Datenanalyse im Fußball - fast so wichtig wie der Trainer

Datenanalyse im Fußball - fast so wichtig wie der Trainer

"Das Runde muss ins Eckige" - so einfach die Grundidee eines Fußballspiels, so hochkomplex ist das eigentliche Spielgeschehen. Ohne Datenanalysen geht nichts mehr bei den großen Vereinen. Big Data ist längst zum unsichtbaren Trainer geworden.

Das Runde ist im Eckigen und Deutschland Weltmeister 2014. Mario Götze schießt im Finale Deutschland gegen Argentinien in der Verlängerung das spielentscheidende 1:0.

Datenbilanz Spieler Mario Götze:

  • Finale
  • Spielzeit 32 von 120 Minuten
  • Gelaufene Distanz ca. 5.500 Meter
  • Maximum: 28 Stundenkilometer im Sprint
  • Zweikämpfe: 2 von 5 gewonnen
  • Fouls: 1
  • Kurzpässe: 15

"Wir können nicht nur Spieler, wir können ganze Mannschaften durchleuchten", sagt Prof. Daniel Memmert von der Sporthochschule Köln. Mit Hilfe von Positionsdaten lassen sich Philosophie, Strategie, Taktik einer Mannschaft erfassen, Stärken und Schwächen von einzelnen Spielern sehr einfach aufzeigen.

Spielanalyse - ein recht junger Studiengang

Prof. Daniel Memmert bildet an der Kölner Sporthochschule Spielanalysten aus, ein noch junger Masterstudiengang. Wer ihn erfolgreich abschließt, ist nicht nur in der Lage, gute und schlechte Spieler voneinander zu unterscheiden, sondern dies auch mit Zahlen und Daten zu belegen. Das sind Kenntnisse, die Profivereine im Fußball von ihren Datenanalysten erwarten. Sie müssen in der Lage sein, die während eines Spiels gesammelten Daten auszuwerten und zu interpretieren.

Computer-IT gehört auch dazu. Durch entsprechende Software-Programme kann man relativ einfach Muster aus den Daten extrahieren. Der Mensch sei in seiner Wahrnehmung limitiert, Computer nicht, sagt Prof. Memmert. "Wir entwerfen die richtigen Algorithmen, die richtigen Software-Programme."

Wärmekameras erfassen die Laufwege jedes Kickers

Ballkontakte, Laufwege, Laufgeschwindigkeit, Laufstrecken, Zweikampfwerte, Torschüsse - die Analyse läuft. Im Spitzenfußball wird mittlerweile alles dokumentiert. Das ermöglichen zusätzliche hochauflösende Kameras in den Stadien, bis zu acht hängen unter den Tribünendächern. Sie erfassen das komplette Panorama der Rasenfläche. Jede Spielerbewegung, alle Ballberührungen werden aufgezeichnet. Wärmekameras erfassen präzise die Laufwege jedes einzelnen Kickers über die gesamte Spielzeit.

Zusätzlich beobachten so genannte Scouts das Spiel. Sie "füttern" nach einem Spiel Datenanalysten wie Lars Kornetka von Bayer Leverkusen. "Scouting-Daten sind Daten, die subjektiv von einem Dritten entschieden werden müssen. Jemand sitzt auf der Tribüne und sagt: Was ist ein Zweikampf? Ist er gewonnen oder verloren?", erklärt Kornetka.

Pro Spiel 60 Millionen Datenpunkte

Er ist Co-Trainer bei den Profis von Bayer 04 Leverkusen - und dort einer von drei Experten, die zuständig für die Datenanalyse sind. Andere Spitzenclubs leisten sich bis zu zwölf solcher Spezialisten. Nach einem Spiel werden ihnen von einem externen Dienstleister gigantische Datensätze zur Verfügung gestellt. Statt spannendem Fußball gibt es dann Kurvendiagramme, Zahlenlisten, Statistik.

