Schulsport - ein Blick zurück

Schulsport - ein Blick zurück

Wer war eigentlich der Begründer des Schulsports? Nein, Turnvater Jahn war es nicht - so viel sei schon mal verraten. Ein Rückblick in Bildern auf eine bewegte Geschichte.

Historische Postkarte vom Cricketfeld in Bournville, Großbritannien, 1892.

Wer an Sport in historischen Dimensionen denkt, dem kommt meist dieser Mann in den Sinn: Friedrich Ludwig Jahn, genannt Turnvater Jahn. "Jahn war zwar der Begründer des Deutschen Turnens. Aber mit dem Schulturnen hatte das eigentlich nichts zu tun", erklärt Stephan Wassong, Leiter des Instituts für Sportgeschichte an der Deutschen Sporthochschule in Köln.

Wer an Sport in historischen Dimensionen denkt, dem kommt meist dieser Mann in den Sinn: Friedrich Ludwig Jahn, genannt Turnvater Jahn. "Jahn war zwar der Begründer des Deutschen Turnens. Aber mit dem Schulturnen hatte das eigentlich nichts zu tun", erklärt Stephan Wassong, Leiter des Instituts für Sportgeschichte an der Deutschen Sporthochschule in Köln.

1811 gründete Jahn den ersten Turnplatz auf der Berliner Hasenheide. "Jahn ging es nicht nur um den Sport, sondern auch um Wehrertüchtigung und Gesundheitserziehung. Außerdem wollte er über das Turnen nationalstaatliches Gedankengut verbreiten - das hat den Preußen nicht gepasst", sagt Wassong. Die Radikalisierung der Turnbewegung führte zur Verhaftung Jahns 1819 und zur "Turnsperre" in Preußen von 1820 bis 1842.

Als Gründer des Schulsports in Deutschland gilt dieser Mann: Karl Adolf Spieß. Spieß sorgte dafür, dass Turnen als Schulfach eingeführt wurde und war ein Verfechter des Mädchenturnens. Er schrieb das "Turnbuch für Schulen", und auf seine Initiative geht der Bau der ersten Schulturnhalle im Jahr 1852 zurück.

Ab den 1860er/1870er Jahren wurde in einigen Ländern Turnen in Schulen verpflichtend, allerdings hatten die Schulen - wenn überhaupt - nur sehr kleine Turnhallen zur Verfügung. Schon im ausgehenden 19. Jahrhundert wurde die Forderung nach einer täglichen Schulstunde laut. "Das hielt man aus gesundheitlichen Gründen, aber auch zur Moralerziehung für wichtig", so Wassong. Dem Sport in der Erziehung wurde eine immer größere Bedeutung beigemessen, wie das Plakat von 1910 zeigt.

"Es gab auch durchaus Konflikte zwischen den unterschiedlichen Ansätzen", meint Sporthistoriker Stephan Wassong. Die so genannte Spielbewegung wurde ab 1870 von englischen Spielen wie Cricket (Foto), Hockey und Rugby geprägt.

Das körperbetonte Rugby stand im Gegensatz zum deutschen Turnen, das deutlich statischer war.

Ab 1870 wurden die ersten Turnlehrerbildungsstätten aufgebaut. "Das waren noch keine Universitäten", erklärt Stephan Wassong." In der Weimarer Zeit spielte die Ausbildung eine immer größere Rolle. "Der Schulsport erlebte eine kulturelle Blüte, das schlägt sich in der Einführung des Fachs Leibeserziehung nieder." Auch Bewegungen im Ausdruckstanz (Foto zeigt keinen Schulsport) haben in den 1920er Jahren Konjunktur.

Es ist Carl Diem, der mit der Deutschen Hochschule für Leibeserziehung im Jahr 1920 in Berlin die erste Sporthochschule der Welt gründet und damit der Professionalisierung des Schulsports einen Schub verleiht. Diem gilt als einflussreicher Sportfunktionär, ist aber wegen seiner Rolle während der Nazi-Herrschaft umstritten.

"Sport wurde - nach englischem Vorbild der elitären Public Schools - immer auch als Mittel der Charaktererziehung gesehen", sagt Stephan Wassong. Es ging um Zielstrebigkeit und Demokratiebewusstsein, "was dann auf außersportliche Bereiche übertragen werden konnte". Unter dem Nazi-Regime rückt die Militarisierung in den Vordergrund (Foto). "Das individuelle Moment im Sport wurde zurückgedrängt, Individual-Sportarten spielten keine große Rolle mehr". Turnen wurde verpflichtendes Schulfach. Dies wurde nach dem Zweiten Weltkrieg beibehalten.

"In den 1970er und 80er Jahren war eine wichtige Aufgabe des Schulsports, auf den Vereinssport vorzubereiten", erklärt Wassong. Und damit auch auf den Leistungssport.

Seit den 1980er Jahren haben im Sinne der Koedukation an den meisten Schulen Mädchen und Jungen gemeinsam Sportunterricht. "Die Einführung dieses Ansatzes hatte vor allem organisatorische Gründe", betont Bettina Rulofs vom Institut für Soziologie und Genderforschung an der Deutschen Sporthochschule in Köln. Weil es zu wenig Hallen und Sportlehrerinnen gab, war der gemeinsame Unterricht einfacher zu organisieren. "Inhaltliche Überlegungen dazu, wie der Sportunterricht zur Emanzipation beider Geschlechter beitragen kann, gab es kaum."

Heute ist eine wichtige Maßgabe des Sportunterricht die "Mehrperspektivität": Im Sport sollen Geschlechterklischees abgebaut, andere Kulturen integriert, Menschen mit Behinderung mit einbezogen werden. "Der Sportunterricht hat viele Aufgaben hinzugewonnen", fasst Stephan Wassong zusammen.

Stand: 04.12.2017, 06:00 Uhr