Interview: FameLab-Vorjahressieger über drei Minuten Wissenschaft

Dong-Seon Chang

Interview: FameLab-Vorjahressieger über drei Minuten Wissenschaft

In Bielefeld wird es am Donnerstagabend (12.05.2016) spannend: beim Bundesfinale des FameLab, einem unterhaltsamen Wissenschaftswettbewerb für junge Talente. Wir sprachen mit Dong-Seon Chang, dem Gewinner 2015, über Tricks im Wettbewerb.

Dong-Seon Chang

Dong-Seon Chang

Ein mal ein Meter Platz, keine Notizen, kein Powerpoint und nur drei Minuten Zeit - die Regeln beim FameLab sind hart. Wer schafft es, spannende Erkenntnisse aus seiner Disziplin in nur drei Minuten überzeugend zu präsentieren? Der Wissenschaftswettbewerb wird mittlerweile in mehr als 30 Ländern ausgetragen. Die besten deutschen Famelaber treffen sich am Donnerstag (12.05.2016) zum Bundesfinale in Bielefeld. Im vergangenen Jahr hat der Neurowissenschaftler Dong-Seon Chang den Wettbewerb gewonnen. Wir sprachen mit dem 36-Jährigen über Tricks, Chancen und Kritiker.

WDR: Sie haben bereits mehrere Wissenschaftswettbewerbe gewonnen. Worüber sprechen Sie?

Dong-Seon Chang: Bei den Auftritten variiert der Inhalt jeweils ein bisschen. Grundsätzlich ist jedoch mein Thema: Wie nehmen wir andere Menschen wahr? Wir können nicht in die Köpfe anderer Menschen schauen. Dennoch arbeiten wir jeden Tag mit anderen Menschen zusammen, interagieren und kooperieren. Oft lesen wir dabei andere Menschen sehr gut. Wie schaffen wir das? Das ist keine leichte Aufgabe: Roboter könnten es nicht und auch Menschen mit Problemen, zum Beispiel Autisten, können es nicht. Zudem ist es schwierig für Menschen aus anderen Kulturkreisen.

WDR: In ihren Vorträgen geht es auch um die Wahrnehmung im Gehirn. Wie erklären Sie ein solch' komplexes Thema dem Publikum?

Kleid, über dessen Farbe in den Sozialen Netzwerken disktuiert wird

Schwarz-blau oder weiß-gold?

Chang: Das ist gar nicht so schwer, wenn man gute Beispiele hat. Wir nehmen die Welt alle unterschiedlich wahr. Das heißt, zwei Menschen schauen sich das Gleiche an, sehen aber andere Dinge. Das ist verrückt, aber so funktioniert unser Gehirn. Bestes Beispiel ist das Foto von dem Kleid, das im vergangenen Jahr in den sozialen Netzwerken kursierte: Manche haben es blau-schwarz gesehen, andere weiß-gold. Wie können zwei Leute, die das gleiche Bild anschauen, völlig andere Farben im Kopf haben? Wir Wissenschafter wussten, dass es solche Phänomene gibt. Aber, dass die ganze Welt darüber diskutiert, das gab' es, glaube ich, bislang noch nie.

WDR: Und Sie haben das ausgenutzt für Ihren Auftritt?

Chang: Klar, das war natürlich toll für mich. Jeder wusste von diesem Bild und ich habe das Thema auf der Bühne damit anschaulich erklären können. Unsere Gehirne haben sich in der Evolution so entwickelt, dass wir die gleichen Sachen anders sehen können. Das macht uns Menschen besonders. Es ist interessant, wie sich während der Evolution unsere Intelligenz entwickelt und sich unser Gehirn auf soziale Signale spezialisiert hat.

WDR: Was könnten solche sozialen Signale sein?

Chang: Wir sind spezialisiert auf andere Menschen: Wie sie lächeln, wie sie schauen, wie sie sich bewegen. Genau diese Signale nimmt unser Gehirn bevorzugt auf.

