Aufregung über Menschenversuche übertrieben?

Messstation für Luftqualität am Straßenrand.

Aufregung über Menschenversuche übertrieben?

Von Alexandra Rank

  • Darum geht's in der Studie der Uniklinik Aachen
  • Viele regen sich auf. Zu Recht?
  • So seriös ist die Studie

Darum geht's in der Studie:

Wie wirkt sich eine erhöhte Stickstoffdioxid-Konzentration am Arbeitsplatz auf die Gesundheit aus – dieser Frage gingen die Forscher der Uniklinik Aachen nach.

Der Ablauf: 25 gesunde Menschen atmeten an insgesamt vier Terminen jeweils drei Stunden Stickstoffdioxid in unterschiedlichen Konzentrationen ein.

Der Physiker Peter Brand vom Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin und seine Co-Autoren haben Folgendes untersucht:

  • die Lunge,
  • das Blut,
  • das Nasensekret,
  • das Sputum, also die Aussonderungen der Atemwegsschleimhaut,
  • den Atem und
  • sonstige Hinweise auf Entzündungen.

Das Ergebnis: Die Forscher fanden keine deutlichen Effekte im Körper der Versuchsteilnehmer. Auch dann, wenn die Stickstoffdioxid-Konzentration teilweise deutlich höher war als in normaler Atemluft.

Die Wissenschaftler hatten die Studie bereits 2016 im Fachmagazin International Archives of Occupational and Environmental Health publiziert.

Die breite Öffentlichkeit erfuhr aber erst Ende Januar 2018 von der Studie. Viele Medien berichteten über "Abgasversuche an Menschen". Und: Die Autolobby habe diese finanziert.

Stickstoffdioxid an Menschen getestet

WDR 5 Leonardo Top Themen | 29.01.2018 | 04:41 Min.

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Viele regen sich auf. Zu Recht?

Ja und nein: Stickstoffdioxid ist giftig und kann schon in geringen Mengen krank machen. Das Gas reizt die Atemwege und ist vor allem für Menschen gefährlich, die bereits Luftprobleme haben, darunter Asthmatiker.

Die EU hat daher einen Jahresgrenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Atemluft festgelegt. 2016 wurde dieser in Deutschland an fast 60 Prozent der verkehrsnahen städtischen Luftmessstationen überschritten, bemängelt das Umweltbundesamt.

Die Reaktion auf die Studie scheint hysterisch: Wer an einer stark befahrenen Straße wohnt oder nahe einer dieselbetriebenen Maschine arbeitet, ist permanent viel Stickstoffdioxid ausgesetzt.

Was die Forscher aus Aachen im Labor unter Versuchsbedingungen getestet haben, ist für andere Menschen Alltag am Arbeitsplatz. Dort gelten deutlich höhere Grenzwerte als für die Stadtluft.

Autos von hinten im Stau.

Viel Verkehr, viel Stickstoffdioxid

Nur wenige Tage vorher berichteten Medien weltweit über eine andere Studie aus Mexiko: In dieser führten Forscher Experimente an Affen durch – die Tiere mussten im Labor Autoabgase einatmen. VW, Daimler und BMW wollten damit herausfinden, wie die Abgase auf die Gesundheit der Primaten wirken.

Die Studie sorgte international für Empörung: In anderen Ländern, darunter Deutschland, sind Tierversuche dieser Art verboten. In der öffentlichen Wahrnehmung werden beide Studien in einen Topf geworfen. Dabei hatten die Wissenschaftler aus Aachen nichts mit der Studie aus Mexiko zu tun.

Wie seriös ist die Studie?

Die Autoren von der Uniklinik Aachen haben ihre Studie nach wissenschaftlichen Standards durchgeführt: Die Ethikkommission der RWTH Aachen hatte das Experiment zuvor geprüft und genehmigt.

Die Forscher selbst weisen darauf hin, dass ihre Veröffentlichung nur bedingt aussagekräftig sei. Die Begründung: Der Testzeitraum sei mit vier Wochen kurz – Stickstoffdioxid schade aber vor allem langfristig der Gesundheit.

Zudem legten die Mediziner offen, wie sie die Studie finanziert haben: mithilfe der Lobby-Organisation Europäische Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor (EUGT). VW, Daimler und BMW hatten die Initiative finanziert, die es inzwischen nicht mehr gibt.

Das Vorgehen der Wissenschaftler entspricht den Qualitätsstandards in der Forschung.

Diesel-Skandal: Was wusste das Kraftfahrtbundesamt?

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Stand: 29.01.2018, 16:30