Deutschland immer noch verraucht

Tabakatlas Deutschland 2015

Deutschland immer noch verraucht

Von Anne Preger

Obwohl die Deutschen weniger rauchen als früher, nimmt die Zahl der tabakbedingten Todesfälle bislang nicht ab. 2013 betraf das jeden fünften Mann und jede zehnte Frau, die in Nordrhein-Westfalen starben.

Männer greifen eher zur Zigarette als Frauen, und im Norden Deutschlands wird mehr geraucht als im Süden. Ein Blick in den Tabakatlas Deutschland 2015 verrät, dass Nordrhein-Westfalen eher zu den Bundesländern gehört, in denen mehr Menschen zur Zigarette greifen. Dabei sind die regionalen Unterschiede innerhalb von NRW groß. Das verrät der Mikrozensus 2013. Von den Menschen, die älter als 15 Jahre sind, raucht in Städten wie Gelsenkirchen, Herne oder Remscheid jeder Dritte. In Paderborn, Borken oder Bonn ist es nur jeder Fünfte.

Weniger Raucher-Nachwuchs

Heute greifen weniger Menschen zur Zigarette als noch vor 20 Jahren. Der Trend weg vom Rauchen zeigt sich sowohl in NRW als auch in der Bundesrepublik insgesamt. Wie die Autoren des Tabakatlas' vom Deutschen Krebsforschungszentrum DKFZ in Heidelberg zeigen, rauchen heute weniger Jugendliche und junge Erwachsene als noch Ende der Neunziger Jahre.

Arme Raucher

Graphik: Wie hoch ist der Raucheranteil je nach Alter und Sozialstatus?

Trend: Je höher der Status, desto geringer der Raucheranteil

Tabakwaren sind teuer. Was sich ein einzelner Raucher alles leisten könnte, wenn er aufhört, rechnet der Tabakatlas vor. Wer beispielsweise eine Schachtel am Tag raucht, könnte sich von dem Geld nach einem halben Jahr einen neuen Fernseher oder nach einem Jahr eine Urlaubsreise leisten. Dabei rauchen in Deutschland ausgerechnet eher die Menschen, die weniger verdienen. Ein Teufelskreis, stellt Martina Pötschke-Langer vom DKFZ fest: "Wenn in den Haushalten, in denen sowieso weniger Geld da ist, das wenige Geld fürs Rauchen ausgegeben wird, verschärft sich die soziale Lage noch weiter." Im neuen Atlas hat Pötschke-Langer zusammen mit ihren Kollegen den Zusammenhang zwischen Tabakkonsum und dem sozialen Status dargestellt. Darunter ist nicht nur das Einkommen gefasst, sondern auch das Bildungsniveau und die berufliche Stellung. Sowohl bei Männern als auch bei Frauen gilt für die meisten Altersgruppen: Mit steigendem Sozialstatus sinkt der Anteil der Raucher. Eine bemerkenswerte Ausnahme stellen junge Frauen zwischen 18 und 29 Jahren da. In dieser Gruppe rauchen mehr von den erfolgreichen Frauen als von den weniger erfolgreichen. Eine Erklärung hat Tabakatlas-Autorin Martina Pötschke-Langer dafür nicht:  "Dieses Phänomen wurde noch nicht untersucht."

Wasserpfeife im Trend

Unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen wird heute weniger geraucht als früher. Trotzdem testen viele Tabakprodukte wie E-Zigaretten, Shishas und E-Shishas aus. Knapp ein Drittel der Zwölf- bis Siebzehnjährigen hat schon einmal Wasserpfeife geraucht. Diesen Trend sieht Martina Pötschke-Langer mit Besorgnis. Die Leiterin der Stabsstelle Krebsprävention am DKFZ betont: "Wasserpfeifen sind genauso gefährlich wie Tabakzigaretten, denn sie enthalten ja verbrannten Tabak. Die ganzen krebserzeugenden Stoffe, die durch die Verbrennung entstehen, werden auch beim Wasserpfeife-Rauch inhaliert."

Folgenschweres Rauchen

Der Warnhinweis "Rauchen tötet" steht nicht umsonst auf vielen Zigarettenpackungen. Allein im Jahr 2013, für das die aktuellsten Zahlen vorliegen, starben in der Bundesrepublik rund 121.000 Menschen an den Folgen des Rauchens. Rund die Hälfte der Todesfälle waren auf Krebserkrankungen infolge des Tabakkonsums zurückzuführen. Bei Frauen ist der Anteil derer, die an den Folgen des Rauchens sterben, geringer als bei Männern. Das liegt unter anderem daran, dass traditionell immer schon weniger Frauen rauchen und Raucherinnen im Schnitt weniger Zigaretten konsumieren. Für Nordrhein-Westfalen wurden für das Jahr 2013 folgende Quoten ermittelt: Jeder fünfte Mann, der starb, erlag einem Raucherleiden. Bei den verstorbenen Frauen war es jede zehnte. Rechnet man die Daten für beide Geschlechter zusammen, ergibt sich folgende Zahl: 2013 ließen sich knapp 15 % der Todesfälle auf Rauchen zurückführen.

Umstrittene wirtschaftliche Effekte

Im September 2015 hatten Forscher vom Karlsruher Institut für Technologie eine Studie veröffentlicht, nach der Raucher die Gesellschaft finanziell entlasten. Dagegen kommt das DKFZ zu einer klar entgegengesetzten Aussage: "Rauchen schadet nicht nur der Gesundheit der Bevölkerung, sondern auch der Volkswirtschaft von Deutschland," sagt Martina Pötschke-Langer. "Wenn wir wirklich sehr umfassend die Kosten auf der gesundheitlichen Seite zusammenrechnen und die dann übertragen, ist der Nutzen des Rauchens für die Volkswirtschaft in keinster Weise gegeben." Auch deswegen fordert die Medizinerin eine stärkere Kontrolle von Tabak, u.a. durch die Einschränkung des Vertriebs und durch die Abschaffung von Außenwerbung für Tabakprodukte. Ein Blick auf die Karte der EU-Länder verrät: Plakatwerbung für Zigaretten gibt es sonst nur noch in Bulgarien.

Stand: 03.11.2015, 12:00