WDR: Jeder hat beim FameLab nur drei Minuten Zeit. Kann man Wissenschaft so verkürzt erklären, ohne dass es zu oberflächlich wird? Kann diese Form der Präsentation einem komplexen Thema gerecht werden?

Chang: Wer Wissenschaft so verkürzt erklärt, kann eigentlich nur an der Oberfläche bleiben. Das ist so! In drei Minuten kann ich höchstens zwei Grundprinzipien erklären. Aber ich kann das Publikum neugierig machen. Die Zuschauer können sich dann später weiter informieren über das Thema, zum Beispiel im Internet.

WDR: Werden Science-Slammer und Famelaber angefeindet von anderen Wissenschaftlern?

Dong-Seon Chang

Changs Thema: Wie nehmen wir andere Menschen wahr?

Chang: Es gibt Kritiker, zum Beispiel einige Professoren oder Wissenschaftsjournalisten. Manche werfen uns vor, das sei alles nur Effekthascherei. Wir seien so etwas wie Wandersänger auf der Bühne, weil wir sonst nichts auf die Reihe kriegen und kein Geld verdienen würden. Wir würden die Wissenschaft auf der Bühne "verkaufen". Es gibt einmal im Jahr ein Wissenschaftskommunikationsforum. Daran hatte ich im vergangenen Jahr teilgenommen und auch dort gab es eine kontroverse Diskussion über dieses Thema. Die Famelaber und Science-Slammer, die ich kennengelernt habe, sind meist Doktoranden, deren Betreuer auch unterschiedliche Meinungen haben zu solchen Auftritten.

WDR: Wie hat Ihr Doktorvater reagiert?

Chang: Mein Professor fand das gut. Er sagte, das Projekt erfahre so mehr Medienaufmerksamkeit. Wenn es um Anträge für Forschungsgelder geht, dann ist es hilfreich, wenn das Thema in den Medien präsent ist. Solche allgemein verständlichen Auftritte sorgen dafür, dass mehr Menschen von unserer Arbeit erfahren. Und auch andere Wissenschaftler werden aufmerksam. Es gibt aber auch immer noch Professoren, die der Meinung sind, Wissenschaft sollte in ihrem Elfenbeinturm bleiben und auch speziell so formuliert sein, dass nur Wissenschaftler sich fachlich untereinander unterhalten können. Dieses "Laiengehabe" finden sie schrecklich.

WDR: Was spricht dagegen, dass Kabarettisten oder Comedians die wissenschaftlichen Inhalte vermitteln?

Chang: Die könnten das zu 100 Prozent besser als wir. Aber das ist ein völlig anderes Genre. Eckart von Hirschhausen zum Beispiel ist super, aber er nennt sich selber auch Kabarettist. Das ist Unterhaltung basierend auf Wissenschaft. Science-Slammer oder Famelaber wollen nicht die Lustigsten sein oder ihr Publikum nur unterhalten. Unsere Vorträge sind wissenschaftlich fundiert und es geht um Inhalte, die wir selber erforschen.

WDR: Mittlerweile coachen Sie junge Wissenschaftler, die auch Interesse an FameLab und ScienceSlam haben. Was geben Sie denen mit auf den Weg?

Dong-Seon Chang

Fantasie anregen ist bei den Vorträgen wichtig

Chang: Ich erkläre den Teilnehmern, sie sollen sich vorstellen, dass sie das Thema ihrem siebenjährigen Neffen erklären. Wenn ich es schaffe, dass ein Siebenjähriger versteht, was ich den ganzen Tag als Wissenschaftler mache, dann kann ich das auch dem Publikum vermitteln. Die Leute schalten ab, sobald es kompliziert wird. Und man sollte es bildlich erklären.
Zum Beispiel: Stell Dir vor, ich wäre ein Nilpferd. Wie würde ich mich bewegen? Stell Dir vor, ich wäre ein Huhn. Wie würde ich mich bewegen? Sobald man es schafft, diese Bilder in den Köpfen der Leute zu erzeugen, hat man gewonnen. Das muss man natürlich gut auf den Punkt bringen, weil man nicht viel Zeit hat.

