Noch nie gab es so viele potenzielle Knochenmarkspender

Infusionsbeutel mit Blut.

Noch nie gab es so viele potenzielle Knochenmarkspender

  • Interview zum Weltblutkrebstag (28.05.2017)
  • Carlheinz Müller ist Leiter des Knochenmarkspender-Registers in Ulm
  • 7,4 Millionen Menschen sind bereit, Knochenmark zu spenden
  • Wie sich die Spendersuche verändert hat

WDR: Bei Blutkrebspatienten ist die Blutbildung gestört. Wie kann da eine Knochenmarkspende helfen?

Carlheinz Müller: Blutkrebs ist die umgangssprachliche Bezeichnung für Leukämien und ähnliche bösartige Erkrankungen der Zellen des Blutes und des Abwehrsystems des Körpers. Bei diesen Krankheiten vermehren sich nicht funktionstüchtige Zellen aus diesem Bereich unkontrolliert. Gleichzeitig kommt es zu einem Mangel lebenswichtiger Zellen.

Die Transplantation von blutbildenden Stammzellen kann zusammen mit der begleitenden Chemotherapie die kranken Zellen komplett ausrotten und durch gesunde Zellen des Spenders ersetzen. Das ist allerdings nicht ganz so einfach wie es klingt. Das ist auch heute noch eine aufwändige Behandlung mit erheblichen Risiken.

WDR: In Deutschland gibt es etwa 7,4 Millionen registrierte Knochenmarkspender, so viele wie nie zuvor. Was bedeutet das für die Blutkrebspatienten?

Carlheinz Müller

Carlheinz Müller ist der ärztliche Leiter des Zentralen Knochenmarkspender-Registers (ZKRD) in Ulm

Müller: Das bedeutet, dass heute das Finden eines geeigneten Spenders für deutsche Patienten nicht mehr die größte Hürde auf dem Weg zur Transplantation ist. Vor 25 Jahren haben wir für weniger als ein Drittel Spender gefunden - und die Suche dauerte dann in der Regel sechs bis zwölf Monate. Heute finden wir für rund 70 Prozent der Patienten identische Spender und für etwa weitere 20 Prozent Spender mit geringen Abweichungen - und das meist in vier bis acht Wochen.

WDR: Als das Zentrale Knochenmarkspender-Register (ZKRD) vor 25 Jahren in Ulm gegründet war, stand die Stammzellentherapie noch ganz am Anfang. Was hat sich seitdem verändert?

Müller: Eigentlich fast alles. Beispielsweise wurde damals die Transplantation vor allem bei jungen Patienten unter 40 Jahren und bei Patienten mit chronischen, also langsam fortschreitenden Leukämien eingesetzt. Nicht zuletzt weil die Spendersuche so lange dauerte. Heute werden durch die schnelle Spendersuche routinemäßig Patienten mit akuten Leukämien und durch schonendere Verfahren auch Patienten bis ins fortgeschrittene Alter transplantiert.

WDR: Daten können heute viel rasanter ausgetauscht werden. Werden Spender deshalb viel schneller vermittelt?

Müller: Natürlich profitieren wir ständig von technischen Neuerungen und leistungsfähigeren Rechnern. Aber in der Kommunikationstechnologie passierte der dramatische Fortschritt eher zwischen 1985 und 2000 als Rundbriefe schrittweise durch Fax, E-Mail und dann Internet-basierten Datenaustausch zwischen Computersystemen abgelöst wurden.

WDR: Es gibt Menschen, die sich aus Angst vor einer möglichen Transplantation nicht typisieren lassen. Können Sie Ihnen die Angst nehmen?

Müller: Ja, diese Angst kann ich den meisten Spendern nehmen, allerdings nicht mit drei, vier Sätzen in einem Interview, sondern in einem persönlichen Gespräch, auf das jeder Spender selbstverständlich Anspruch hat.

Ich will mich aber nicht um eine Antwort drücken und deswegen wenigstens zwei Leitgedanken äußern. Erstens: Auch wenn eine Spende mit gewissen Belastungen verbunden ist, so kann man diese Rest-Risiken als Teil der allgemeinen Lebensrisiken sehen, die wir heute ganz selbstverständlich eingehen - etwa im Verkehr oder beim Sport.

Und zweitens: Wenn ich denn einmal Teil einer Transplantation werden sollte, dann bin ich persönlich definitiv lieber der Spender als der Patient.

Das Interview führte Andreas Sträter.

Stand: 28.05.2017, 06:00