Syrien: Wer verantwortet den Giftgasangriff?

Freiwillige Helfer, die Opfer eines mutmaßlichen Giftgasangriffs in Chan Scheichun, Syrien, versorgen. Bei einem Luftangriff mit Giftgas sind im Nordwesten Syriens Aktivisten zufolge mindestens 58 Menschen getötet worden, darunter elf Kinder.

Syrien: Wer verantwortet den Giftgasangriff?

Von Lara Schwenner

  • Erst muss überhaupt geklärt werden, welches Gift zum Einsatz kam
  • Chlorgas und Sarin stehen im Verdacht
  • Der zeitliche Abstand erschwert die Analyse

Zunächst durften sie nicht ins Land, dann wurden sie beschossen – gut zwei Wochen nach dem mutmaßlichen Giftgasangriff am 7. April haben Chemiewaffen-Experten der Organisation für ein Verbot chemischer Waffen (OPCW) nun ihre Analyse gestartet. Wer allerdings Aufschlüsse darüber erwartet, wer hinter dem Giftgas-Angriff auf die Bevölkerung steckt, wird enttäuscht – das kann die Analyse nicht beantworten.  

Zunächst einmal muss geklärt werden, welches Gift überhaupt verwendet und unter welchen Umständen es freigesetzt wurde. Dazu haben die Experten vor Ort unterschiedlichste Proben genommen: aus dem Boden, von Gebäude- und Munitionsresten sowie Blut-, Organ- und Gewebeproben von lebenden und toten Opfern.

Analyse unter schwierigen Bedingungen

Derzeit geht man davon aus, dass für den Anschlag entweder Chlorgas oder das Nervengift Sarin in Frage kommen. Die Analyse findet aber unter erschwerten Bedingungen statt: In der Zeit, die zwischen Anschlag und Probenentnahme verstrichen ist, könnte nicht nur Beweismaterial beseitigt worden sein – auch die Wirksamkeit der verdächtigten Gifte lässt mit der Zeit nach.

Giftgas-Spuren in Syrien: Die Wahrheit lässt sich noch finden

WDR 5 Morgenecho - Interview | 21.04.2018 | 06:59 Min.

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Chlorgas ist besonders reaktionsfreudig und verbleibt nicht lange im Ursprungszustand. Zwar findet man im Körper oder der Umwelt Reaktionsprodukte, doch diese lassen sich nicht eindeutig auf Chlorgas zurückführen. Je später die Analyse startet, desto unwahrscheinlicher wird ein Nachweis. Bei Sarin ist es einfacher: In Böden oder auf Munitionsteilen findet man das Nervengift und seine spezifischen Abbauprodukte noch relativ lange. Im Körper bindet Sarin an Proteine und die DNA. Über Blut- und Umweltproben lässt sich der Kampfstoff etwa drei Wochen lang nachweisen. Noch wären die OPCW-Experten also im Zeitfenster.

Der Urheber bleibt ungeklärt

Doch selbst wenn das Gift bekannt ist, können die OPCW-Experten keine Aussage darüber treffen, wer für den Anschlag in Duma verantwortlich ist. Dazu benötigt man Informationen über die militärische Lage zum Zeitpunkt des Giftgasangriffs, also: Welche Objekte waren in der Luft und auf dem Boden unterwegs und, wer hatte die militärische Hoheit im Gebiet?

Über diese Informationen wird rekonstruiert, was militärisch am 7. April vor sich gegangen sein könnte. Das wiederum liefert Hinweise, wer in der Lage war, den Anschlag zu verüben. Doch diese Form der Analyse findet im aktuellen Fall überhaupt nicht statt. Denn: Die zuständige Sondereinheit der OPCW („Joint Investigative Mechanisms“) gibt es seit November 2017 nicht mehr, da Russland gegen eine Verlängerung ein Veto eingelegt hat.

Die aktuellen OPCW-Analysen sind also rein wissenschaftlicher Natur und liefern nur einen Teil der erforderlichen Antworten. Wer die Bevölkerung mit Giftgas attackiert hat, bleibt nach wie vor offen.

Stand: 27.04.2018, 13:20