Diese Daten zu bewerten ist gar nicht immer so einfach. "Manchmal kommen Spieler dadurch schlechter weg, als sie eigentlich sind. Und umgekehrt halt auch manchmal besser", erzählt Lars Kornetka. Dementsprechend müsse man genau aufpassen, welche Daten man nimmt und welche man wie interpretiert, betont der Co-Trainer.

Der Sport hat sich verändert

Denn die Daten können darüber entscheiden, welcher Spieler eingekauft wird oder welcher auf der Ersatzbank landet. Mit den Daten-Mengen umgehen müssen aber nicht nur Spieler, Trainer und Manager, sondern auch diejenigen, die als Reporter in den Stadien unterwegs sind. "Wir werden ähnlich wie die Fernsehkollegen von einem Datendienstleister vorbereitet", berichtet WDR-Sportreporter Holger Dahl. "Lange nicht verloren, Flanken immer nur über die rechte Seite, schießt nur rechts unten bei einem Tor oder Elfmeter - gerade solche Dinge sollte man schon parat haben“, findet der Reporter.

Der gläserne Spieler? Reporter Holger Dahl hat schon hunderte Spiele im Spitzenfußball gesehen und das Drumherum miterlebt. Für ihn hat sich der Sport verändert. Auf der Tribüne sitzen Datenanalysten, die für die Bundesliga unterwegs sind, außerdem Videobeobachter der Vereine, die in der Halbzeitpause in den Kabinen Videos von Szenen zeigen. "All diese Menschen auf der Tribüne habe ich vor 10, 15 Jahren da nicht gesehen", erinnert sich Dahl.

Ein Computerprogramm, das manchem Trainer Angst macht

Der Spitzenfußball ist im Datenzeitalter angekommen. Big Data ist der unsichtbare Trainer. Pro Spiel werden im Schnitt mehr als 60 Millionen Datenpunkte gesammelt und bestimmen schon vor dem Anpfiff das nächste Spiel. Prof. Daniel Memmert hat mit seinen Studenten an der Sporthochschule Köln ein Programm entwickelt, dass manchem Trainer Angst machen dürfte, sofern er es nicht selbst nutzen kann. "Man kann Interaktionsanalysen durchführen. Das heißt: Wenn die eine Mannschaft das macht, was macht gerade die andere Mannschaft? War das jetzt gefährlich? War das von Vorteil?", beschreibt Memmert. Auch Kreativität lässt sich erfassen: Was sind die seltenen Muster, die in einem Spiel aufgetreten sind, aber auch zu Torgefahr geführt haben?

"Das Runde muss ins Eckige" - so einfach die Grundidee des Fußballs, so komplex ist das eigentliche Spielgeschehen. Seitdem das Spiel in Videosequenzen und Statistiken punktgenau zerlegt werden kann und Computer-Algorithmen mitentscheiden, wie man spielen soll, reicht es auch für die Spieler nicht mehr, einfach "nur" gut zu sein. Sie müssen ständig flexibel sein, sich anpassen. Den Spielern selbst wird dabei viel abverlangt. "Die Spieler, die in der Lage sind, schnell zu lernen, werden immer einen Vorteil haben", ist Memmert überzeugt.

Als Spieler reicht es nicht mehr, einfach "nur" gut zu sein

Allerdings nicht nur im Trainingslager - gelernt werden muss sogar während eines Spiels: zwischen erster und zweiter Halbzeit, im schnellen Rhythmus der Algorithmen. Und anders als früher kann kein Spieler mehr sagen, dass er doch fehlerfrei gespielt habe. Daten lügen nicht, Spieler haben heute kaum noch Möglichkeiten, irgendwelche Defizite zu verstecken.

Spielanalysten schwärmen bereits von den Möglichkeiten der Computerchips und Sensoren an den Trikots der Spieler. Die sind aber während eines Spieles verboten. Noch, betont Fußball-Reporter Holger Dahl. "Den absoluten Erfolg kann man nicht programmieren", so Dahl. "Aber die Wahrscheinlichkeit ist vermutlich größer, wenn möglichst viel in Datenanalyse und in Spieler-Scouting investiert wird."

Autor des Hörfunk-Beitrags ist Franz Hansel

Stand: 23.08.2016, 16:16