Chemie im Alltag: Nylonfaden aus dem Glas

Mit einer Pinzette kann man den Nylonfaden herausholen

Chemie im Alltag: Nylonfaden aus dem Glas

Von Hellmuth Nordwig

Aus Nylon werden Damenstrümpfe gemacht, aber auch die Borsten von Zahnbürsten oder Fischernetze. Nylon kann jeder ganz leicht selbst herstellen - auch ohne Labor oder Chemiekenntnisse.

Die Zutaten gibt es nur im Fachhandel. "Ihre Namen sind ganz schön kompliziert", das findet selbst der Chemiedidaktiker Florian Graßl von der Universität München. Die beiden Ausgangsstoffe für Nylon heißen nämlich Adipinsäuredichlorid und Hexamethylendiamin. Der Rest ist aber ganz einfach. Man sollte nur nicht die feinste Kleidung anhaben und den Versuch am besten draußen durchführen.

Der Versuch zum Selbermachen

  • Latexhandschuhe anziehen
  • 2 Milliliter (einen Teelöffel) Adipinsäuredichlorid in 50 Millilitern Hexan auflösen (auch aus dem Fachhandel, ersatzweise Reinigungsbenzin oder Petrolether) - ACHTUNG BRENNBAR!
  • in einem anderen Gefäß 2 Gramm Hexamethylendiamin einwiegen und in 50 Millilitern Wasser auflösen, evtl. ein paar Tropfen Rotkohlsaft zugeben
  • vorsichtig die Lösung mit dem Adipinsäuredichlorid darüberschichten - langsam an der Gefäßwand einfüllen (evtl. mit einem Trichter)
  • an der Grenzfläche der beiden Flüssigkeiten entsteht eine dünne weiße Haut, die mit einer Pinzette herausgezogen werden kann - Nylon!

"Aus Styropor und Schaschlikstäbchen habe ich noch eine ganz einfache Apparatur zum Aufwickeln des Nylonfadens gebastelt", sagt Florian Graßl.

Zwei Schichten wie Benzin auf der Pfütze

Hexan mischt sich nicht mit Wasser. Wie der Benzinfleck auf der Pfütze schwimmt das leichtere Hexan obenauf. Wo die beiden Flüssigkeiten zusammen kommen, entsteht Nylon. Das ist ein langes, kettenförmiges Molekül. "Die beiden Ausgangsstoffe kann man sich vorstellen wie zwei unterschiedliche Schlangen", erklärt Florian Graßl.

Dabei verbeißt sich der Kopf der einen Schlangenart immer in den Schwanz der jeweils anderen Art. So entsteht eine Kette, in der sich die beiden "Schlangen" abwechseln. Zieht man den Faden heraus, reagieren die Ausgangsstoffe an der Grenzfläche immer weiter miteinander. Wer Geduld hat, kann so einen sehr langen Faden erzeugen. "14 Meter war mein Rekord", berichtet der Chemiedidaktiker stolz.

Chemie im Alltag: Nylonfaden aus dem Glas

Nylon: Daraus werden Damenstrümpfe gemacht, aber auch die Borsten von Zahnbürsten oder Fischernetze. Ein Alltagsmaterial also, das jeder ganz leicht selbst herstellen kann - auch ohne Labor oder Chemiekenntnisse.

Vorsichtig werden die beiden Lösungen übereinander geschichtet

Vorsichtig werden die beiden Lösungen übereinander geschichtet.

Vorsichtig werden die beiden Lösungen übereinander geschichtet.

Oben Benzin, unten Wasser.

Mit einer Pinzette kann man den Nylonfaden herausholen.

Der Chemiedidaktiker Florian Graßl wickelt Nylon auf.

Kunstfasern: Siegeszug mit Schattenseiten

Nylon hat der Chemiker Wallace Carothers schon 1935 in den USA hergestellt. Es war die erste Kunstfaser und ist bis heute wichtig. Denn wie alle Kunststoffe haben die künstlich hergestellten Fasern viele Vorteile. Sie sind leicht, billig und sehr beständig. Genau das hat aber zur Folge, dass sie in der Umwelt nur sehr langsam abgebaut werden.

Vor allem im Meer sammeln sich leider immer mehr Kunststoffteilchen, die Tiere oft für Nahrung halten. Auch die Reste von Fischernetzen oder Seilen aus Nylon sind schon in den Mägen von Walen oder Schildkröten gefunden worden. "Das ist ein großes Problem, dem wir uns in Zukunft stärker widmen müssen", meint Florian Graßl.

Stand: 28.02.2017, 06:00