Achtbeiner arbeiten für die Medizin

Achtbeiner arbeiten für die Medizin

Von Eva Wolk

Biologen lieben Spinnen - besonders, wenn sie sich mit Seide beschäftigen. Spinnenseide könnte demnächst in Medizin und Technik große Dienste leisten. In Hannover führen die tierischen Produzentinnen ein sorgloses Dasein gegen regelmäßige Abgabe des kostbaren Fadens.

Achtbeiner arbeiten für die Medizin

Für unser Empfinden reichlich ungemütlich, aber für die Goldene Radnetzspinne perfekt: Im  früheren Krankenhaus-Wartezimmer der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) bauen die Tiere ihre Netze frei im Raum, in dem es immer schön warm ist und die Luftfeuchtigkeit bei 80 Prozent liegt. Lebenslang Kost und Logis gratis gegen regelmäßige Lieferung von Spinnenseide, so lautet der Deal.

Für unser Empfinden reichlich ungemütlich, aber für die Goldene Radnetzspinne perfekt: Im  früheren Krankenhaus-Wartezimmer der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) bauen die Tiere ihre Netze frei im Raum, in dem es immer schön warm ist und die Luftfeuchtigkeit bei 80 Prozent liegt. Lebenslang Kost und Logis gratis gegen regelmäßige Lieferung von Spinnenseide, so lautet der Deal.

Im Terrarien-Raum wird der Nachwuchs großgezogen - und die Futtertiere gleich mit: Fruchtfliegen für die Kleinen, "richtige" Fliegen für die Halbwüchsigen. 

Der goldgelbe Kokon von zwei Zentimetern Durchmesser, gewebt aus einem besonderen Faden (Spinnen produzieren sieben verschiedene Sorten), enthält hunderte Eier. Wenn die Tiere schlüpfen, erkennt man das an winzigen schwarzen Pünktchen auf und im Kokon.

Das ist Nadja. Durchmesser von Bein zu Bein ca. 8 Zentimeter. (Sie hat gerade Herrenbesuch – die Männchen sind deutlich kleiner). Alle (weiblichen) Spinnen im Labor haben Namen, denn es wird sorgfältig Buch darüber geführt, welche von ihnen wann gemolken wurde. Jede "arbeitet" nur zweimal pro Woche – so heißt das im Spinnenlabor. Stimmt auch: Die Seide wird beim Melken "live" produziert.

Die Biologin Dr. Sarah Strauß ist geübte Spinnen-Melkerin. Als erstes wird die Spinne, die laut Protokoll dran ist, aus dem Netz geholt – so vorsichtig und netzerhaltend wie möglich. Heute ist Nadja dran.

Nadja ist transportbereit. Friedlich hat sie sich einfangen lassen. "Die kennt das schon", sagt Sarah Strauß. "Aber manchmal haut sie auch ab, wenn sie keine Lust hat."

Anders als es aussieht, tut das geübte Fassen mit der Pinzette dem Tier nicht weh. Wichtig ist: Nicht fallenlassen. Der empfindliche Unterleib der Spinne würde platzen – ihr sicheres Ende.

Schaumstoffunterlage und Gazé – die Unterlage, auf der die Spinne festgemacht wird, ist bequem. Sehr, sehr vorsichtig befestigt Sarah Strauß das Gazé mit Stecknadeln zwischen den Spinnenbeinen.

Nadja ist entspannt und bereit zur 15-minütigen Melkprozedur. Es ginge auch länger, aber die Tiere sollen so stressfrei wie möglich und nicht bis zum Anschlag gemolken werden. In 15 Minuten gewinnt man 150 bis 200 Meter goldener Spinnenseide.

Zu sehen ist der Faden nicht, den Sarah Strauß aus dem Hinterleib der Spinne zieht, um ihn am Kollektor festzumachen. Am Kollektor sieht man die "Ernte" aber gut: Hier sind es etwa 500 Meter Seide aus vorhergegangenen Melkprozeduren.

Nadja hat es für heute hinter sich und spielt noch ein bisschen "Brosche" an Sarah Strauß vor der Rückkehr ins Netz. Übrigens würde das Tier nicht über die nackte Menschenhaut krabbeln – die finden Spinnen viel zu eklig.

Stets gibt es nach dem Melken und dem Rücktransport ins eigene Netz eine Belohnung: Die "Dusche" mit dem Wassersprüher. Denn die Tiere sind dann sehr durstig. Außerdem ein frisches Heimchen als feste Mahlzeit.

Das Spinnenfutter, die Heimchen (eine Grillenart), wächst im eigenen Terrarium zu voller Größe. Die Goldenen Radnetzspinnen warten friedlich und gemeinsam aufs Gefüttertwerden – anders als andere Spinnen sind sie nur als Babys kannibalisch. Zu Hoch-Zeiten leben im Spinnenlabor bis zu 150 Tiere. Sie werden um die zwei Jahre alt – wie in der Natur.

Unglaublich schön, unglaublich stabil und beinahe ewig haltbar: Ein Kollektor mit ungefähr 500 Metern Spinnenseide der Goldenen Radnetzspinne. Die könnte man einem Tier innerhalb einer dreiviertel Stunde abmelken. Aber die "Arbeitsschutzbestimmungen" im Labor sehen eben nur eine Viertelstunde vor.

Dies ist eines der Produkte, um die es den Wissenschaftlern geht: eine kleine Matrix von 1 x 1 Zentimeter aus Spinnenseide. Darauf können sich Zellen, zum Beispiel der Haut, gut vermehren. Der Vorteil gegenüber einer künstlichen Matrix: Das frische Gewebe kann mitsamt der Matrix transplantiert werden – der Körper baut sie vollständig ab.

Das ist das Hauptziel der Forschung am Spinnenlabor der MHH: Mit Hilfe der Seide durchtrennte Nerven wieder zusammenwachsen zu lassen. Dazu wird der Faden in ein Stück Vene gepackt, das zwischen die durchtrennten Nerven in einem Körperteil gesetzt wird. Die Nerven wachsen dann sehr gut durch die Vene hindurch an der Seide entlang. Nachher wird beides, Seide und Vene, vom Körper abgebaut.

Stand: 15.09.2015, 06:00 Uhr