WDR: Was ist nach dem Sieg des deutschen FameLab 2015 alles passiert? Ruhm, Ehre, Geldsegen?

Chang: Der Gewinner erhält 300 Euro. Also als Student ist man dankbar, so ein Preisgeld ist eine gute Sache. Das Beste aber ist - egal ob man siegt oder nicht - dass man tolle Menschen kennenlernt. Mit vielen habe ich immer noch Kontakt. Was ich persönlich auch sehr wichtig finde, ist der Kontakt zu Nichtwissenschaftlern. Da ist mir das Feedback sehr wichtig.

WDR: Können Sie ein Beispiel nennen?

Chang: Nach dem Auftritt kam eine Dame zu mir und erzählte mir von ihrer autistischen Tochter. Sie sagte, der Vortrag habe für sie eine große Bedeutung, weil ihr Kind Probleme hat, andere Menschen zu verstehen. Ich hätte dem Publikum eine Vorstellung davon geben können, wie das ist. Das sind tolle Momente in denen ich denke, in meiner Forschung kann ich herausfinden, wie ich diesen Menschen weiterhelfen kann. Meine Forschung kann eine Bedeutung für die Gesellschaft haben. Mein Doktorvater Prof. Dr. Heinrich Bülthoff erklärt uns Studenten immer: Wir forschen mit Steuergeldern, mit Geldern, die die Allgemeinheit uns zur Verfügung stellt und anvertraut. Deswegen haben wir als Wissenschaftler eine Verantwortung. Es gehe nicht darum, das eigene Ego zu puschen oder an der Karriere zu basteln, sondern der Allgemeinheit etwas zurückzugeben.

WDR: Im Herbst erscheint ihr erstes Buch mit dem Titel "Mein Hirn hat seinen eigenen Kopf". Hätten Sie die Chance beim Verlag gehabt, ohne den Erfolg als Science-Slammer?

Chang: Wahrscheinlich nicht. Es war für mich schon immer ein Traum, ein eigenes Buch zu schreiben. Ich hatte schon Exposés eingereicht. Aber die Verlage bekommen 20 bis 30 Exposés pro Woche. Die Chance, dass man über den traditionellen Weg ein wissenschaftliches Buch veröffentlichen kann, war schon immer sehr gering. Aber nach dem Sieg von ScienceSlams und dem FameLab wurden Agenten und Verlage aufmerksam.

WDR: Worum geht es in Ihrem Buch?

Chang: Wie nehmen wir Menschen aus anderen Kulturen wahr? Was denken sie, wie sind sie, was wollen sie von uns? Was verraten Gesicht, Kleidung, Körperhaltung und Bewegungen? Wie zuverlässig sind solche Eindrücke? Was bestimmt unsere Wahrnehmung? Solche Fragen beleuchte ich in dem Buch.

Das Interview führte Susanne Schnabel

Dong-Seon Chang wurde 1980 in Heidelberg geboren, studierte Biologie an der Universität Konstanz mit Spezialisierung in Neurobiologie und Kognitionswissenschaft. Zur Zeit studiert er Neurowissenschaften an der Uni Tübingen und am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik. Chang promoviert derzeit am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen zum Thema "menschliche Wahrnehmung von Handlungen" im Fachgebiet soziale Neurowissenschaften. Er ist Gewinner mehrerer deutschlandweiten Science Slams, u.a. in Berlin, Hamburg, Dresden, Stuttgart, Karlsruhe, Heidelberg, Ulm, Heilbronn. Im September 2016 erscheint sein erstes Buch, im RTL-Jugendmagazin YOLO gehört er zum Wissenschaftsteam.

Stand: 12.05.2016, 06:00