäßigem Kontakt.

Nach dem Reaktorunglück in Fukushima am 11. März 2011 hat Deutschland den Komplettausstieg aus der Atomkraft bis zum Jahr 2022 beschlossen. Wie hat sich die Atomenergie in Japan seitdem verändert? Wie steht die Bevölkerung zu Kernenergie?

Das Atomkraftwerk Sendai in Japan

Japan setzt weiterhin auf Kernenergie

Maier-Borst: Die Menschen in Japan sind in jedem Fall kritischer geworden. Aber die massive Kritik gegen die Atompolitik ist schon wieder zurückgegangen. Nach und nach werden Reaktoren wieder angeschaltet. Das lässt sich sicherlich auch auf die Mentalität der Menschen in Japan zurückführen. Dass sich in Japan Protestgruppen formieren, ist selten. Anders als in Deutschland gibt es in Japan keine besonders ausgeprägte Protestkultur.

Das Interview führte Andreas Sträter

Stand: 11.03.2016, 00:00