In Autohäusern nur "Euro-6-Schrott"?

Ein zu verschrottender PKW in einem Container

In Autohäusern nur "Euro-6-Schrott"?

Von Martin Gent

Seit August werden Autokäufer mit "Umstiegsprämien" gelockt. Aber viele der angebotenen Neuwagen sind nicht sauber. Die industriefreundlichen Verabredungen des Dieselgipfels werden zum "Abwrack-Irrsinn".

Freitags erscheint "AUTO BILD". Wie sehr das Motor-Blatt in der Klemme ist, zeigt die Ausgabe vom 24. November 2017. Der Test auf Seite 36 ("So gut ist die neue Mini-SUV-Klasse") und viele andere Berichte im Heft sind eine Farce, wenn man die Aufmacher-Geschichte auf Seite 10 ernst nimmt. Danach kann man derzeit kaum ein Auto mit Verbrennungsmotor guten Gewissens kaufen. In der Klemme ist somit jeder Käufer, der jetzt ein neues Auto braucht und die Prämie mitnehmen will. Unter dem Titel "Der Abwrack-Irrsinn" wird beschrieben, wie "dieselbe Industrie, die ihre Dieselkunden täuschte, ihre Schummelprodukte per Prämienanreiz unter das Volk" bringt.

Nicht ganz sauber

 "Wir ziehen fahrtüchtige, sparsame, oft sogar gut erhaltende Autos aus dem Verkehr – um Neuwagen zu kaufen, die nicht ganz sauber sind", schreibt "AUTO BILD". Und Redakteur Matthias Moetsch legt in seinem Kommentar noch eins drauf: "Jetzt wird die Branche ihren Euro-6-Schrott los: Benziner ohne Partikelfilter und Diesel, die noch nicht Euro 6d erfüllen. Insofern ist die sogenannte Umweltprämie in Wahrheit eine Abverkaufsprämie für Technik, die heute schon von gestern ist." Das ist drastisch formuliert und deckt sich mit unseren Recherchen.

Euro-6-Diesel pusten Stickoxide in Luft

Stickoxid-Ausstoß bei Diesel-Pkw

In Sachen Stickoxide haben viele Dieselautos nach der aktuellen Abgasnorm Euro 6 ein Riesenproblem. Die dreckigsten Euro-6-Autos überschreiten die Prüfwerte auf der Straße um mehr als das 20-fache. Besser wird das erst mit verschärften Abgasnormen (Euro 6d-Temp und Euro 6d), die auch Straßentests beinhalten. Obwohl diese Tests für neue Modellreihen seit September 2017 verbindlich sind, gibt es noch kaum ein Dieselauto mit wirklich weißer Weste zu kaufen. Die Furcht der Hersteller: Wer mit dem Umweltvorteil einzelner Modelle wirbt, macht den Rest zum Ladenhüter.

Benziner als Feinstaubschleudern

Ganz ähnlich beim Benziner. Der Trend der letzten Jahre ging zu Motoren mit wenig Hubraum, Turboaufladung und Direkteinspritzung. Das Konzept versprach wenig Spritkonsum bei kräftigem Durchzug. Deshalb ist der alte Saugmotor selten geworden, die Mehrzahl der verkauften Benziner ist mit Direkteinspritz-Technik ausgerüstet. Ohne Filter pusten diese Motoren aber Millionen von feinen Partikeln in die Atemluft. Zwar gibt es schon Autos mit serienmäßigem Otto-Partikelfilter (OPF), zum Beispiel die S-Klasse von Mercedes. Aber in der Breite ist der OPF nicht zu haben. Manche Autohersteller wollen nicht einmal verraten, wann Fahrzeuge mit OPF erhältlich sein werden.

Umwelttechnik hat Exotenstatus

Das wissen auch alles die Macher von "AUTO BILD" – und testen doch weiter Autos, als sei (fast) nichts gewesen. Aber: Wer interessiert sich für Komfort und Fahrdynamik, wenn die Abgaswerte nicht stimmen? Immerhin führte das Motor-Blatt im September 2017 den Eco-Index ein. Parallel zum üblichen Bewertungsschema gibt es eine Umwelt-Note zwischen 1 und 5. Das Ergebnis für die Abgasreinigung ist blamabel: Von 37 ausgezählten Autos werden allein ein Mercedes und ein BMW mit der Note 3 bewertet.

Drei Modelle (ein VW und zwei Peugeot) bekommen die Note 4, der große Rest (32 Modelle) fällt bei der Abgasreinigung durch, hat nach Prüfung der Autotester keine aktuelle Abgas-Technik an Bord. Wer jetzt – gelockt von "Umstiegsprämien" – zuschlägt, kauft mit großer Wahrscheinlichkeit eine Altlast von morgen. Wer noch warten kann: Spätestens ab September 2019 gelten verschärfte Abgasregeln für alle Neuwagen. Dann werden die Hersteller sich vor SCR-Kats beim Diesel und Partikelfiltern beim Benziner kaum noch drücken können.

Hier schreibt Martin Gent, Redakteur und Reporter in der WDR-Wissenschaftsredaktion. Als Mobilitätsexperte ist er stets auf der Suche nach Perspektiven für den Verkehr von morgen.

Stand: 24.11.2017, 15:07